Die englische Hauptstadt amüsiert sich über das Duell um das Bürgermeisteramt. Mit Ken Livingstone und Boris Johnson treten zwei ausgemachte Entertainer gegeneinander an. Die Programme sind mittlerweile fast nebensächlich.
LONDON. Streitlust liegt dem „roten Ken“ im Blut. „Wenn sie nicht glauben, dass London besser geworden ist, wählen sie mich einfach nicht mehr“, schnarrt er in nasalem Tonfall gleich zu Beginn der Fernsehdebatte. Er hat in 30 Jahren Londoner Kommunalpolitik schon größere Widersacher überlebt, Margaret Thatcher und Tony Blair zum Beispiel.
Am 1. Mai will Ken Livingstone zum dritten Mal zu Londons Bürgermeister gewählt werden. Zweimal ließ er mit rauem Charme graue Gegenkandidaten abblitzen. Doch diesmal wird es nicht so leicht. Die Angriffe auf die Hausmacht, mit der er sich in Londons hochmodernem „Rathaus“ bei der Tower Bridge verschanzt hat, werden immer schärfer. Eine Channel 4 Dokumentation befasste sich eine Stunde lang mit dem „roten Ken“ und kam zum Schluss: Er trinkt schon morgens Whisky und hat ein dicht gewobenes Netz ehemaliger Trotzkisten der „Socialist Action Group“ im Rathaus platziert.
Seine Mitbewerber sind nicht weniger exzentrisch. Der schwule Ex-Polizist Brian Paddick, der als Polizeichef von Brixton im Alleingang Cannabis entkriminalisieren wollte, vertritt die Liberaldemokraten. Die Tories aber haben eine Wunderwaffe auf Livingstones Amtssitz gerichtet: Alexander Boris de Pfeffel Johnson.
Die Briten kennen „Boris“, das Multitalent mit flachsblonder Mähne, als Fernsehkomödiant, Kolumnist, leidenschaftlicher Stadt-Radler und seine Seitensprünge. Er schrieb ein Dutzend Bücher mit Titeln wie „Die Gefahren ehrgeiziger Eltern“. Seit 2001 ist er Tory-Abgeordneter eines der reichsten britischen Wahlkreise, Henley on Thames.
So wenig wie Livingston je aus Taktgefühl ein Blatt vor den Mund nehmen würde, verspürte Boris die Notwendigkeit, ein Fettnäpfchen wegen eines guten Aperçus zu vermeiden. Er machte Schlagzeilen mit Kritik an Nationalkoch Jamie Oliver, beleidigte die Stadt Portsmouth („voller Drogen, Fettsucht, Leistungsscheu und Labour Abgeordneten“). Und nach der Ermordung der Irak-Geisel Ken Bigley warf er den Liverpoolern vor, sie liebten es, sich „in Sentimentalität zu suhlen“. „Boris wird der schlimmste Bürgermeister Londons werden“, höhnt Livingstone. „Ken ist schon der schlimmste Bürgermeister Londons“ kontert dieser.
Vor ein paar Monaten hätten nur wenige Johnson eine Chance gegeben. Livingstone schnitt sich das Amt mit Autorität und Skrupellosigkeit auf den Leib zu. Sein Haushalt verdreifachte sich auf über 10 Milliarden Pfund. Der Ausbau des Busnetzes, die Einführung der City-Maut, eine harte Umweltstrategie, konsequente Pflege seiner Wählerklientel unter Londons ethnischen Minderheiten festigten seine Macht. Um Muslimwähler hinter sich zu bringen, ließ er kontroverse Hassprediger einfliegen. Nun versprach er kostenlose Bus- und U-Bahnfahrt für Rentner, auch in der Rush-Hour.
So erfolgreich war Ken, dass die Labour Partei den Verstoßenen wieder aufnahm. Als London 2005 die Olympischen Spiele erhielt, verkündigte Livingstone im Stimmungshoch: „Ich werde auch bei Olympia 2012 noch Bürgermeister sein.“Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auf welche Schichten Johnson zielt
Vielleicht beherrscht Livingstone seinen Amtsapparat zu perfekt. Einige der Vorwürfe gegen ihn werden nun von der Polizei untersucht. Über Etats, die letztendlich der schwarze Beauftragte für Rassengleichheit, Lee Jasper kontrolliert, sollen bis zu 2,5 Mill. Pfund an Fördergeldern versickert sein. Jaspers Stellvertreterin musste in der vergangenen Woche zurücktreten, weil sie sich auf Steuerzahlerkosten einen Wochenendtrips nach Lagos geleistet hatte. Auf die Frage eines BBC-Interviewers, ob er sich wie ein Feudalherr aufspiele, antwortete Livingstone lapidar: „Anders hätte ich nie in so kurzer Zeit die City-Maut durchgebracht oder den Etat für die Polizei erhöht.“ Der Bürgermeister werde nicht von Bürokraten gebremst. „Vergesst den Whisky. Ken ist von seiner Macht berauscht“, kommentierte Boris.
Johnson überlässt die schmutzige Arbeit Livingstones Feinden wie der Lokalzeitung „Evening Standard“. Kein Wort über die Skandale, als er ein paar Tage nach der Fernsehdebatte in einer Taxifahrerkantine hinter dem Bahnhof Paddington Hände schüttelt. „Weniger politische Korrektheit, mehr common sense“, gibt er als Parole aus. Doch in die Klagen der Cabbies über Kens ungerechte Verkehrsstrafen stimmt er ein: „Wie eine Echse sitzt Ken auf einem Berg von Bußgeldern. Wir müssen ihn aus seiner Schatzhöhle vertreiben.“
Kann der harmlose Possenreißer den eiskalten Apparatschik aus dem Rathaus vertreiben? In einer Umfrage Anfang Januar lag Livingstone nur ein Prozent vor Johnson. Aber landesweit liegen die Tories rund zehn Prozentpunkte vor Labour – das gibt dem Londoner Machtkampf die Würze. „Mit seiner Faulheit wird er die Chancen David Camerons, Premier zu werden, ruinieren“, warnte Tory Kolumnist Peter Oborne in der „Daily Mail“, als Johnson nach seiner Nominierung im Juli keinerlei Anstalten machte, sich um Londons Stadtpolitik zu kümmern.
Nun hat sich Boris Johnson in den Wahlkampf gestürzt. Er besucht Taxifahrerkantinen, Krankenhäuser, Radfahrertreffen und glaubt zu wissen, was die Londoner wollen. Livingstones 18 Meter lange, unbeliebte Schnelleinsteig-Gelenkbusse will er „auf skandinavische Flughäfen verbannen“. Die Billigwohnungen, mit denen Livingstone die Wohnungsnot lindern will, sind ihm ein Greuel. „Wir brauchen Familienhäuser, die man auch in 100 Jahren noch liebt“, sagt Johnson. Vor allem aber will er, dass Kinder ohne Furcht vor Messerstechereien zur Schule gehen, oder besser, radeln können – wie er selbst in den frühen siebziger Jahren, bevor er in die Eliteschule Eton geschickt wurde. Johnson lastet die 27 Teenager, die 2007 in London ermordet wurden, Livingstons Versäumnissen an.
Das Programm wirkt fast nebensächlich. Doch die Londoner verstehen Johnson. Er ist der Kandidat der grünen Vorstädte, der Londoner Mittelschichten, der Familien, die im harten Klima der globalen Metropole um ihren sozialen Status immer härter kämpfen müssen. Er zielt auf die Schichten, die Livingston mit dem Spagat, mit dem er die Finanzwelt und die ethnischen Minderheiten hinter sich brachte, vergessen hat.


