2005 begegnet er drei Schülern seines „Großvaters“ Wang Yongquan, jenes Meisters des Yang-Stils, in dessen Tradition auch Meister Shi stand. Die Meister sind einfache Menschen. In ihre Welt scheint Siao, der Sohn eines bekannten Dichters, nicht zu passen. „Was macht einer wie du hier?“ wird er gefragt. Als Antwort macht Siao eine Partnerübung. Da erkennen sie in ihm einen der ihren.
Und sie hören auf ihn, als Siao Weijia sie mahnt: „Eure Väter sind nicht mehr da. Wenn ihr wollt, dass eure Tradition überlebt, müsst ihr wieder miteinander sprechen.“ Gemeinsam wollen sie nach noch lebenden Schülern ihres Vorfahren suchen.
Im Februar 2006 veranstalten sie eine „Wang-Yongquan-Gedenkveranstaltung“ in jenem Park gleich neben der Verbotenen Stadt, in dem Siao unterrichtet. Hier opferten einst die Kaiser den Ahnen. Kein Ort ist besser geeignet, des eigenen Ahnherrn zu gedenken. Große Gruppen sind der Regierung ein Gräuel. Doch Siao findet einen Weg, und die 160 Meister und Schüler des Tai-Chi kommen zusammen. Die Stimmung ist aufgekratzt, doch Siao warnt: „Das traditionelle Tai-Chi-Chuan gleicht einem Schwerkranken. Wir müssen aufpassen, dass er nicht stirbt.“
Da brechen die Alten mit ihrer Tradition. Sie beschließen, ihr Wissen zu vereinen. Jeder Meister entsendet zwei Schüler zu wöchentlichen Treffen. Eine Webseite entsteht. Jede zivilgesellschaftliche Gruppe benötigt eine Aufsichtseinheit – ohne Kompromisse geht es nicht. Also melden sie im August 2007 einen „Yongquan-Forschungsverein“ an. Dass ihr Tai-Chi nun der Sportverwaltung untersteht, ist der Preis, den Siao Weijia und die Seinen zahlen, um ihre Tradition vor der Moderne zu retten.
Ob es gelingt, ist offen. „Ich sorge mich darum, ob das moderne China diese Weisheit überhaupt erhalten kann“, sagt Siao und nimmt noch einen Zug an seiner Zigarette. Wohl auch deshalb unterrichtet er regelmäßig Tai-Chi in Russland. Weil seine Eltern sich dort einst kennenlernten, die Familiensprache Russisch war und er als Kind die Sowjetunion kennenlernte, ist er mit Russland vertraut. Jahrzehntelang arbeitete Siao Weijia als Russisch-Dozent an chinesischen Hochschulen.
Der Meister weiß, wie beliebt Tai-Chi-Chuan in Russland und im Westen ist. Nachdenklich sagt er: „Falls das traditionelle Tai-Chi-Chuan es nicht in China schafft, dann wird es im Westen überleben.“


