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26.10.2006 
„Wirtschaftsmacht Indien“: Teil 12

Die indische Herausforderung

Indien kombiniert niedrige Löhne von Wissensarbeitern mit modernsten Maschinen und cleveren Geschäftsmodellen. Das verändert die Grundlage, auf der Deutschland mit dem Rest der Welt konkurriert. Die globalisierte indische Wissensgesellschaft stellt Deutschland vor große Herausforderungen.

Indiens Aufstieg zu einer neuen Wirtschaftsmacht folgt mit kurzem Abstand auf den Chinas. Ein Drittel der Weltbevölkerung hat sich auf den Weg in Kapitalismus und Freihandel begeben. Sie schlagen den Westen zunehmend bei seinem eigenen Spiel. Mit ihren riesigen Märkten, ihrer Jugend, ihrem Fortschrittshunger und ihren Kostenvorteilen bei Forschung und Fertigung verändern die asiatischen Riesen die Welt.

Die Folgen für Europa können nicht kleingeredet werden, denn die Auswirkungen von Indiens und Chinas Ein- tritt in die Weltwirtschaft verstärken sich gegenseitig. Ein zunehmend globalisierter Arbeitsmarkt erlebt dadurch einen Angebotsschock. Der Markt für wichtige Rohstoffe erleidet einen Nachfrageschock. Die erste Entwicklung setzt das Einkommensniveau im Westen unter Druck und wirkt deflationär. Die zweite erhöht die Kosten wichtiger Güter wie Energie und wirkt inflationär. Gleichzeitig sinken die Preise vieler Waren und Dienste, die Europäer konsumieren. Das federt den Effekt sinkender Einkommen und steigender Rohstoffkosten ab. Im abstrakten, makroökonomischen Rahmen könnten sich diese gegenläufigen Entwicklungen daher zumindest teilweise ausgleichen. Aber nicht auf dem Bankkonto jedes Bundesbürgers.

Als „Fabrik der Welt“ saugt China vor allem Arbeitsplätze in der Produktion aus Deutschland ab. Zugleich macht Indiens Vormarsch in die Globalisierung das Leben für eine breite Mitte von Facharbeitern und Bürokräften härter. Vielen, die in einer Bank oder bei einem IT-Unternehmen arbeiten, dürfte es künftig schwerer fallen, Gehaltserhöhungen durchzusetzen. Manche werden eine Gehaltskürzung hinnehmen, weil sie um ihre Anstellung bangen. Einige können ihre Arbeit ganz verlieren. Alle werden kaum damit zu trösten sein, dass ein neues Handy billiger wurde, weil es „made in China“ ist und die Software darin aus Indien stammt – vor allem, wenn zugleich Heizöl und Benzin mehr kosten.

Deutschland darf angesichts der Doppelherausforderung aus dem Osten jedoch nicht in Angststarre verfallen. Vertraut es seiner Fähigkeit, Wandel zu gestalten, kann es auch gegenüber Indien und China bestehen. Denn aus Asien winken ihm auch kräftige Impulse: Für seine Überalterung kann Indiens Jugend als Gegenmittel wirken. Deutschland wird dieses Lebenselixier bald nötig haben. Vor allem jedoch beleben China und Indien die Weltwirtschaft in einer Art, wie es den gesättigten Gesellschaften des Westens unmöglich geworden ist.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Handel mit Wissen ist kein Nullsummenspiel

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