0 Bewertungen
05.09.2007 
Was ist Coolness?

Die Angst vor der Leidenschaft

von Ferdinand Knauss

„Bleib cool!“ Gegen diesen Rat ist fast keine Widerrede möglich. Niemand möchte uncool sein. Doch was bedeutet das Wort „cool“ und was sagt die Wertschätzung dieser Eigenschaft über unsere Gesellschaft aus? Philosophen und Psychologen blicken auf das Ideal einer ganzen Generation.

Schauspieler James Dean: Cooler geht's nicht. Foto: apLupe

Schauspieler James Dean: Cooler geht's nicht. Foto: ap

DÜSSELDORF. 21 Übersetzungen bietet der Verein Deutsche Sprache an für das „alles und nichts sagende Modewort“: beherrscht, besonnen, entspannt, gelassen, gleichmütig, lässig, nervenstark, nüchtern, ruhig, überlegen, aufregend, dufte, geil, interessant, klasse, prima, spannend, spitze, super, stark, toll. Die Liste ist sicher noch unvollständig. Je allgemeiner ein Begriff ist, desto weniger sagt sein Inhalt aus und desto nichtssagender kann er verwendet werden. Fast alles Gute kann „cool“ genannt werden – zumindest in gewissen Milieus.

Die große Verbreitung des Wörtchens zeigt, dass die Lebenshaltung, die hinter diesem Attribut steht, in der westlichen Welt zu einem allgemeinen Prinzip erhoben wurde. Auf der Internetseite „single-generation.de“, einer Diskussionsplattform und Sammlung generationentheoretischer Artikel, ist sogar von der „Diktatur der Coolness“ die Rede.

Genau zu umschreiben, was cool ist, fällt gerade den Kennern der Materie schwer. Der amerikanische Autor Nick Tosches, Biograph zahlreicher Coolness-Ikonen wie etwa Dean Martin, weiß, dass es kein Rezept dafür gibt: „To dress cool, one must be cool.“ Und das gilt sicher nicht nur für die Kleidung. Die Essenz der Coolness zu erfassen, überlässt der Coole anderen, deren Theorien er wahrscheinlich als ziemlich uncool empfindet.

Das Denken sei nämlich eine „Tätigkeit, die das Gros der Coolen ängstlich vermeidet“, schreibt der Philosoph Andreas Urs Sommer in einem Aufsatz der „Zeitschrift für Ideengeschichte“. Er beschreibt Coolness als „habitualisierte Technik des Sich-Entziehens“ – eine ganz besondere allerdings. „Ein Kartäusermönch, so sehr er sich allen Kohäsionskräften entzieht, wird schwerlich zur Ikone des Coolen avancieren.“ Des letzteren Faszination liege in einem „Widerspruch von Distanz und Involviertsein“. Der Idealtypus des Coolen, etwa James Dean, ist innerlich zerrissen, hinter seiner unnahbaren Fassade ist er aufgewühlt von Gefühl.

Die Väter dessen, was wir heute als Coolness ansehen, macht der Kulturwissenschaftler Tom Holert in den Männern der afroamerikanischen Gegenkultur des frühen 20. Jahrhunderts aus. „Keep cool“, verordnete der schwarze Polit-Poet Marcus Garvey den wütenden Nachfahren der Sklaven, um mit der täglichen Diskriminierung fertig zu werden. Ende der 40er Jahre eroberten „Cool Jazz“-Musiker wie Miles Davis („Birth of the cool“ heißt eine seiner Platten) mit ihrer unbewegten Pose die Konzertbühnen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ist die coole Lebenshaltung mehr als nur eine Pose?

Coolness ist ursprünglich also die defensive Lebenshaltung des Außenseiters, des Unterdrückten. Die (weißen) jungen Kino- und Rock'n'Roll-Helden der 50er und 60er Jahre übernahmen diesen Habitus der schwarzen Außenseiter und machten ihn für die Massenjugendkultur verfügbar: James Dean spielt in „Giganten“ (1956) einen Stallknecht, der seinen Hass auf den Boss cool im Zaum hält. Von da war es nur ein kurzer Weg zu den „Coolhunters“ der Konsumgüterindustrie, die die rebellischen Bedürfnisse der Jugend aufspüren und in die Mode-Boutiquen dirigieren.

Die Lebenshaltung einer emotionalen Distanz zu dem was uns umgibt, ist kein Phänomen der Moderne. Doch nach einem Ausflug in die „Denkgeschichte der Distanz“ kann Philosoph Sommer nur wenig finden, was den modernen Coolen als Bestandteil einer solchen Genealogie erscheinen lässt. „Der Coole unserer Tage ist umso cooler, je mehr er sich völliger Ideologie- und Überzeugungsabstinenz annähert.“ Das Distanziertsein sinke bei ihm zu einer leeren Pose herab, und auch involviert ist er nur noch durch sein wählerisches Konsumverhalten.

Stephan Grünewald, Psychologe und Autor von „Deutschland auf der Couch“ sieht in der coolen Lebenshaltung, die in den 90er Jahren zu einem Massenphänomen geworden sei, „mehr als eine Pose“. Er und seine Mitarbeiter haben in mehr als 20 000 Einzelinterviews festgestellt, dass die „94er Jugend“ – also die in der ersten Hälfte der 70er jahre geborenen heutigen jungen Berufstätigen – die „coole Gleichgültigkeit“ als „unbewusste Schmerzvermeidungsstrategie“ verfolgen. Die „Relativitätstheorie der Wirklichkeit“ nennt er das, denn „die Quelle allen Schmerzes sah die 94er-Jugend darin, dass man mit aller Entschiedenheit auf ein bestimmtes Kultur- oder Lebensideal setzt“ – wie die Eltern als 68er und die Großeltern während der Zeit des Nationalsozialismus. Aus den Idealen und dem Willen zur Veränderung bei früheren Generationen wurden spöttische Ironie und distanzierte, pseudoüberlegene Gleichgültigkeit.

In dieses Bild passen die Politiker der 94er Jugend. Sie vermeiden ängstlich jeden Anschein einer Leidenschaft, also eines Willens, die Welt zu gestalten. In den Bundestag kommen aus dieser Generation bevorzugt emotionsarme Politbuchhalter, wie die gelernten Bankkaufleute Jens Spahn (27, CDU), Carsten Schneider (31, SPD) und Daniel Bahr (30, FDP). Über den „unendlichen Pragmatismus“ dieser Langeweiler, aus denen man keine Meinung herauskitzeln kann, ist selbst das Magazin „Neon“ entsetzt, die Hauspostille der coolen Generation.

Der coole Mensch der Gegenwart ist so abgeklärt, dass er das wahre Leben als Show an sich vorbeilaufen lässt. Er begegnet der Welt als ästhetisierender Beobachter. „Das Design wird wichtiger als das Sein“, schreibt Grünewald. Der Kultfilmregisseur der 94er Jugend ist daher Quentin Tarrantino: Seine Gewaltorgien verschaffen einen kurzen Thrill. Aber da sie als Zitate aus der Kinogeschichte erkennbar sind, bieten sie stets die beruhigende Gewissheit, dass alles nicht das wahre Leben abbildet, sondern nur ein großer Gag ist, der nicht wirklich zu Herzen gehen muss. Die Killer in „Pulp Fiction“ (1994) sind Überhelden der Coolness: Sie reden vor dem Töten über die Qualität von Hamburgern. „We're gonna be cool“, belehren sie ein aufgeregtes Kleinkriminellen-Päärchen, das sie mit einer Pistole bedroht.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Hauptstädte der Coolness

Coolness erscheint als Lebenshaltung einer (über)reifen Kultur, die so viel hinter sich hat (oder schon im Kino gesehen hat), dass sie nichts mehr aufregt. Es ist eine Rentner-Philosophie von 25-Jährigen. Grünewalds 94er-Jugend kommt Friedrich Nietzsches „letzten Menschen“ nah, die „das Glück erfunden“ haben und „blinzeln“: „Man ist klug und weiß alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten ... Es ist Eis in ihrem Lachen“ (Also sprach Zarathustra, 1883-1885). Damals war das noch eine schreckliche Zukunftsvision: Allzu cool sind auch die „Eloi“ in H. G. Wells' fantastischem Roman „Die Zeitmaschine“ (1895), die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn ihre Artgenossen von den „Morlocks“ aufgefressen werden.

Großes haben Coole kaum geschaffen. Wenn man von Film- und Rockmusikgrößen absieht, sind die meisten Menschen, deren Taten die Welt bewegten und bewegen, vergleichsweise uncool. Wäre Kolumbus cool gewesen, hätte vermutlich ein anderer den Weg nach Amerika finden müssen.

Zeichnete man heute eine Weltkarte der Coolness, deren Hauptstädte nach Ansicht des Anthropogeographen Paul Walley New York, London, Paris und Tokyo sind, so wäre der gesamte muslimische Kulturkreis weitgehend eine Wüste. Der missionarische Eifer einer Offenbarungsreligion erlaubt keine lässige Distanz zur Umwelt. Das zornige Skandieren und wilde in die Luft Geballere bei Demonstrationen, das aufgeregte Zerren an den Leichen bei Beerdigungen von „Märtyrern“. Solche hitzigen Aufgeregtheiten sind der leidenschaftsentwöhnten Gesellschaft des Westens fremd geworden.

Die Vokabel „cool“ gehört zwar auch zum Wortschatz türkischer oder arabischer Jugendlicher in deutschen Städten. Doch mit der abgeklärten Gleichgültigkeit ihrer deutschen Nachbarn haben sie nicht viel gemein. Die gereizt-provozierende Frage „Was guckst du?“ ist als Kennzeichen junger muslimischer Einwanderer so eindeutig, dass Pro Sieben danach sogar eine Comedy-Sendung benennt.

Grünewald erkennt diesen Gegensatz auch in dem kontroversen Fernsehfilm „Wut“, der vor einem Jahr die Nation bewegte: Der junge türkische Gewalttäter provoziert den allzu toleranten deutschen Vater des von ihm malträtierten Jungen, seine überlegene Coolness aufzugeben. „Du hast keinen Respekt!“, wirft der Türke ihm vor. „Respekt“ steht bei ihm für all das, was ein Mann von seiner Umwelt fordert auch mit den Fäusten. Dass der deutschen Mehrheitsgesellschaft solche Coolness-Defizite bei jungen Männern höchst suspekt sind, beweisen die zahlreichen Angebote von „Coolness-Trainings“ zur Gewaltverhinderung (etwa 20 000 Einträge bei google).

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor