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24.04.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Dichten für die Wahrheit

von Ruth Kirchner

Die tibetische Schriftstellerin Tsering Woeser kämpft für die Autonomie ihrer Heimat. Nicht erst seit den jüngsten Unruhen in Tibet ist sie eine einsame Stimme, die den Chinesen ihre Heimat zu erklären versucht. Teil vier der Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“.

Tsering Woeser: "Unsere Kultur ist kostbar und einmalig, sie ist gleichberechtigt und nicht minderwertig gegenüber anderen Kulturen." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Tsering Woeser: "Unsere Kultur ist kostbar und einmalig, sie ist gleichberechtigt und nicht minderwertig gegenüber anderen Kulturen." Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Die schmalen Finger sind ständig in Bewegung. Sie nesteln an der Halskette, zupfen an der Bluse, können keine Sekunde verharren. Manchmal hält Tsering Woeser die Hände in ihrem Schoß fest, als wolle sie sie bändigen. Aber dann setzen die Finger ihre rastlose Suche fort.

Die Frau mit dem feinen, sorgfältig geschminkten Gesicht ist immer auf dem Sprung. Sie zuckt zusammen, wenn die Tür geht. Sie lauscht auf Stimmen draußen vor der Tür. Ob ihr jemand gefolgt ist?

Vor ihrer Wohnung im Stadtteil Tongxian im Osten Pekings stehen oft Sicherheitspolizisten. In der gesichtslosen Hochhaussiedlung weiß man genau, wann sie ein und aus geht, wer in ihre Einzimmerwohnung kommt, wie lang er bleibt, und vermutlich auch, was in ihren vier Wänden gesprochen wird. Ausländische Besucher trifft sie dort schon lange nicht mehr. Sie zieht ein Gespräch an einem anonymen Ort vor.



Tsering Woeser ist Tibeterin. Eine Intellektuelle, Schriftstellerin und Essayistin, die seit einigen Jahren in Peking lebt. Die 42-Jährige ist nicht erst seit den Unruhen in Lhasa eine einsame Stimme, die im Getöse der Propaganda untergeht. Ihre Bücher sind in der Volksrepublik verboten, ihre Internet-Blogs gesperrt – bis auf einen. Dieser Blog läuft über einen Server in den USA und kann weiter im Ausland gelesen werden.

„Wenn Menschen demonstrieren, haben sie noch Hoffnung“, schreibt sie dort am 14. März, dem Tag der schwersten Unruhen in Lhasa seit fast 20 Jahren. „Wenn sie sich nicht mehr zu Wort melden, ist das ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit und nicht etwa der Stabilität. Wer Konflikte unterdrückt, verschärft sie und sät langfristig noch mehr Gewalt.“

Woeser will aufklären. Vor allem über die jüngere Geschichte, mit der sich junge Leute nicht auskennen. Sie sollen wissen, dass die chinesische Armee 1950 Tibet nicht „friedlich befreit“, sondern gewaltsam besetzt hat. So etwas ist heikel in China, wo Abweichungen von offiziellen Geschichtsinterpretationen selten geduldet werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Träume der Kindheit

Schon vor den Protesten in Tibet hat Woeser auf ein Treffen in einem Teehaus bestanden, wo man sie nicht kennt, wo sie offener reden kann, abgeschirmt von anderen Gästen. Hier plätschert ein Wasserfall, zieren Tuschemalereien die Wände. „Als ich klein war, wollte ich Raumfahrt-Wissenschaftlerin werden“, sagt Woeser und lacht. Aber die wachen, dunklen Augen bleiben ernst. Die Träume der Kindheit sind in der chinesischen Hauptstadt Lichtjahre entfernt.

„Ich wuchs als Chinesin auf, nicht als Tibeterin“, erinnert sich Woeser an ihre Kindheit – zuerst in Lhasa, später in der Provinz Sichuan. Ihre tibetische Mutter und ihr tibetisch-chinesischer Vater waren überzeugte Kommunisten, er ein Armee-Offizier, sie Lehrerin an einer Polizeischule.

Die drei Kinder wurden streng im Geiste Maos erzogen. Woeser nennt ihre Schulbildung heute „Gehirnwäsche“. Als Kind der Kulturrevolution hat sie nie gelernt, auf Tibetisch zu schreiben, beherrscht nur die chinesischen Schriftzeichen.

Sie selbst empfindet es als Nachteil, dass sie nicht in der Sprache ihres Volkes schreiben kann, aber es ist auch ihre Stärke. Sie könnte, wenn die Zensur nicht wäre, in China ein Millionenpublikum erreichen.

Genau das macht sie in den Augen der Zensoren so gefährlich. Es gibt nur wenige tibetische Schriftsteller in China, die auf Chinesisch schreiben. Und Woeser war die erste Tibeterin in China, die in der Sprache der Mehrheit kritische Fragen über Pekings Tibetpolitik stellte und zu Verhandlungen mit dem Dalai Lama aufrief.

Mit ihren Büchern und Blogs gehört die zierliche Frau zu einer neuen Generation von tibetischen Intellektuellen, die das Internet erobert haben. „Sie hat mit ihren Blogs neue Standards für offene Diskussionen in China gesetzt“, sagt Sophie Richardson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in New York.

Woeser selbst erklärt ihren Anspruch mit einem schlichten Satz: „Ich möchte, dass die Chinesen Tibet besser verstehen.“

Seit Jahrzehnten fordern Exiltibeter mit Flugblättern und Demonstrationen wie beim Olympia-Fackellauf mehr Selbstbestimmung für ihre Heimat. Woesers Schriften haben mehr Gewicht. „Sie tragen einen Namen, haben Bestand“, sagt Robbie Barnett, Direktor für zeitgenössische tibetische Studien an der Columbia-Universität in New York. Sie sei die erste Tibeterin in China, die die Rolle einer öffentlichen Intellektuellen einnehme.

Die zurückhaltende Frau ist keine politische Aktivistin, die zu Demonstrationen aufruft. „Sie schreibt als Humanistin“, sagt Barnett. Er vergleicht sie mit dem amerikanischen Dramatiker Arthur Miller, der mit gesellschaftskritischen Stücken den Ungerechtigkeiten in seiner Heimat zu Leibe rückte.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kritik an den eigenen Landleuten

Woeser beklagt in ihren Werken den Untergang der tibetischen Kultur, sie analysiert aber auch gesellschaftliche Phänomene im Alltag der Tibeter und kritisiert ihre Landsleute. In dem Essay „Blutige Reise“ etwa beschreibt sie, wie junge Tibeter bei einem Ausflug aus Lust am Töten jedes Tier erschießen, das ihnen vor die Flinte kommt. Und als sie bei einem Kloster ankommen, schmieden sie Pläne, wie sie daraus ein Touristenziel machen können.

Auch solche unpolitischen Texte sind im Grunde hochpolitisch. Denn es geht um den Umgang der kommunistischen Machthaber mit den ethnischen Minderheiten im eigenen Land. Es geht um die Politik der erzwungenen Assimilation, um Fragen der Identität und der Geschichte.

Die Tür geht auf, die Bedienung im traditionellen engen Qipao-Kleid will Tee nachschenken. „Wir machen das selbst“, sagt Woeser fast unwirsch und greift hastig nach der Kanne. Sie wirkt wie ein gehetztes Tier, das sich nirgendwo sicher fühlt.

Das war nicht immer so. Früher hat sie fest an den kommunistischen Staat geglaubt, an Sozialismus und Völkerfreundschaft. Mehr als andere hatte Woeser auch keinen Grund dazu, die Tibetpolitik Pekings zu hinterfragen. Ihr eigener Vater war schließlich Offizier, der beim gescheiterten Aufstand der Tibeter 1959 und während der Kulturrevolution in Lhasa auf chinesischer Seite dabei war. „Mein Vater war für mich ein Held“, sagt Woeser.

Mit dem Literaturstudium in Chengdu nimmt ihr Leben eine neue Wendung. China fängt in den 80er-Jahren an, sich zu öffnen, westliche Ideen werden diskutiert. „Wir wurden langsam zu Rebellen“, erinnert sich Woeser, die an der Uni ihre ersten Gedichte schrieb. „Wir kapierten, dass wir das Recht hatten, an der Geschichte und an Mao zu zweifeln.“

Die Aufbruchstimmung endet abrupt, als die Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 niedergeschlagen wird. Woeser flüchtet sich in die Literatur. „Eine Zeit lang dachte ich, Dichter stehen über allem“, sagt sie.

Sie kehrt in ihre Geburtsstadt Lhasa zurück, arbeitet als Redakteurin bei „Xizang Wenxue“, einer chinesischsprachigen Zeitschrift für tibetische Literatur. Sie schreibt, diskutiert mit Freunden und wendet sich dem Buddhismus zu. Doch ein Leben ohne Politik ist in Tibet kaum möglich. In ihrer Redaktion stehen jeden Donnerstag „politische Schulungen“ an, bei denen der Dalai Lama kritisiert wird. Die tibetischen Mitarbeiter blicken stumm auf die Erde, keiner wagt zu widersprechen.

In dieser Zeit liest Woeser heimlich ausländische Literatur. Darunter eine Übersetzung von „In Exile in the Land of Snows“ von John Avedon, der den Einmarsch in Tibet, die blutige Niederschlagung des Aufstands von 1959 und die dramatische Flucht des Dalai Lama ins Exil beschreibt.

Das Buch ist ein Schock. „Zum ersten Mal begriff ich, dass der Einmarsch der chinesischen Armee keine friedliche Befreiung war“, erzählt Woeser. Die junge Frau zeigt das Buch ihrem Vater. Der Offizier räumt nach sorgfältiger Lektüre ein, 70 Prozent des Inhalts seien wahr.

„Als ich das hörte“, sagt Woeser, „habe ich aufgehört, an die Kommunistische Partei zu glauben.“ Und an den eigenen Vater. Doch für eine Auseinandersetzung mit ihm bleibt keine Zeit, der Vater stirbt kurze Zeit später. Welche Rolle er damals in Lhasa spielte, bleibt unbeantwortet.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Schockierende Bilder

Hinterlassen hat der Vater jedoch eine Kiste mit 300 alten Fotos, von ihm selbst aufgenommen. Schockierende Bilder aus Tibet, die zeigen, wie Nonnen und Mönche öffentlich misshandelt und gedemütigt werden. Und Bilder der Zerstörung. Etwa ein Foto aus dem Innenhof des Jokhang-Tempels, übersät mit zertrümmerten religiösen Gegenständen.

Jetzt hat die Tochter ihr Thema gefunden. Jahrelang recherchiert sie in Lhasa, redet mit Zeitzeugen, befragt die eigene Mutter. Für die ist das eine Quälerei. „Meine Mutter bekam Kopfschmerzen, wenn ich wieder mit meinem Tonband ankam“, sagt Woeser. Dennoch unterstützt die einst linientreue Vorkämpferin des Sozialismus die Tochter, hilft beim Übersetzen der tibetischen Interviews.

Nach einem Gedichtband über Tibet veröffentlicht Woeser 2003 in der Volksrepublik ihre „Notizen über Tibet“, eine Sammlung von 38 Essays, Reiseberichten und Reportagen. Das Buch ist zunächst ein Riesenerfolg und macht Woeser im Ausland bekannt. Aber dann kommt es in China wegen „schwerer politischer Fehler“ auf den Index. Woeser hat zu positiv über den Dalai Lama geschrieben.

Fast täglich muss die Redakteurin danach zu Sitzungen mit Vorgesetzten und Kollegen, wird gedrängt, ihre Fehler einzugestehen. „Es war wieder wie während der Kulturrevolution“, sagt sie bitter. Der Zorn ist noch immer nicht verflogen.

„Ich sollte eine Selbstkritik schreiben, aber das konnte ich einfach nicht“, sagt Woeser. Das bleibt nicht ungestraft: Sie verliert ihren Arbeitsplatz in Lhasa, ihre Wohnung, ihren Anspruch auf Krankenversicherung, ihre Rentenansprüche.

Als 2006 in einem taiwanesischen Verlag ein Buch mit den Fotos erscheint, die ihr Vater während der Kulturrevolution in Tibet aufgenommen hatte, ist sie endgültig zur Staatsfeindin geworden. Doch China verlassen, das kann sie nicht. Immer wieder beantragt sie einen Reisepass, immer lehnen die Behörden ihren Antrag ab. Woeser ist zur Gefangenen im eigenen Land geworden.



Der Bildband „Verbotene Erinnerung – Tibet während der Kulturrevolution“ soll dieses Jahr in Frankreich erscheinen. Es sei eines der wenigen Zeugnisse über die Ereignisse in Lhasa vor 40 Jahren, sagen Experten.

Die Tibeter müssten ihre Geschichte zurückerobern, verteidigt Woeser die Publikation, das „echte Tibet“, wie sie es nennt, „nicht das falsche Tibet, wie es die Regierung präsentiert“. Angesichts der Entwicklung auf dem Dach der Welt haben solche Sätze brennende Aktualität. In ihrem Blog versucht sie, die jüngsten Unruhen in Tibet genau zu dokumentieren. Aus dem Gefängnis ihrer vier Wände heraus, trägt sie akribisch Daten über die Niederschlagung der Proteste zusammen.

Woeser steht hinter den Aufrufen des Dalai Lama zur Mäßigung und Gewaltlosigkeit. Wie er will auch sie nicht die Unabhängigkeit für Tibet, wohl aber mehr Autonomie. „Unsere Kultur ist kostbar und einmalig, sie ist gleichberechtigt und nicht minderwertig gegenüber anderen Kulturen“, sagt sie im Teehaus. Aus ihrer Ablehnung der Olympischen Spiele in Peking macht sie keinen Hehl. „Dafür ist China noch nicht reif.“

Bei diesen Worten streichen die Handflächen wieder unruhig über die Silberringe an den Fingern. Dann trinkt sie noch einen Schluck Tee, bevor sie das Teehaus verlässt und im Gewühl der Großstadt verschwindet.

Kurze Zeit nach diesem Gespräch brechen die Unruhen in Lhasa aus. Die Sicherheitspolizei verstärkt die Überwachung Woesers. Sie und ihr Mann, der chinesische Intellektuelle Wang Lixiong, stehen in den vergangenen Wochen immer wieder unter Hausarrest. Woeser vermeidet jeden Kontakt zu ausländischen Journalisten. „Ich kann nicht sprechen“, sagt sie am Telefon und legt auf.

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