0 Bewertungen
21.04.2008 
Serie: Gesichter Chinas

Der Traum vom kleinen Glück

von Andreas Hoffbauer

Sie schuften für eine Handvoll Reis: Seinen 150 Millionen Wanderarbeitern verdankt China einen großen Teil des Wohlstands. Wei Chaoyun ist einer von ihnen.

Wanderarbeiter Wei Chaoyun: "Wenn der Monat 31 Tage hat, dann arbeiten wir 31 Tage." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Wanderarbeiter Wei Chaoyun: "Wenn der Monat 31 Tage hat, dann arbeiten wir 31 Tage." Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Ein Leben ohne Helm kann sich Wei Chaoyun einfach nicht mehr vorstellen. Seinen Kopfschutz aus Plastik hat er fast immer dabei. Wie ein Feuerwehrmann, der jederzeit im Einsatz ist. „Ich fühle mich ohne ihn irgendwie nackt“, sagt der 56-Jährige und streicht sich mit schwieligen Händen über das graue Stoppelhaar.

Rasch setzt er den Helm wieder auf und greift zur Schippe. Heute braucht Wei Chaoyun eigentlich keinen Helm, denn sein Trupp hat einen leichten Job. Vor dem blauen Metallzaun der Olympia-Baustelle verlegen die Männer Platten für einen Fußweg.

In den Monaten zuvor jedoch, da hat Wei Chaoyun am neuen Nationalstadion in Peking mitgebaut. In die Außenhülle der gigantischen Stahlkonstruktion verflochten er und seine Kollegen 42 000 Tonnen Stahl – sechsmal mehr als im Eiffelturm in Paris. Das „Vogelnest“ ragt hinter ihm in den Himmel. So monströs wie schön.



Seit Februar 2007 schuftet Wei Chaoyun für Olympia. Geschützt von seinem gelben Helm, hat er geholfen, ein neues Weltwunder zu erschaffen. Eine halbe Milliarde Dollar hat das neue Wahrzeichen für Chinas Hauptstadt gekostet. „Bald ist alles fertig“, sagt Wei. Sein Lächeln entblößt braungelbe Zähne. „War ein ganz schönes Stück Arbeit.“

In „Cindy's Cafe“, nur ein paar Steinwürfe vom Stadion entfernt, ist ein Tagwerk Wei Chaoyuns gerade einmal eine Tasse Kaffee wert.

Wei Chaoyun ist ein Wanderarbeiter. Aus der Provinz Henan 600 Kilometer südlich von Peking kam er her. Chinesen wie er haben kaum Rechte, werden entweder miserabel bezahlt oder überhaupt nicht. Ihre Arbeitskraft ist es, der China einen erheblichen Teil seines Wirtschaftsaufschwungs und neuen Wohlstands verdankt.

Und Olympia fände ohne Wanderarbeiter wohl kaum statt. Überall zwischen den Metallstreben des Nationalstadions leuchten gelbe Punkte. Einem Heer von Ameisen gleich wuseln die Arbeiter mit ihren Helmen über die Riesenbaustelle. Sie sägen, schleifen, hämmern und bohren. Jeden Tag und bei jedem Wetter turnen sie in schwindelerregenden Höhen auf der gewagten Konstruktion herum.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Wochenende kennt er nicht

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Höher, schneller, weiter – in die Kri...

    Höher, schneller, weiter – in die Krise

    Mitten in der Finanzkrise protzt Dubai mit Superlativen. Anlässlich der Eröffnung der ersten künstlichen Insel vor der Küste Dubais mit dem Namen "The Palm Jumeirah" waren 2 000 geladenen Gästen aus aller Welt geladen. Serviert wurden 1,7 Tonnen Hummer, 4000 Austern un...Bildergalerie 

  • Piraten machen Somalias Küste unsiche...

    Piraten machen Somalias Küste unsicher

    Ein Drittel der Piratenüberfälle weltweit geht nach Angaben des Internationalen Seefahrtbüros auf das Konto der Seeräuber am Horn von Afrika. Allein 2008 wurden demnach 95 Schiffe von Piraten angegriffen, 39 Angriffe davon sollen "erfolgreich" gewesen sein. Einige Beis...Bildergalerie 

  • Mickey Mouse wird 80

    Mickey Mouse wird 80

    Mit "Steamboat Willie" war der erste Micky-Maus-Film am 18. November 1928 im New Yorker Colony-Theater über die Leinwand geflimmert. Mickey Mouse ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Die sprechende Maus ist Umfragen zufolge mit 97 Prozent bekannter als der Weihna...Bildergalerie 

vor