Nein, 1968 war kein Jahr des politischen Umsturzes, eine Revolution fand nicht statt. Auf einem anderen Feld erwiesen sich die Umsturzbemühungen der 68er als wesentlich effektiver: Der Angriff auf althergebrachte Kommunikationsrituale war ein voller Erfolg.
DÜSSELDORF. Heidelberg im Wintersemester 1968/69. Angehende Gymnasiallehrer sitzen im Studienseminar und lernen, wie man Schülern Goethe-Gedichte vermittelt. „Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde …“ Plötzlich fliegt die Türe auf. Eine Handvoll Studenten geht durch die Reihen zum Katheder. „Ruhe!“ stammelt der Professor. „Wer hat Sie ermächtigt …?“ Der Rest geht in Gelächter unter. Er wird zur Seite gedrängt, einer der Studenten ergreift das Mikrofon und setzt sich auf das Pult.
„Wir interpretieren die Literatur nicht, wir machen sie, wir sind sie!“ Es geht nicht mehr um Goethe und die Sesenheimer Lieder, sondern um Ho Chi Minh und Vietnam, das nach Ansicht der Redner auch hier und überall sei. Eine ältere Studentin, Mutter zweier Kleinkinder, fordert, dass das Seminar weitergeht. „Ich glaube“, sagt einer der Studenten, „die gehört mal links gevögelt.“ Gelächter.
Das ist eine wahre Begebenheit. Und ähnliche ereigneten sich vor 40 Jahren an den meisten deutschen Universitäten. Auch wenn vom radikalen politischen Programm der zahlreichen Jugendbewegungen, die als „68er“ zusammengefasst werden, nur wenig geblieben ist, so haben sich doch die Sitten und Regeln des Umgangs miteinander in jener Zeit stark verändert.
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„Die Sprache wurde freier, weniger gehemmt“, sagt Heidrun Kämper vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, die das Forschungsprojekt „Zeitreflexionen 1967/68“ leitet. Dass man heute mit Fäkal- und Sexualvokabeln selbst in bildungsbürgerlichen Kreisen kaum noch schockieren kann, ist eine Folge von 1968. „Das Wort ‚Scheiße’ hatte Konjunktur wie viele andere Vulgarismen“, schreibt der Germanist Joachim Scharloth von der Universität Zürich in seinem Aufsatz „1968 und die Unordnung in der Sprache“.
Seine These: Das Ziel der 68er-Bewegung war die „Störung der rituellen Ordnung“. Ein neuer, „unordentlicher“ Kommunikationsstil wurde zur Waffe im Kampf um die Veränderung der Gesellschaft. Demonstrationen verliefen nicht ruhig und diszipliniert, sondern gewollt chaotisch und dadurch provozierend.
„Bürger, lasst das Gaffen sein, kommt herunter, reiht euch ein!“ – „Unter den Talaren Muff von 1 000 Jahren“ – „Haut dem Springer auf die Finger!“ Die Parolen sind literarisch peinlich schlecht, aber wichtiger war die Art und Weise, wie sie vorgebracht wurden. Untergehakt und im Hopserlauf skandierten Demonstranten für ihr exotisches Idol „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ und gegen dessen angeblich imperialistisch-faschistischen Feind („USA-SA-SS“).
„Das Sprengen von Vorlesungen, das Stören von Gottesdiensten und Immatrikulationsfeiern oder das Intervenieren in Vorträgen von unliebsamen Rednern gehörten zum Alltag studentischer Proteste“, schreibt Scharloth. Staatliche Autoritäten wurden infrage gestellt. Mit Zwischenrufen („Wenn’s der Wahrheitsfindung dient!“) und Gegenfragen versuchte der Kommunenbewohner und „Spaßrevoluzzer“ Fritz Teufel in einem Strafprozess wegen eines Steinwurfs, Richter und Staatsanwaltschaft lächerlich zu machen.
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„Besonders asymmetrische Formen der Kommunikation, also solche Kommunikationsrituale, in denen die freie Rede und Gegenrede durch Tradition oder Macht eingeschränkt waren, wurden in den Jahren der 68er-Bewegung zum Gegenstand der Kritik“, sagt Scharloth. Den etablierten setzten die 68er neue Rituale entgegen: zum Beispiel aus Amerika übernommen das Sit-in (Sitzblockade), das Go-in (wie eingangs beschrieben) oder das Teach-in (freie Diskussionen ohne „Autoritäten“).
„Kritik“ und „Diskussion“ waren beliebte Schlagworte der von der „Kritischen Theorie“ geprägten Studenten. „Häufig freilich war der Austausch von Meinungen um 1968 weit entfernt vom Ideal herrschaftsfreier Diskussion. Insbesondere Diskussionen mit politischen Gegnern hatten oft den Charakter von Tribunalen und endeten mit Niederbrüllen und Beleidigungen“, schreibt Scharloth.
Bei der studentischen Diskutierfreude ging es nämlich auch um die Abgrenzung von einer Gesellschaft, „die angeblich durch eine autoritär-monologische Kommunikationskultur und das ‚kommunikative Beschweigen’ der nationalsozialistischen Vergangenheit gekennzeichnet war“, wie die Berliner Historikerin Nina Verheyen kürzlich auf einem Kongress über „1968 und die sprachgeschichtlichen Folgen“ berichtete. Mit der „Inszenierung von Diskutierbereitschaft“ ließ sich da moralischer Gewinn erzielen.
Der von neomarxistischem Fachvokabular geprägte Polit-Jargon Rudi Dutschkes und seiner Genossen vom „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ war aber meist so unverständlich, dass ihn schon die Zeitgenossen „Soziologenchinesisch“ nannten. Heidrun Kämper weiß von einer Podiumsdiskussion, in der Dutschke aus dem Publikum zugerufen wurde: „Jetzt red’ doch mal deutsch!“ Bezeichnend ist auch, dass 1968 ein „Revolutionslexikon“ und ein „Sprachführer durch die Revolution“ erschienen, in denen etwa stand, was unter der angeblichen „Repression“ des Staates zu verstehen sei. Die Arbeiterschaft, den eigentlichen Adressaten der Revolutionsrhetorik, ließen solche Debatten weitestgehend kalt.
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In den Kommunen dagegen, der sozialexperimentellen Avantgarde der Bewegung, wurden nicht nur politische Probleme, sondern vor allem persönliche und sexuelle „ausdiskutiert“. Es kam oft zu nächtelangen Diskutier-Exzessen. Im Gegensatz zum verquasten, fremdwortreichen Stil Rudi Dutschkes herrschte dort ein nicht weniger grausiger „ungepflegter, auf Unmittelbarkeit bedachter Tonfall“, wie der Historiker und reuige Ex-68er Götz Aly in „Unser Kampf“ rückblickend schreibt.
Erstaunlicherweise hielten viele Kommunarden diese Gespräche in Protokollen fest und veröffentlichten sie. Diese Texte sind unfreiwillig lächerlich, da sie konsequent die gesprochene Sprache wiedergeben: „Nee weißte, also sone Vergleiche find ich irgendwie Ausflüchte.“ Sprachwissenschaftler Scharloth nennt dies den „hedonistischen Selbstverwirklichungsstil“, zu dem neben Umgangssprache vor allem Relativierungen und Ich-Bezogenheit gehören. Er lebt, wie sozio-linguistische Untersuchungen belegen, bis heute fort. Spätestens ab den 80er-Jahren beeinflusste er auch die Mehrheitsgesellschaft, da das alternative Milieu zu einem hegemonialen wurde. Auf ihrem „Marsch durch die Institutionen“ nahmen die 68er auch ihre Umgangsformen mit.
Die öffentliche Sprache, nicht nur die gesprochene, wurde informeller. Aus „Hochachtungsvoll“ als Abschiedsgruß wurde zum Beispiel „mit lieben Grüßen“. Scharloth: „Die Emotionalität, mit der man um 1968 hoffte, einen neuen, zärtlicheren Menschen zu schaffen, kam allmählich in der Mehrheitsgesellschaft an. Freilich nicht als authentisches Gefühl, das es auch schon in der 68er-Bewegung nur selten war, sondern als Inszenierung von Emotionalität und Nähe.“

