In den Kommunen dagegen, der sozialexperimentellen Avantgarde der Bewegung, wurden nicht nur politische Probleme, sondern vor allem persönliche und sexuelle „ausdiskutiert“. Es kam oft zu nächtelangen Diskutier-Exzessen. Im Gegensatz zum verquasten, fremdwortreichen Stil Rudi Dutschkes herrschte dort ein nicht weniger grausiger „ungepflegter, auf Unmittelbarkeit bedachter Tonfall“, wie der Historiker und reuige Ex-68er Götz Aly in „Unser Kampf“ rückblickend schreibt.
Erstaunlicherweise hielten viele Kommunarden diese Gespräche in Protokollen fest und veröffentlichten sie. Diese Texte sind unfreiwillig lächerlich, da sie konsequent die gesprochene Sprache wiedergeben: „Nee weißte, also sone Vergleiche find ich irgendwie Ausflüchte.“ Sprachwissenschaftler Scharloth nennt dies den „hedonistischen Selbstverwirklichungsstil“, zu dem neben Umgangssprache vor allem Relativierungen und Ich-Bezogenheit gehören. Er lebt, wie sozio-linguistische Untersuchungen belegen, bis heute fort. Spätestens ab den 80er-Jahren beeinflusste er auch die Mehrheitsgesellschaft, da das alternative Milieu zu einem hegemonialen wurde. Auf ihrem „Marsch durch die Institutionen“ nahmen die 68er auch ihre Umgangsformen mit.
Die öffentliche Sprache, nicht nur die gesprochene, wurde informeller. Aus „Hochachtungsvoll“ als Abschiedsgruß wurde zum Beispiel „mit lieben Grüßen“. Scharloth: „Die Emotionalität, mit der man um 1968 hoffte, einen neuen, zärtlicheren Menschen zu schaffen, kam allmählich in der Mehrheitsgesellschaft an. Freilich nicht als authentisches Gefühl, das es auch schon in der 68er-Bewegung nur selten war, sondern als Inszenierung von Emotionalität und Nähe.“


