Coolness ist ursprünglich also die defensive Lebenshaltung des Außenseiters, des Unterdrückten. Die (weißen) jungen Kino- und Rock'n'Roll-Helden der 50er und 60er Jahre übernahmen diesen Habitus der schwarzen Außenseiter und machten ihn für die Massenjugendkultur verfügbar: James Dean spielt in „Giganten“ (1956) einen Stallknecht, der seinen Hass auf den Boss cool im Zaum hält. Von da war es nur ein kurzer Weg zu den „Coolhunters“ der Konsumgüterindustrie, die die rebellischen Bedürfnisse der Jugend aufspüren und in die Mode-Boutiquen dirigieren.
Die Lebenshaltung einer emotionalen Distanz zu dem was uns umgibt, ist kein Phänomen der Moderne. Doch nach einem Ausflug in die „Denkgeschichte der Distanz“ kann Philosoph Sommer nur wenig finden, was den modernen Coolen als Bestandteil einer solchen Genealogie erscheinen lässt. „Der Coole unserer Tage ist umso cooler, je mehr er sich völliger Ideologie- und Überzeugungsabstinenz annähert.“ Das Distanziertsein sinke bei ihm zu einer leeren Pose herab, und auch involviert ist er nur noch durch sein wählerisches Konsumverhalten.
Stephan Grünewald, Psychologe und Autor von „Deutschland auf der Couch“ sieht in der coolen Lebenshaltung, die in den 90er Jahren zu einem Massenphänomen geworden sei, „mehr als eine Pose“. Er und seine Mitarbeiter haben in mehr als 20 000 Einzelinterviews festgestellt, dass die „94er Jugend“ – also die in der ersten Hälfte der 70er jahre geborenen heutigen jungen Berufstätigen – die „coole Gleichgültigkeit“ als „unbewusste Schmerzvermeidungsstrategie“ verfolgen. Die „Relativitätstheorie der Wirklichkeit“ nennt er das, denn „die Quelle allen Schmerzes sah die 94er-Jugend darin, dass man mit aller Entschiedenheit auf ein bestimmtes Kultur- oder Lebensideal setzt“ – wie die Eltern als 68er und die Großeltern während der Zeit des Nationalsozialismus. Aus den Idealen und dem Willen zur Veränderung bei früheren Generationen wurden spöttische Ironie und distanzierte, pseudoüberlegene Gleichgültigkeit.
In dieses Bild passen die Politiker der 94er Jugend. Sie vermeiden ängstlich jeden Anschein einer Leidenschaft, also eines Willens, die Welt zu gestalten. In den Bundestag kommen aus dieser Generation bevorzugt emotionsarme Politbuchhalter, wie die gelernten Bankkaufleute Jens Spahn (27, CDU), Carsten Schneider (31, SPD) und Daniel Bahr (30, FDP). Über den „unendlichen Pragmatismus“ dieser Langeweiler, aus denen man keine Meinung herauskitzeln kann, ist selbst das Magazin „Neon“ entsetzt, die Hauspostille der coolen Generation.
Der coole Mensch der Gegenwart ist so abgeklärt, dass er das wahre Leben als Show an sich vorbeilaufen lässt. Er begegnet der Welt als ästhetisierender Beobachter. „Das Design wird wichtiger als das Sein“, schreibt Grünewald. Der Kultfilmregisseur der 94er Jugend ist daher Quentin Tarrantino: Seine Gewaltorgien verschaffen einen kurzen Thrill. Aber da sie als Zitate aus der Kinogeschichte erkennbar sind, bieten sie stets die beruhigende Gewissheit, dass alles nicht das wahre Leben abbildet, sondern nur ein großer Gag ist, der nicht wirklich zu Herzen gehen muss. Die Killer in „Pulp Fiction“ (1994) sind Überhelden der Coolness: Sie reden vor dem Töten über die Qualität von Hamburgern. „We're gonna be cool“, belehren sie ein aufgeregtes Kleinkriminellen-Päärchen, das sie mit einer Pistole bedroht.
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