Doch Chinas stille Helden werden selbstbewusster. Sie lassen sich nicht mehr alles bieten. Inzwischen kommt es regelmäßig zu Protesten von Wanderarbeitern. Bekommen sie ihren Lohn nicht, legen sie die Arbeit nieder. Unterstützt werden sie dabei sogar von der Zentralregierung, denn Peking hat erkannt, dass sich China eine solch schreiende Ungerechtigkeit auf Dauer nicht leisten kann. Gegen ein Heer von Millionen Wanderarbeitern, die sich gegen die Staatsführung erheben, wäre selbst die Partei machtlos.
Doch fairer Lohn für harte Arbeit ist nur eine Sache. Ohne Rechte und Sozialversicherung bleiben Wanderarbeiter wie Wei Chaoyun Bürger zweiter Klasse. Ein Kollege Weis hätte deshalb fast ein Bein verloren. Der Arzt im staatlichen Krankenhaus forderte einen Monatslohn für jeden Behandlungstag, denn in China wird nur gegen Bargeld operiert. Weis Kollege hatte Glück: Ein christliches Hospital nahm in auf und rettete sein Bein. „Ich hatte zum Glück bisher noch keine großen Verletzungen“, sagt Wei Chaoyun.
Seinen Stolz hat er sich bewahrt. Hilfe nimmt er nicht gerne an, nicht einmal von seiner Tochter. Die 23-Jährige arbeitet nun auch in Peking wie er, besucht hat er sie nur einmal. „Ich gehe da nicht mehr hin, sie kocht immer Essen und kauft mir Kleidung“, schimpft der Vater. Im Café hat Wei seine blaugrüne Polyesterjacke gar nicht erst aufgeknöpft. „Ich hab' doch nur so alte Klamotten an“, sagt er.
Wei Chaoyun hat sich daran gewöhnt, dass er im neuen China nicht dazugehört. In vier Monaten, wenn Zehntausende Besucher in Pekings neues Olympia-Stadion strömen, wird er auch nicht dabei sein. „Natürlich würde ich gern mal ins ,Vogelnest' gehen“, sagt er, „aber Leute wie uns lässt man da doch nicht rein.“
Zudem wird sein Bautrupp schon im Mai auf eine Baustelle weit außerhalb von Peking verlegt. Angeblich soll kein Wanderarbeiter während der Spiele in der Stadt sein, hat er gehört. „Wir sind dann ohnehin fertig.“ Wei Chaoyun findet das in Ordnung.
Bis dahin jedoch gibt es noch einiges zu tun für Wei Chaoyun und seine Kollegen. Beim Verlassen des Cafés hat er seinen Helm schon wieder auf dem Kopf.

