„Die Sprache wurde freier, weniger gehemmt“, sagt Heidrun Kämper vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, die das Forschungsprojekt „Zeitreflexionen 1967/68“ leitet. Dass man heute mit Fäkal- und Sexualvokabeln selbst in bildungsbürgerlichen Kreisen kaum noch schockieren kann, ist eine Folge von 1968. „Das Wort ‚Scheiße’ hatte Konjunktur wie viele andere Vulgarismen“, schreibt der Germanist Joachim Scharloth von der Universität Zürich in seinem Aufsatz „1968 und die Unordnung in der Sprache“.
Seine These: Das Ziel der 68er-Bewegung war die „Störung der rituellen Ordnung“. Ein neuer, „unordentlicher“ Kommunikationsstil wurde zur Waffe im Kampf um die Veränderung der Gesellschaft. Demonstrationen verliefen nicht ruhig und diszipliniert, sondern gewollt chaotisch und dadurch provozierend.
„Bürger, lasst das Gaffen sein, kommt herunter, reiht euch ein!“ – „Unter den Talaren Muff von 1 000 Jahren“ – „Haut dem Springer auf die Finger!“ Die Parolen sind literarisch peinlich schlecht, aber wichtiger war die Art und Weise, wie sie vorgebracht wurden. Untergehakt und im Hopserlauf skandierten Demonstranten für ihr exotisches Idol „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ und gegen dessen angeblich imperialistisch-faschistischen Feind („USA-SA-SS“).
„Das Sprengen von Vorlesungen, das Stören von Gottesdiensten und Immatrikulationsfeiern oder das Intervenieren in Vorträgen von unliebsamen Rednern gehörten zum Alltag studentischer Proteste“, schreibt Scharloth. Staatliche Autoritäten wurden infrage gestellt. Mit Zwischenrufen („Wenn’s der Wahrheitsfindung dient!“) und Gegenfragen versuchte der Kommunenbewohner und „Spaßrevoluzzer“ Fritz Teufel in einem Strafprozess wegen eines Steinwurfs, Richter und Staatsanwaltschaft lächerlich zu machen.
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