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28.12.2006 
Günter Grass

Der verkaufte Skandal

von Christoph Moss

Günter Grass und sein Sommermärchen: Grandios inszeniert der Nobelpreisträger seine SS-Vergangenheit. Der Fall zeigt, wie man Literatur über Wochen zu einem gesellschaftlichen Dauerthema machen kann.

Marketingleute würden von aktiver Verkaufsförderung sprechen - ein Unwort in der Welt der Literatur. Foto: dpaLupe

Marketingleute würden von aktiver Verkaufsförderung sprechen - ein Unwort in der Welt der Literatur. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Da sitzen sie also. Zwei ältere Herren, beides angesehene Persönlichkeiten. Der eine ist freundlich, beliebt, geschätzt als profilierter Journalist. Der andere knorrig, hoch dekoriert, aber nun verwickelt in den größten Literaturskandal des Jahres.

In einem dänischen Hotel spricht Ulrich Wickert mit Günter Grass. Es ist ein Fernsehinterview, und es gibt nur ein Thema: das neue Grass-Werk "Beim Häuten der Zwiebel". Schon vor seiner Veröffentlichung hat dieses Erinnerungsbuch unüberhörbare Nebengeräusche verursacht. Günter Grass, der deutsche Nobelpreisträger, der Moralisierer, war Mitglied der Waffen-SS.

Plötzlich und unerwartet gibt es einen "Fall Grass". Es ist ein Fall, der zeigt, wie man Literatur über Wochen zu einem gesellschaftlichen Dauerthema machen kann. Der Grass des Sommers 2006 liefert alles, was einen Skandal ausmacht: Vermarktung, Empörung, Überraschung, Politik, Geschichte und mediale Aufbereitung. Unversehens wirkt das Fernsehinterview als Teil einer gigantischen Inszenierung. Wie viel von dem, was Grass sagt und tut, ist Marketing, und wie viel ist künstlerisches Schaffen?

"Das lag bei mir begraben", sagt Grass auf die Frage, warum er erst jetzt so richtig über seine Vergangenheit spreche. "Ich bin zur Waffen-SS gezogen worden, war an keinem Verbrechen beteiligt, hatte aber immer das Bedürfnis, eines Tages darüber in einem größeren Zusammenhang zu berichten." Und das habe sich jetzt erst ergeben. Immer wieder verweist Grass auf sein Buch. Marketingleute würden von aktiver Verkaufsförderung sprechen - ein Unwort in der Welt der Literatur.

Rund um den Globus sind die Eruptionen des Skandals spürbar. In Osteuropa, in den USA, in Großbritannien, überall reden und schreiben die Menschen über die Vergangenheit des deutschen Nobelpreisträgers. Zurückgeben soll er seine Auszeichnungen, fordern sie. Gar nicht erst annehmen solche, die ihm noch nicht überreicht wurden. Dieser Grass, das moralische Gewissen der alten Bundesrepublik, hat jahrzehntelang etwas verschwiegen - oder doch nicht?

Leidenschaftlich wird in diesen Sommertagen diskutiert, wer was wann gewusst hat. Und noch viel mehr, wer was wann in welcher Lautstärke veröffentlicht hat. Dokumente tauchen auf. Ein paar Leute wussten es wohl doch schon seit vielen Jahren. Und die Vorabexemplare des Buchs waren auch seit längerem im Umlauf, ohne dass jemand einen Ton gesagt hätte. Historiker, Literaten, Journalisten - sie haben entweder nichts gemerkt oder schweigend weggesehen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Ich war Mitglied der Waffen-SS."

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