Chinas neue Helden tragen Uniform: Im Erdbebengebiet von Sichuan sind die Soldaten der Volksbefreiungsarmee oft die einzigen, die zu den Verschütteten vordringen können. Doch die Hilfe der Retter stößt immer wieder an Grenzen. Mittlerweile rechnet Chinas Regierung mit mehr als 50 000 Toten. Und der Katastrophenregion droht bereits eine neue Gefahr.
Rettungsarbeiten in Chengdu: Oft sind die Soldaten die einzigen Helfer, die zu den Verschütteten vordringen können. Foto: Andreas Hoffbauer
CHENGDU. Nach der Heldentat gönnt sich Soldat Mu erst einmal einen tiefen Schluck aus der Sprudelflasche. „Zwei kleine Kinder konnten wir hier schon lebend rausholen, jetzt auch noch die Mutter“, sagt der Mann im grünen Kampfanzug und zeigt auf den Trümmerhaufen. Dort, wo mal ein mehrstöckiges Wohnhaus mit Ladenzeile gestanden hat, ist nichts übrig geblieben außer einem Haufen Schutt und Dreck. Nur die rosa Kinderbettdecke mit den kleinen Teddybären, auf die die Geborgene gelegt wird, erinnert noch an fröhlichere Tage.
Soldat Mu aus der rund 100 Kilomneter entfernten Provinzhauptstadt Chengdu sieht mit seinem verschwitzten schwarzen T-Shirt und der Guerilla-Kappe zwar eher wie ein Dschungelkämpfer aus. Doch seit einigen Stunden ist er in den Tälern von Beichuan als Sanitäter und Lebensretter im Einsatz. Denn die Regierung in Peking hat seit dem schwersten Beben Jahrzehnten 80 000 Soldaten in die betroffene Provinz Sichuan geschickt. Noch immer sind hier Zehntausende verschüttet, mehr als 50 000 Menschen könnten die Katastrophe nicht überlebt haben, schätzt die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.
Bildergalerie: Soldaten als Lebensretter
Bei allem Unglück sei er jetzt sehr glücklich, sagt Soldat Mu in eine laufende Fernsehkamera. Das sind die Bilder, die China momentan um die Welt gehen sehen möchte. Dafür hat sich Peking sogar zu einer neuen PR-Offensive entschlossen: Noch nie haben sogar führende Armeemitglieder so offen zu Journalisten geplaudert wie momentan im Bebengebiet.
Auch die eigene Presse feiert die Truppe. „Wenshuan, wir sind da!“, titelte gestern die „Sichuan Morningpost“ auf Seite Eins. Dazu als Titelfoto das Bild eines Militärhubschraubers, der gerade Lebensmittel und Medizin in die Berge gebracht hat. In dem am schwersten betroffenen Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum des Erdbebens mit der Stärke 7,8 lag, sind viele Orte dem Erdboden gleichgemacht. „Magical Moments“ titelete auch „China Daily“ auf der Frontseite über dem Bild einer Schwangeren, die im ebenfalls schwer zerstörten Dujianguyan aus den Trümmern geborgen wurde.
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Ob Schneechaos, Zugunglück oder Erdbeben – China setzt bei Katastrophen vor allem auf seine Soldaten. Doch die Volksbefreiungsarmee hat keine Bergjäger oder spezielle Rettungseinheiten. Auch Mu’s Trupp besteht aus gewöhnlichen Soldaten. „Wir sind kein spezielles Rettungsteam“, sagt der Einsatzleiter, ein Leutnant, im nahen Basislager ganz offen.
Rund 1000 Soldaten haben hier in Windeseile ein Zeltdorf errichtet, versorgen bereits Hunderte von Obdachlosen. „Wir bekommen Wasser und Kekse, werden ganz gut versorgt“, sagt Wu Jia Zhen. Sie übernachtet mit ihrem Enkelsohn und einigen Bewohnern ihres Dorfes Qin Ling in einem der Planenzelte. „Wir können nie wieder zurück“, sagt die Gruppe, „unser Dorf ist für immer ausgelöscht.“ Sie hätten nur überlebt, weil sie zum Zeitpunkt des Bebens auf dem Feld waren.
Bild für Bild: Wie China mit der Katastrophe umgeht
Nebenan bekommen in einem Feldlazarett die Verletzten zumindest eine Erstversorgung. Doch die schweren Fälle müssen in die nächste Stadt, nach Mianyang, gebracht werden. Bislang sind aber noch keine Krankenwagen hinauf in die Berge gekommen, werden die Schwerverletzten mit Privatautos, Bussen und Lastwagen ins Tal gebracht. Obwohl die Regierung anders als bei früheren Katastrophen sehr schnell reagiert hat, zeigt das schwerste Erdbeben seit Jahrzehnten auch, dass der chinesischen Armee in der Rolle als Retter Grenzen gesetzt sind.
Und das chinesische Rote Kreuz ist in vielen zerstörten Tälern überhaupt nicht zu sehen, weder mit Suchhunden noch mit Ärzten und Sanitätern. Zwar war die Hilfsorganisation mit dem ersten Ärzteam in Beichuan vor Ort, wurden von Chengdu sofort Hunderte von freiwilligen Helfern in die Region geschickt. „Doch an den Rettungsarbeiten sind wir direkt nicht beteiligt“, sagt Francis Markus, Sprecher des Internationalen Roten Kreuzes in China. Aufgabe der Organisation sei eher, mobile OP-Zelte und Flüchtlingslager zu errichten sowie die internationalen Spenden zu koordinieren.
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Inzwischen sind russische Transportflugzeuge mit Hilfsgütern in Chengdu gelandet. Es war die erste internationale Hilfe, die in der Unglücksregion eingetroffen ist. Und am Donnerstag stimmte China zu, dass Japan professionelle Hilfstrupps in die Krisenregion schicken kann. Japan gilt als eines der erfahrensten Beben-Länder der Welt.
Denn schon droht neue Gefahr in Sichuan. Oberhalb der Stadt Beichuan staut sich Wasser nach einem Erdrutsch zu einem See, wird eine Flutwelle befürchtet. „Wenn die Blockade im Fluss bricht, wird eine Flutwelle die Stadt überschwemmen“, warnt ein Experte in chinesischen Medien.
Der zuständige Minister sagte am Donnerstag in Peking, viele der Wasserreservoirs in der Provinz wiesen „bislang unbekannte, erhebliche Schäden“ durch das Erdbeben auf. In Sichuan gibt es viele Staudämme, in einigen Landkreisen wurden bereits Evakuierungen angeordnet. Der Drei-Schluchten-Damm, 1000 Kilometer vom Epizentrum entfernt, soll nach offiziellen Angaben keine Risse haben.
Bilder aus Chen Jia Ba: Eine Reise ins Tal des Todes
Am Donnerstag wurden erstmal 2000 Soldaten zum Zipingpu-Damm nahe der Stadt Dujiangyan gesandt, berichteten Medien. Auch hier sollen Männer wie Soldat Mu helfen. Dessen Trupp hatte in den verschütteten Bergdörfern auch gestern Vormittag noch keine Notstromaggregate oder schweres Gerät zur Bergung.
Mit bloßen Händen wühlen die Soldaten in den Schutthaufen, müssen immer wieder aufgeben, weil sie die verkeilten Betonteile einfach nicht bewegen können. In einigen Gebieten der Krisenregion wird erster Unmut laut, dass sich die Retter zu stark auf das Epizentrum um Wenchuan konzentrieren. Dort sind inzwischen rund 100 Hubschrauber im Einsatz.
Doch noch immer gibt es Gebiete, in die bislang keine Helfer vorgedrungen sind – nicht einmal Soldaten. Die Verletzten dort brauchen dringend ärztliche Hilfe und Medikamente. Und der Mensch kann nach einer medizinischen Faustregel, so Experten, nur drei Tage ohne Wasser auskommen. Die Hoffnung, dass Soldat Mu noch Lebende aus den Trümmern holen kann, schwindet mit jeder Stunde. Und damit auch die Chance, Chinas Armee weiter als strahlende Retter in den Medien zu feiern.

