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11.02.2008 
Berlinale

Die Hollywood-Lücke

von Hans-Peter Siebenhaar

An Glamour fehlt es auf der Berlinale 2008 nicht, doch der Schein trügt: Der Kinofilm steckt in einer tiefen Krise. Im vergangenen Jahr verbuchten die deutschen Kinos einen Besucherschwund von acht Prozent; der Marktanteil deutscher Filme sank. Ob es dieses Jahr aufwärts geht, ist angesichts des Konfliktes in Hollywood ungewiss. Die Dauerkrise des Kinos.

Szene aus dem Eröffnungsfilm "Shine a Light" des Regisseurs Martin Scorsese. Foto: apLupe

Szene aus dem Eröffnungsfilm "Shine a Light" des Regisseurs Martin Scorsese. Foto: ap

BERLIN. Deutschlands größtes Filmfestival hat mit dem Konzertfilm „Shine a Light“ des Hollywood-Regisseurs Martin Scorsese bereits am Eröffnungstag für einen Paukenschlag gesorgt. Der Oscar-Gewinner Scorsese tänzelte gemeinsam mit den betagten Rolling Stones über den roten Teppich am Potsdamer Platz. Ein Blitzlichtgewitter wie sonst am Sunset Boulevardbrachte eine filmreife Kulisse.

Doch der schöne Schein der 58. Berlinale trügt. Der Kinofilm steckt tief in der Krise. „Das Kino steht unter massivem Konkurrenzdruck. Längst setzen den Filmtheatern nicht nur immer neue Fernsehkanäle zu, sondern auch die DVD und das Internet mit seinen Bewegtbildern, Computerspielen“, sagt Fred Kogel, Vorstandschef von Constantin Film.

Vom Zauber des Festivals lässt sich der frühere Sat 1-Chef nicht blenden. Kogel ist ein gebranntes Kind. „Das Kinojahr 2007 war schwierig. Der Filmverleih hat uns im vergangenen Jahr Verluste beschert. Wir haben uns in den anderen Geschäftsfelder angestrengt, um diese Verluste auszubügeln“, berichtet er.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Im vergangenen Jahr kamen über acht Prozent weniger Besucher in die deutschen Kinos. Nach Angaben der Berliner Filmförderanstalt gingen die Einnahmen um 5,7 Prozent auf rund 768 Mill. Euro zurück. Der Marktanteil deutscher Filme sank auf 18,9 Prozent. Im Vorjahr war es noch knapp 26 Prozent gewesen. Ob dieses Jahr besser wird, steht trotz des öffentlichen Zweckoptimismus in den Sternen. Denn es gibt zahlreiche Risiken: „Die Fußball-Europameisterschaft im Sommer ist eine massive Konkurrenz. Im Vergleich zur WM vor zwei Jahren fehlt uns diesmal ein Sönke-Wortmann-Film über die deutsche Nationalmannschaft“, sagt Kogel.

Hinzu kommt der seit Anfang November laufende Streik der Drehbuchautoren in Hollywood. „Durch den Streik in Hollywood ist eine Lücke gerissen worden“, berichtet Filmproduzent Kogel. Die Produktionspause wird sich in den Filmtheatern weltweit negativ bemerkbar machen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Marktfähige Filme aus den USA fehlen.

Derzeit arbeiten die Studios wie Disney, Warner Bros. oder Universal mit der Autorengewerkschaft WGA unter Hochdruck an einem Kompromiss. Bei einem Autorentreffen am Samstag in Los Angeles kam das Verhandlungsergebnis mit den Studios gut an. „Im Moment habe ich das klare Gefühl, dass der Vorschlag durchgeht“, sagt WGA-Präsident Michael Winship. Sollte er recht behalten, könnte der Streik dann am Mittwoch ad acta gelegt werden.

Der Konflikt in Hollywood hat Folgen. „Der Streik hinterlässt auf der Berlinale seine Spuren. Auf der Messe European Film Market fehlen zumindest bis jetzt interessante neue Filme“, klagt Kogel. Die Filmmesse im reizvollen Martin-Gropius-Bau, nur ein paar Schritte vom Berlinale-Palast am Potsdamer Platz entfernt, hat sich hinter Cannes und Los Angeles als Marktplatz fest etabliert. Diesmal kommen 431 Firmen aus 51 Ländern in die Hauptstadt, um mehr als 700 Filme zu verkaufen – eine Rekordbeteiligung.

Doch diese Zahlen täuschen. Nach Meinung von Marktteilnehmern fehlen die marktfähigen Filme aus den USA, denn Hollywood hat derzeit Probleme. „Die große programmkreative Industrie in Hollywood kocht nur mit Wasser. Schon im vergangenen Jahr wurde beispielsweise auf der Filmmesse L.A. Screenings deutlich, dass es auch dort nur selten gelingt, neue exportfähige Serien zu produzieren“, sagt Wolf Bauer, Chef des Filmkonzerns Ufa. Auch die Chefin des European Film Market Beki Probst ist skeptisch. „Wir sehen weltweit eine Kreativitätskrise des Films. In Hollywood gibt es nur noch Fortsetzungen wie Spiderman oder Remakes wie Ocean’s Eleven. Es braucht aber nicht immer einen bombastischen Aufwand, um einen erfolgreichen Film für das Publikum zu machen.“

Den Beweis, dass auch preiswerte Filme weltweite Kassenknüller werden können, ist die Berlinale bislang schuldig geblieben. Denn nach dem glamourösen Auftakt mit den Rolling Stones ist am Wochenende Nüchternheit eingekehrt. Die Wettbewerbsfilme des Festivals riefen durchweg zweispältige Reaktionen hervor. Die meisten werden ohnehin keinen Verleih finden, sondern wieder in irgendwelchen Rechtebibliotheken verschwinden.

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