„Besonders asymmetrische Formen der Kommunikation, also solche Kommunikationsrituale, in denen die freie Rede und Gegenrede durch Tradition oder Macht eingeschränkt waren, wurden in den Jahren der 68er-Bewegung zum Gegenstand der Kritik“, sagt Scharloth. Den etablierten setzten die 68er neue Rituale entgegen: zum Beispiel aus Amerika übernommen das Sit-in (Sitzblockade), das Go-in (wie eingangs beschrieben) oder das Teach-in (freie Diskussionen ohne „Autoritäten“).
„Kritik“ und „Diskussion“ waren beliebte Schlagworte der von der „Kritischen Theorie“ geprägten Studenten. „Häufig freilich war der Austausch von Meinungen um 1968 weit entfernt vom Ideal herrschaftsfreier Diskussion. Insbesondere Diskussionen mit politischen Gegnern hatten oft den Charakter von Tribunalen und endeten mit Niederbrüllen und Beleidigungen“, schreibt Scharloth.
Bei der studentischen Diskutierfreude ging es nämlich auch um die Abgrenzung von einer Gesellschaft, „die angeblich durch eine autoritär-monologische Kommunikationskultur und das ‚kommunikative Beschweigen’ der nationalsozialistischen Vergangenheit gekennzeichnet war“, wie die Berliner Historikerin Nina Verheyen kürzlich auf einem Kongress über „1968 und die sprachgeschichtlichen Folgen“ berichtete. Mit der „Inszenierung von Diskutierbereitschaft“ ließ sich da moralischer Gewinn erzielen.
Der von neomarxistischem Fachvokabular geprägte Polit-Jargon Rudi Dutschkes und seiner Genossen vom „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ war aber meist so unverständlich, dass ihn schon die Zeitgenossen „Soziologenchinesisch“ nannten. Heidrun Kämper weiß von einer Podiumsdiskussion, in der Dutschke aus dem Publikum zugerufen wurde: „Jetzt red’ doch mal deutsch!“ Bezeichnend ist auch, dass 1968 ein „Revolutionslexikon“ und ein „Sprachführer durch die Revolution“ erschienen, in denen etwa stand, was unter der angeblichen „Repression“ des Staates zu verstehen sei. Die Arbeiterschaft, den eigentlichen Adressaten der Revolutionsrhetorik, ließen solche Debatten weitestgehend kalt.
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