Schon vor den Protesten in Tibet hat Woeser auf ein Treffen in einem Teehaus bestanden, wo man sie nicht kennt, wo sie offener reden kann, abgeschirmt von anderen Gästen. Hier plätschert ein Wasserfall, zieren Tuschemalereien die Wände. „Als ich klein war, wollte ich Raumfahrt-Wissenschaftlerin werden“, sagt Woeser und lacht. Aber die wachen, dunklen Augen bleiben ernst. Die Träume der Kindheit sind in der chinesischen Hauptstadt Lichtjahre entfernt.
„Ich wuchs als Chinesin auf, nicht als Tibeterin“, erinnert sich Woeser an ihre Kindheit – zuerst in Lhasa, später in der Provinz Sichuan. Ihre tibetische Mutter und ihr tibetisch-chinesischer Vater waren überzeugte Kommunisten, er ein Armee-Offizier, sie Lehrerin an einer Polizeischule.
Die drei Kinder wurden streng im Geiste Maos erzogen. Woeser nennt ihre Schulbildung heute „Gehirnwäsche“. Als Kind der Kulturrevolution hat sie nie gelernt, auf Tibetisch zu schreiben, beherrscht nur die chinesischen Schriftzeichen.
Sie selbst empfindet es als Nachteil, dass sie nicht in der Sprache ihres Volkes schreiben kann, aber es ist auch ihre Stärke. Sie könnte, wenn die Zensur nicht wäre, in China ein Millionenpublikum erreichen.
Genau das macht sie in den Augen der Zensoren so gefährlich. Es gibt nur wenige tibetische Schriftsteller in China, die auf Chinesisch schreiben. Und Woeser war die erste Tibeterin in China, die in der Sprache der Mehrheit kritische Fragen über Pekings Tibetpolitik stellte und zu Verhandlungen mit dem Dalai Lama aufrief.
Mit ihren Büchern und Blogs gehört die zierliche Frau zu einer neuen Generation von tibetischen Intellektuellen, die das Internet erobert haben. „Sie hat mit ihren Blogs neue Standards für offene Diskussionen in China gesetzt“, sagt Sophie Richardson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in New York.
Woeser selbst erklärt ihren Anspruch mit einem schlichten Satz: „Ich möchte, dass die Chinesen Tibet besser verstehen.“
Seit Jahrzehnten fordern Exiltibeter mit Flugblättern und Demonstrationen wie beim Olympia-Fackellauf mehr Selbstbestimmung für ihre Heimat. Woesers Schriften haben mehr Gewicht. „Sie tragen einen Namen, haben Bestand“, sagt Robbie Barnett, Direktor für zeitgenössische tibetische Studien an der Columbia-Universität in New York. Sie sei die erste Tibeterin in China, die die Rolle einer öffentlichen Intellektuellen einnehme.
Die zurückhaltende Frau ist keine politische Aktivistin, die zu Demonstrationen aufruft. „Sie schreibt als Humanistin“, sagt Barnett. Er vergleicht sie mit dem amerikanischen Dramatiker Arthur Miller, der mit gesellschaftskritischen Stücken den Ungerechtigkeiten in seiner Heimat zu Leibe rückte.
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