0 Bewertungen
14.05.2008 

„Die Sprache wurde freier, weniger gehemmt“, sagt Heidrun Kämper vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, die das Forschungsprojekt „Zeitreflexionen 1967/68“ leitet. Dass man heute mit Fäkal- und Sexualvokabeln selbst in bildungsbürgerlichen Kreisen kaum noch schockieren kann, ist eine Folge von 1968. „Das Wort ‚Scheiße’ hatte Konjunktur wie viele andere Vulgarismen“, schreibt der Germanist Joachim Scharloth von der Universität Zürich in seinem Aufsatz „1968 und die Unordnung in der Sprache“.

Seine These: Das Ziel der 68er-Bewegung war die „Störung der rituellen Ordnung“. Ein neuer, „unordentlicher“ Kommunikationsstil wurde zur Waffe im Kampf um die Veränderung der Gesellschaft. Demonstrationen verliefen nicht ruhig und diszipliniert, sondern gewollt chaotisch und dadurch provozierend.

„Bürger, lasst das Gaffen sein, kommt herunter, reiht euch ein!“ – „Unter den Talaren Muff von 1 000 Jahren“ – „Haut dem Springer auf die Finger!“ Die Parolen sind literarisch peinlich schlecht, aber wichtiger war die Art und Weise, wie sie vorgebracht wurden. Untergehakt und im Hopserlauf skandierten Demonstranten für ihr exotisches Idol „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ und gegen dessen angeblich imperialistisch-faschistischen Feind („USA-SA-SS“).

„Das Sprengen von Vorlesungen, das Stören von Gottesdiensten und Immatrikulationsfeiern oder das Intervenieren in Vorträgen von unliebsamen Rednern gehörten zum Alltag studentischer Proteste“, schreibt Scharloth. Staatliche Autoritäten wurden infrage gestellt. Mit Zwischenrufen („Wenn’s der Wahrheitsfindung dient!“) und Gegenfragen versuchte der Kommunenbewohner und „Spaßrevoluzzer“ Fritz Teufel in einem Strafprozess wegen eines Steinwurfs, Richter und Staatsanwaltschaft lächerlich zu machen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Sit-In, Go-In und Teach-In als neue Rituale“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Zuletzt besucht / gesucht

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Herr Schmidt, der Durchschnittsdeutsche

    Herr Schmidt, der Durchschnittsdeutsche

    Er heiratet im Alter von 32,6 Jahren, nennt seine Tochter Marie, fährt täglich ins Büro und macht am liebsten in Bayern Urlaub. Das aktuelle Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes gibt tiefe Einblicke in das Leben von Otto Normalverbraucher. Bildergalerie 

  • Von Tränen, Eheglück und Nasenklemmen b...

    Von Tränen, Eheglück und Nasenklemmen bei Olympia

    Zwei Wochen lang präsentierten sich Athleten und Funktionäre bei den Olympischen Spielen in Peking der Welt. Welche Figur die Olympioniken in Peking machten – und wem das Gold für die außergewöhnlichste Performance gebührt.Bildergalerie 

  • Baggern für Gold

    Baggern für Gold

    Mit ihrem 108. Sieg in Serie haben Kerri Walsh und Misty May-Treanor beim olympischen Beachvolleyball-Turnier in Peking ihren Gold-Coup von Athen 2004 wiederholt. Impressionen vom Finale. Bildergalerie 

vor