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23.04.2008 

Als die Kulturrevolution Ende der 70er-Jahre endet, atmet China auf – und die alten Künste kehren zurück, besonders die Konzentrationsübung Qi Gong. Bald gehören mehr Menschen zu den fünf Qi-Gong-Organisationen als zur KP, die 70 Millionen Mitglieder hat. In diesem Umfeld entsteht die Falungong-Sekte. Weil deren straffe Organisation die Regierung nervös macht, löst sie die Sekte Ende der 90er-Jahre auf. Auch die Qi-Gong-Bewegung ist damit vorbei.

Siao Weijias Weg führt tiefer ins Tai-Chi. Anfang der 80er begegnet er dem Meister Shi Ming. Der fordert ihn auf zu zeigen, was er schon kann. Doch Siao schafft es nicht einmal, den Meister zu berühren. Sein Oberkörper kippt nach vorne, und er stürzt ins Leere. Noch im Fallen ruft er: „Das will ich lernen!“ Die erste Lektion seines neuen Meisters: „Wer still ist, kann das Ungleichgewicht des Partners nutzen“, sagt Siao.

Von nun an kommt er jeden Morgen und bei jedem Wetter in den „Purpurnen Bambus Park“ im Westen Pekings – zwölf Jahre lang. Er meditiert im Stehen zwischen den hohen Bambuspflanzen, übt die immer gleichen Bewegungen. Siao wird zum persönlichen Schüler des Meisters. Er gelobt, der Lehre der „drei Herzen“ zu folgen: klar zu entscheiden, lebenslang zu üben und geduldig zu sein. „Es ist so, als hätte dir jemand ein zweites Leben gegeben“, sagt Siao Weijia.

Shi Ming ist traditioneller Meister. Wer drei Mal ohne triftigen Grund fehlt, fliegt. Macht ein Schüler einen Fehler, soll er ihn selbst bemerken. „Man kann unsere Kunst nur durch persönlichen Kontakt zu einem Meister lernen“, sagt Siao.

Der Meister unterrichtet durch Berührung und nur mit wenigen Worten. Er nimmt die Hand des Schülers und zeigt ihm, wie man die Absicht des anderen erspürt, noch bevor dieser sie in eine Bewegung umgesetzt hat. Die Schüler üben es, die erlernten Reflexe abzulegen. „Im Tai-Chi gibt es keine Konflikte, es hebt sie auf“, sagt Siao. „Jeder sucht nach diesem Zustand der Mitte. Doch nur wenige können diese Harmonie mit ihrem Körper und Geist spüren.“

Als Meister Shi Ming im Jahr 2000 stirbt, beginnt Siao Weijia, selbst zu unterrichten. Nun ist er der Meister. Auch er nimmt die Hand seiner Schüler, legt sie auf seinen Rücken und fragt nachdrücklich: „Spürst du das? Von wo kommt die Energie?“

Ausgerechnet er, Siao Weijia. Verraten doch Schnitt seiner Augen und Form seines Gesichts seine deutsche Mutter. Mancher Landsmann hat den Tai-Chi-Meister gar schon einmal für einen Ausländer gehalten.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die Meister sind einfache Menschen

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