Woeser beklagt in ihren Werken den Untergang der tibetischen Kultur, sie analysiert aber auch gesellschaftliche Phänomene im Alltag der Tibeter und kritisiert ihre Landsleute. In dem Essay „Blutige Reise“ etwa beschreibt sie, wie junge Tibeter bei einem Ausflug aus Lust am Töten jedes Tier erschießen, das ihnen vor die Flinte kommt. Und als sie bei einem Kloster ankommen, schmieden sie Pläne, wie sie daraus ein Touristenziel machen können.
Auch solche unpolitischen Texte sind im Grunde hochpolitisch. Denn es geht um den Umgang der kommunistischen Machthaber mit den ethnischen Minderheiten im eigenen Land. Es geht um die Politik der erzwungenen Assimilation, um Fragen der Identität und der Geschichte.
Die Tür geht auf, die Bedienung im traditionellen engen Qipao-Kleid will Tee nachschenken. „Wir machen das selbst“, sagt Woeser fast unwirsch und greift hastig nach der Kanne. Sie wirkt wie ein gehetztes Tier, das sich nirgendwo sicher fühlt.
Das war nicht immer so. Früher hat sie fest an den kommunistischen Staat geglaubt, an Sozialismus und Völkerfreundschaft. Mehr als andere hatte Woeser auch keinen Grund dazu, die Tibetpolitik Pekings zu hinterfragen. Ihr eigener Vater war schließlich Offizier, der beim gescheiterten Aufstand der Tibeter 1959 und während der Kulturrevolution in Lhasa auf chinesischer Seite dabei war. „Mein Vater war für mich ein Held“, sagt Woeser.
Mit dem Literaturstudium in Chengdu nimmt ihr Leben eine neue Wendung. China fängt in den 80er-Jahren an, sich zu öffnen, westliche Ideen werden diskutiert. „Wir wurden langsam zu Rebellen“, erinnert sich Woeser, die an der Uni ihre ersten Gedichte schrieb. „Wir kapierten, dass wir das Recht hatten, an der Geschichte und an Mao zu zweifeln.“
Die Aufbruchstimmung endet abrupt, als die Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 niedergeschlagen wird. Woeser flüchtet sich in die Literatur. „Eine Zeit lang dachte ich, Dichter stehen über allem“, sagt sie.
Sie kehrt in ihre Geburtsstadt Lhasa zurück, arbeitet als Redakteurin bei „Xizang Wenxue“, einer chinesischsprachigen Zeitschrift für tibetische Literatur. Sie schreibt, diskutiert mit Freunden und wendet sich dem Buddhismus zu. Doch ein Leben ohne Politik ist in Tibet kaum möglich. In ihrer Redaktion stehen jeden Donnerstag „politische Schulungen“ an, bei denen der Dalai Lama kritisiert wird. Die tibetischen Mitarbeiter blicken stumm auf die Erde, keiner wagt zu widersprechen.
In dieser Zeit liest Woeser heimlich ausländische Literatur. Darunter eine Übersetzung von „In Exile in the Land of Snows“ von John Avedon, der den Einmarsch in Tibet, die blutige Niederschlagung des Aufstands von 1959 und die dramatische Flucht des Dalai Lama ins Exil beschreibt.
Das Buch ist ein Schock. „Zum ersten Mal begriff ich, dass der Einmarsch der chinesischen Armee keine friedliche Befreiung war“, erzählt Woeser. Die junge Frau zeigt das Buch ihrem Vater. Der Offizier räumt nach sorgfältiger Lektüre ein, 70 Prozent des Inhalts seien wahr.
„Als ich das hörte“, sagt Woeser, „habe ich aufgehört, an die Kommunistische Partei zu glauben.“ Und an den eigenen Vater. Doch für eine Auseinandersetzung mit ihm bleibt keine Zeit, der Vater stirbt kurze Zeit später. Welche Rolle er damals in Lhasa spielte, bleibt unbeantwortet.
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