Vielleicht beherrscht Livingstone seinen Amtsapparat zu perfekt. Einige der Vorwürfe gegen ihn werden nun von der Polizei untersucht. Über Etats, die letztendlich der schwarze Beauftragte für Rassengleichheit, Lee Jasper kontrolliert, sollen bis zu 2,5 Mill. Pfund an Fördergeldern versickert sein. Jaspers Stellvertreterin musste in der vergangenen Woche zurücktreten, weil sie sich auf Steuerzahlerkosten einen Wochenendtrips nach Lagos geleistet hatte. Auf die Frage eines BBC-Interviewers, ob er sich wie ein Feudalherr aufspiele, antwortete Livingstone lapidar: „Anders hätte ich nie in so kurzer Zeit die City-Maut durchgebracht oder den Etat für die Polizei erhöht.“ Der Bürgermeister werde nicht von Bürokraten gebremst. „Vergesst den Whisky. Ken ist von seiner Macht berauscht“, kommentierte Boris.
Johnson überlässt die schmutzige Arbeit Livingstones Feinden wie der Lokalzeitung „Evening Standard“. Kein Wort über die Skandale, als er ein paar Tage nach der Fernsehdebatte in einer Taxifahrerkantine hinter dem Bahnhof Paddington Hände schüttelt. „Weniger politische Korrektheit, mehr common sense“, gibt er als Parole aus. Doch in die Klagen der Cabbies über Kens ungerechte Verkehrsstrafen stimmt er ein: „Wie eine Echse sitzt Ken auf einem Berg von Bußgeldern. Wir müssen ihn aus seiner Schatzhöhle vertreiben.“
Kann der harmlose Possenreißer den eiskalten Apparatschik aus dem Rathaus vertreiben? In einer Umfrage Anfang Januar lag Livingstone nur ein Prozent vor Johnson. Aber landesweit liegen die Tories rund zehn Prozentpunkte vor Labour – das gibt dem Londoner Machtkampf die Würze. „Mit seiner Faulheit wird er die Chancen David Camerons, Premier zu werden, ruinieren“, warnte Tory Kolumnist Peter Oborne in der „Daily Mail“, als Johnson nach seiner Nominierung im Juli keinerlei Anstalten machte, sich um Londons Stadtpolitik zu kümmern.
Nun hat sich Boris Johnson in den Wahlkampf gestürzt. Er besucht Taxifahrerkantinen, Krankenhäuser, Radfahrertreffen und glaubt zu wissen, was die Londoner wollen. Livingstones 18 Meter lange, unbeliebte Schnelleinsteig-Gelenkbusse will er „auf skandinavische Flughäfen verbannen“. Die Billigwohnungen, mit denen Livingstone die Wohnungsnot lindern will, sind ihm ein Greuel. „Wir brauchen Familienhäuser, die man auch in 100 Jahren noch liebt“, sagt Johnson. Vor allem aber will er, dass Kinder ohne Furcht vor Messerstechereien zur Schule gehen, oder besser, radeln können – wie er selbst in den frühen siebziger Jahren, bevor er in die Eliteschule Eton geschickt wurde. Johnson lastet die 27 Teenager, die 2007 in London ermordet wurden, Livingstons Versäumnissen an.
Das Programm wirkt fast nebensächlich. Doch die Londoner verstehen Johnson. Er ist der Kandidat der grünen Vorstädte, der Londoner Mittelschichten, der Familien, die im harten Klima der globalen Metropole um ihren sozialen Status immer härter kämpfen müssen. Er zielt auf die Schichten, die Livingston mit dem Spagat, mit dem er die Finanzwelt und die ethnischen Minderheiten hinter sich brachte, vergessen hat.


