Hinterlassen hat der Vater jedoch eine Kiste mit 300 alten Fotos, von ihm selbst aufgenommen. Schockierende Bilder aus Tibet, die zeigen, wie Nonnen und Mönche öffentlich misshandelt und gedemütigt werden. Und Bilder der Zerstörung. Etwa ein Foto aus dem Innenhof des Jokhang-Tempels, übersät mit zertrümmerten religiösen Gegenständen.
Jetzt hat die Tochter ihr Thema gefunden. Jahrelang recherchiert sie in Lhasa, redet mit Zeitzeugen, befragt die eigene Mutter. Für die ist das eine Quälerei. „Meine Mutter bekam Kopfschmerzen, wenn ich wieder mit meinem Tonband ankam“, sagt Woeser. Dennoch unterstützt die einst linientreue Vorkämpferin des Sozialismus die Tochter, hilft beim Übersetzen der tibetischen Interviews.
Nach einem Gedichtband über Tibet veröffentlicht Woeser 2003 in der Volksrepublik ihre „Notizen über Tibet“, eine Sammlung von 38 Essays, Reiseberichten und Reportagen. Das Buch ist zunächst ein Riesenerfolg und macht Woeser im Ausland bekannt. Aber dann kommt es in China wegen „schwerer politischer Fehler“ auf den Index. Woeser hat zu positiv über den Dalai Lama geschrieben.
Fast täglich muss die Redakteurin danach zu Sitzungen mit Vorgesetzten und Kollegen, wird gedrängt, ihre Fehler einzugestehen. „Es war wieder wie während der Kulturrevolution“, sagt sie bitter. Der Zorn ist noch immer nicht verflogen.
„Ich sollte eine Selbstkritik schreiben, aber das konnte ich einfach nicht“, sagt Woeser. Das bleibt nicht ungestraft: Sie verliert ihren Arbeitsplatz in Lhasa, ihre Wohnung, ihren Anspruch auf Krankenversicherung, ihre Rentenansprüche.
Als 2006 in einem taiwanesischen Verlag ein Buch mit den Fotos erscheint, die ihr Vater während der Kulturrevolution in Tibet aufgenommen hatte, ist sie endgültig zur Staatsfeindin geworden. Doch China verlassen, das kann sie nicht. Immer wieder beantragt sie einen Reisepass, immer lehnen die Behörden ihren Antrag ab. Woeser ist zur Gefangenen im eigenen Land geworden.
Der Bildband „Verbotene Erinnerung – Tibet während der Kulturrevolution“ soll dieses Jahr in Frankreich erscheinen. Es sei eines der wenigen Zeugnisse über die Ereignisse in Lhasa vor 40 Jahren, sagen Experten.
Die Tibeter müssten ihre Geschichte zurückerobern, verteidigt Woeser die Publikation, das „echte Tibet“, wie sie es nennt, „nicht das falsche Tibet, wie es die Regierung präsentiert“. Angesichts der Entwicklung auf dem Dach der Welt haben solche Sätze brennende Aktualität. In ihrem Blog versucht sie, die jüngsten Unruhen in Tibet genau zu dokumentieren. Aus dem Gefängnis ihrer vier Wände heraus, trägt sie akribisch Daten über die Niederschlagung der Proteste zusammen.
Woeser steht hinter den Aufrufen des Dalai Lama zur Mäßigung und Gewaltlosigkeit. Wie er will auch sie nicht die Unabhängigkeit für Tibet, wohl aber mehr Autonomie. „Unsere Kultur ist kostbar und einmalig, sie ist gleichberechtigt und nicht minderwertig gegenüber anderen Kulturen“, sagt sie im Teehaus. Aus ihrer Ablehnung der Olympischen Spiele in Peking macht sie keinen Hehl. „Dafür ist China noch nicht reif.“
Bei diesen Worten streichen die Handflächen wieder unruhig über die Silberringe an den Fingern. Dann trinkt sie noch einen Schluck Tee, bevor sie das Teehaus verlässt und im Gewühl der Großstadt verschwindet.
Kurze Zeit nach diesem Gespräch brechen die Unruhen in Lhasa aus. Die Sicherheitspolizei verstärkt die Überwachung Woesers. Sie und ihr Mann, der chinesische Intellektuelle Wang Lixiong, stehen in den vergangenen Wochen immer wieder unter Hausarrest. Woeser vermeidet jeden Kontakt zu ausländischen Journalisten. „Ich kann nicht sprechen“, sagt sie am Telefon und legt auf.


