Einige sollen schneller reich werden, forderte Deng Xiaoping vor 30 Jahren. Der Unternehmer Yan Bin hat ihn beim Wort genommen. Der Mann ist heute Multimillionär. Und Olympia nach China holte er auch. Sagt er.
Hausherr Yan Bin im Empfangssaal seines Hotels Reignwood Plaza in Peking: "Wenn man ein Unternehmen aufbaut, muss man vor allem Karten spielen und trinken können. Denn man braucht viele Freunde." Foto: Qilai Shen/sinopix
PEKING. „Kommen Sie schnell!“ ruft Yan Bins Assistentin eine halbe Stunde vor dem verabredeten Termin aufgeregt. „Doktor Yan will jetzt mit Ihnen sprechen. Sofort!“ Doch als wir im obersten, 23. Stock des Reignwood Plaza in Pekings bester Lage ankommen, lässt der Milliardär auf sich warten.
Yan Bin zeigt sich nicht. Doch er ist da: In den angespannten Gesichtern seiner Mitarbeiter, die in seiner Nähe nur flüstern. Auf den Fotos, die wie Trophäen an den Wänden hängen: Yan Bin neben Bill Clinton. Yan Bin mit Maradona. Yan Bin und Arnold Schwarzenegger. Yan Bin mit einer ganzen Armada chinesischer Politiker. Yan Bin mitten unter pinkfarben gekleideten Miss-World-Kandidatinnen. Wem gehört die Welt?
Eine Stunde verrinnt.
Auch im Namen seines Konzerns hat er sich verewigt. Sein Vorname „Bin“ bedeutet Wald. Auf Chinesisch heißt seine Firma „Hua Bin“ – „chinesischer Wald“. International firmiert sie unter „Reignwood“.
Yan Bin ist die Verkörperung des chinesischen Traums. Aus einfachen Verhältnissen schaffte er es mit Immobilien und dem Energy-Drink Red Bull auf Platz 17 des Hurun-Reports, Chinas Liste der Multimillionäre.
Anderthalb Stunden sind rum.
„Einige sollen zuerst reich werden“, hatte Deng Xiaoping zu Beginn der Öffnungspolitik Ende der 70er-Jahre gefordert. Yan Bin nahm ihn beim Wort. Und nicht nur er. Obwohl sich sein Vermögen in drei Jahren auf 800 Millionen Dollar – 5,5 Milliarden Yuan – verdoppelt hat, rutschte Yan auf der Reichenliste auf Platz 116 ab.
Geschichten wie die des 54-Jährigen gibt es im Reich der Mitte zuhauf. Kaum ein anderes Land gebiert so viele Superreiche wie die kommunistische Volksrepublik, die noch Anfang der 80er-Jahre eine der egalitärsten Gesellschaften der Welt war.
Heute führen die Immobilien-Tycoone Yang Huiyan mit einem Vermögen von 17,5 Milliarden Dollar und Xu Rongmao mit 7,5 Milliarden Dollar Chinas Reichenliste an. Platz zwei gehört mit zehn Milliarden Dollar dem Papiermagnaten Zhang Yin.
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Neureiche wie Yan Bin sind Vorbilder von Millionen – und zugleich Chinas Alptraum. Baut Yan einen Golfplatz, fragt niemand, was mit den Menschen passiert, deren Dörfer weichen müssen. Plant er ein Luxushotel, verteidigt niemand die Schulen, die abgerissen werden.
Zwei Stunden sind vorbei.
Dann ist Yan Bin da. Durch eine der offenen Türen hereingekommen, umringt von vier Mitarbeitern. Posen für den Fotografen? Nein, Fotos nur während des Gesprächs, bitte.
Der 23. Stock ist Yan Bins persönliches Reich. Nichts erinnert an alte chinesische Kultur. Sein Empfangsraum ist 20 Meter lang und mit neoklassizistischem Kitsch eingerichtet. Goldene Vorhänge, goldener Kronleuchter. An einer Seite des Saals steht eine Harfe zwischen zwei thronartigen, roten Sesseln.
Dominiert wird der Raum vom Monumentalgemälde „Napoleon krönt Kaiserin Josephine“. Ein chinesischer Maler hat das Bild, das Jacques-Louis David 1806 schuf, für Yan Bin kopiert.
Für Unwissende hat der Hausherr Erklärschilder aufstellen lassen. Eines verrät, dass der Bösendorfer-Swarovski-Flügel mit der Inschrift „All night long“ eine von weltweit nur drei Sonderanfertigungen ist und eine Million Euro gekostet hat.
Wie man so reich wird? Ganz einfach. „Wenn man ein Unternehmen aufbaut, muss man vor allem trinken und Karten spielen können“, sagt Yan Bin. „Denn man braucht viele Freunde.“ Wichtig sei, ein gutes Vorbild abzugeben: früh aufstehen, spät schlafen gehen, eine Stunde Mittagsschlaf – und bei Schwierigkeiten die Arien von Peking-Opern trällern. „Wenn man so gewissenhaft arbeitet, wie die Mädchen ihre Haare kämmen, kommt auch der Erfolg.“
Yan lümmelt sich auf das mit blasslila Seide bespannte Sofa, in der Linken eine Pfeife, in der Rechten ein Schälchen mit jahrzehntealtem Pu-Erh-Tee, den er schlückchenweise trinkt. Hinter ihm steht eine aufklappbare Weltkugel – seine Minibar. 50 Firmen gehören zur Reignwood-Gruppe, das Gesamtkapital gibt Yan mit 3,85 Milliarden Dollar an.
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Yan Bin verteilt Komplimente. Er schätze die Deutschen. Sein handgenähter Regent-Anzug sei aus Frankfurt, bei Zahnschmerzen fliege er mit dem Privatjet zum Arzt nach Würzburg, die Spritzen gegen Falten bekomme er in einer Schwarzwald-Klinik, die Abfüllanlagen seiner Getränkefirma hätten Deutsche gebaut – und gerade habe er ein Fünf-Jahres-Visum für Deutschland beantragt.
Sogar das deutsche Rechtssystem beeindruckt ihn, allerdings schränkt er ein: „In einem Rechtsstaat haben alle ihre feste Position, da gibt es weniger Geschäftschancen.“
In seinem Reich bremst ihn keine Gewaltenteilung. Hier hat nur einer das Sagen. Ruppig – und damit völlig unchinesisch – fährt er seiner Assistentin über den Mund. Als Chef wird er gefürchtet. „Die Angestellten durften am Wochenende nicht frei nehmen. Deshalb habe ich das Unternehmen verlassen“, schreibt eine Ex-Mitarbeiterin im Internet. Andere klagen, Yans Ton sei wie der zu Zeiten der Kulturrevolution.
Die setzte einst seiner Schulkarriere ein Ende. 1970, Yan ist 16, wird er aufs Land nach Henan geschickt und schaufelt Mist. Heute verklärt er diese Jahre: „Das war keine schwere Zeit, das war eine Schulung. Ich habe gelernt, was es heißt, fleißig zu sein und durchzuhalten.“ Das Andenken an den, der ihn damals Mist schippen ließ, pflegt Yan Bin – auf seine Art.
Mao „hatte eine klare Strategie“, schwärmt er. Denn Mao habe verstanden, was Marketing heißt, und die Herzen der Menschen erobert. In der Gemäldegalerie von Reignwood Plaza hängen monumentale Bilder – der Große Vorsitzende in Öl.
Doch als sich China Ende der 70er-Jahre öffnet, lässt sich Yan nicht zweimal bitten: „China war zu arm. Thailand stellte Chinesen Visa aus. Da bin ich abgehauen.“ Yan Bin, ein Wirtschaftsflüchtling unter Millionen.
Im Norden Thailands schlägt er sich durch. Er soll mit Immobilien gehandelt und für Chinesen Thailand-Reisen organisiert haben. Sprechen mag Yan darüber nicht mehr. Nur was wirklich wichtig war, erwähnt er noch: dass er 1984 einen thailändischen Pass erhielt. „In den 80ern war es schwierig, mit einem chinesischen Pass ins Ausland zu reisen. Ein thailändischer Pass war praktischer.“
Yan Bin heißt nun Chanchai Ruayrungruang. Doch das ist nur eine pragmatische Maskerade: Die thailändische Kultur sei gerade mal 200 Jahre alt, von ihr habe er rein gar nichts gelernt. „Im Herzen bleibt ein Chinese immer Chinese.“
Ist es nützlich, spielt er jedoch noch heute die thailändische Karte. Mal lässt er sich als einflussreichster „ausländischer“ Investor im Reich der Mitte feiern, dann wieder als einer der Top-Unternehmer Chinas.
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Die Thailand-Jahre sind entscheidend für seinen Aufstieg. Yan findet einflussreiche Freunde. Premierminister Thaksin Shinawatra berät er in Wirtschaftsfragen. Und wie hält er es in China mit der Politik? Mitglied der Kommunistischen Partei sei er, heißt es. Ungewöhnlich wäre das nicht, über ein Drittel der Neureichen Chinas sind nach den Untersuchungen von David Goodman von der Universität Sydney KP-Mitglieder, während es sonst nur fünf Prozent der Chinesen sind. Doch Yan gibt sich unpolitisch: „Wenn man in Asien Geld hat, geht man nicht in die Politik.“
Ob Mitglied oder nicht, Geld und Politik haben sich in China verbündet, sagt Experte Goodman. Wohlstand stelle das Ein-Parteien-System nicht automatisch infrage, wie mancher im Westen hoffe, sondern er stabilisiere sogar das System. Unternehmer Yan Bin hofft, dass das so bleibt: „In dieser Phase der Entwicklung brauchen wir unbedingt die Ein-Parteien-Politik. Wenn mehrere Parteien da sind, führt das zum Chaos.“
Yan Bins Aufstieg unter die reichsten Chinesen beginnt 1995. Aus Thailand kennt er Chaleo Yoovidhya, dessen Aufputschtrank „Krating Daeng“ die Rezeptur für Red Bull liefert. Yan Bin sichert sich die Lizenzrechte für China. Bald werden die blauen Dosen zum Statussymbol moderner Chinesen – das „Vitamingetränk“ macht Yan in weniger als einem Jahrzehnt zu einem der reichsten Chinesen. Heute hat Red Bull China drei Fabriken, 1 500 Mitarbeiter, 30 Niederlassungen und verkauft jährlich eine halbe Milliarde Dosen.
Möglicherweise muss Yan von seinem Fast-Monopol bald etwas abgeben – an Dietrich Mateschitz. Der Österreicher hat Red Bull weltweit groß gemacht, er hält die Markenrechte, nur in einigen asiatischen Ländern hat er noch keine Lizenz. Das soll sich ändern, deshalb verhandelt Red Bull Österreich derzeit mit Yan Bin. „Ein Eintritt von Red Bull Fuschl in das China-Joint-Venture ist in absehbarer Zukunft wahrscheinlich“, sagt Tina Sponer von Red Bull Österreich in Fuschl. Wie diese künftige Zusammenarbeit aussehen wird, will Yan Bin nicht kommentieren.
Auf das Getränkegeschäft jedoch ist er längst nicht mehr angewiesen. Er investiert anderswo – vor allem in westlichen Lifestyle. Sein Golfclub „Pine Valley“ soll zum „Augusta“ Chinas werden, auf dem Gelände soll der „beste Poloclub“ Chinas entstehen, sein Reignwood Plaza soll zum „besten Hotel im Zentrum Chinas“ werden. Kürzlich hat er noch ein Grundstück an der Hauptachse Pekings ergattert – für zwei weitere Luxushotels. „Die wirklichen Milliardäre werden in China über die Vergabe der Landrechte gemacht“, sagt ein Immobilienexperte in Peking. „Die Parteifunktionäre spielen Gott.“
Yan wohnt auf dem 60 000-Quadratmeter-Gelände seines Golfclubs 60 Kilometer westlich von Peking. Dass der verehrte Mao Golf einst als dekadent verbieten ließ, ficht Yan nicht mehr an. Das Club-Gelände bietet eine kitschige Hochzeitskapelle, thailändische Bäder und eine Zucht mit deutschen Schäferhunden. Seine Gäste bringt Yan Bin im Herzstück der Anlage unter, einer marmornen Kopie des Weißen Hauses von Washington, D.C.
Seit der Eröffnung 2001 hat er 100 Millionen Euro in den Club gepumpt. Doch obwohl er hochkarätige Turniere nach Pine Valley holt, kommt das Geschäft nicht so recht in Gang: Die Saison im harschen Kontinentalklima Pekings ist kurz. Bisher hat der Club nur 300 Mitglieder. Eine Mitgliedschaft kostet mehrere Hunderttausend Dollar.
Fragt man Yan Bin, wie er seine soziale Verantwortung als Unternehmer wahrnehme, stutzt er kurz. „Ich zahle Steuern“, antwortet er und wiederholt den Satz, als wäre das schließlich keine Selbstverständlichkeit.
Dann fällt ihm noch ein, dass er in Pine Valley Zehntausende Bäume gepflanzt hat, um die langsame Verwüstung Pekings aufzuhalten. Und schließlich erzählt er von seinem größten Erfolg: „Ich habe geholfen, Olympia nach China zu holen.“ Er habe 2001 zwei Pandas aus dem Pekinger Zoo mit seinem Privatjet zur Olympia-Entscheidung nach Moskau geflogen. „Ich habe die Pandas mitgebracht, weil sie so lieb waren“, sagt Yan und spielt mit seiner Pfeife. „Mit diesen Pandas haben wir der Welt den Eindruck vermittelt, dass wir Chinesen sympathisch sind.“


