Wer die Zukunft erkennt, dem gehört der Markt: Während sich Trendforscher und kreative Unternehmen über die Zukunft Chinas den Kopf zerbrechen, sollen die Olympischen Spiele im Jahre 2008 Chinas Hauptstadt zur Weltmetropole machen. Doch noch befindet sich Peking in einem kreativen Durcheinander – das Entstehen einer neuen Stadt.
In der Nacht hatte Zhang Youdai einen Traum. Eine Stimme sang "No Woman No Cry" von Bob Marley, etwas schneller als in der Originalversion. Es war so real, dass Zhang sich an den Schreibtisch setzen musste, um das Lied aufzuschreiben, obwohl er sich erst vor ein paar Stunden hingelegt hatte. Doch als er den Stift in die Hand nahm, war die Melodie schon fast wieder verblasst. "Manchmal fühle ich mich wie ein Sklave der Musik", sagt Zhang.
Er schaut aus dem Fenster. Der Himmel ist klarer als sonst, von hier oben im 28. Stock seiner Penthousewohnung kann man den ganzen Pekinger Osten überblicken. Viele halten Zhang auch heute noch für einen Rebellen.
Dabei sieht er gar nicht danach aus. Seine Füße stecken in grauen Frotteepantoffeln mit aufgestickten Comic-Hasen. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in einer wuchtigen Sitzecke mit Rosenmuster.
Doch nur wenige Menschen haben China so stark verändert wie Zhang Youdai, der mit seinem rundlichen Gesicht immer ein wenig spitzbübisch wirkt.
Zhang ist noch nie einem Trend gefolgt, immer folgten andere ihm: Der 41-Jährige ist DJ, heute wohl einer der ältesten im ganzen Land.
Als er vor 20 Jahren anfing, war er einer der ersten. Zhang moderierte damals eine Radiosendung im Pekinger Rundfunk. Im Alleingang brachte er den Rock ’n’ Roll nach China. Seine Musik öffnete Herzen und Ohren ganzer Jugendgenerationen. Er bekam Tausende Liebesbriefe, an die Musik, an ihn persönlich. So wurde er zum Freund und Berater der chinesischen Jugend. "Wir alle hatten damals das Gefühl, irgendetwas machen zu müssen", sagt er.
Es fing an mit kopierten Kassetten, die ausländische Studenten ins Land geschmuggelt hatten. Das war Anfang der Achtzigerjahre, als westliche Musik der regierenden Kommunistischen Partei noch als "geistige Verschmutzung" galt.
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Damals gab es kein Nachtleben in Peking, keine Bars und keine Clubs. Mit seinen Freunden organisierte Zhang Partys und Konzerte in Restaurants. Vieles hat sich seitdem geändert, es gibt heute regelmäßig Technopartys auf der Großen Mauer. Aber wenn es um Musik geht, ist Zhang immer noch überall dabei.
Kurz nach ein Uhr in der Nacht brettert er dann in seinem silbernen VW-Jetta über die fast leere Stadtautobahn und stellt den Wagen quer auf dem Bürgersteig vor dem Club "Suzie Wong" ab. "Suzie Wong" gehört mit dem Club "China Doll", welcher der Schauspielerin Ai Wan gehört, zu den wichtigsten Adressen des Pekinger Nachtlebens. "Suzie Wong" ist nach einem Roman des Schriftstellers Richard Mason benannt. Darin verliebt sich ein englischer Künstler in eine chinesische Prostituierte.
Der Raum im "Suzie Wong" ist schmal und länglich, in der Mitte steht eine große Bar, ganz hinten auf einem Podest das DJ-Pult. Die Wände sind in plüschigen Rottönen dekoriert, chinesische Antiquitäten stehen zwischen den Bartischen, die Scheinwerfer an der Decke werfen ihre bunte Lichtkegel in den Raum, schwitzende Körper reiben sich aneinander - Zhang steuert sie mit seinen Reglern und Plattentellern. Harte Bässe dröhnen.
Zhang ist inzwischen auf elektronische Musik umgestiegen, die er in einem Modegeschäft in Hongkong zum ersten Mal hörte und nach China brachte, so wie zuvor die ausländische Rockmusik.
Zhang ist kein "normaler Chinese", wie er selbst sagt. Und doch ist er typisch für Peking, Chinas staubgraue Hauptstadt mit ihrer latent rebellischen Jugend, die auf den Straßen so gerne provoziert und zu Hause die Plüschschlappen überzieht, typisch für 20 Jahre Aufbruchstimmung und Elan, für den Stolz, ein Pekinger zu sein. "Es geht mir nicht um Politik", sagt Zhang, "nur um die Musik." Der ganze Club tanzt jetzt vor seinem Podest, Arme, Beine, Haare wirbeln durch die Luft: der kollektive Bewegungsdrang des Neuen Chinas.
Ein Jahr noch bis zu den Olympischen Spielen in Peking. Dann wird Chinas Hauptstadt für ein paar Wochen zum wichtigsten Ort der Welt. Nicht jeder hier interessiert sich für Sport. Doch überall spürt man Vorfreude und Aufregung: Lust auf Zukunft.
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Im Norden der Stadt, direkt neben der vierten Ringautobahn, liegt das Hauptquartier des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in einem klotzigen Hochhaus. Sun Weide sitzt im dritten Stock in einem Konferenzraum, der U-förmig mit klobigen Sesseln möbliert ist, auf deren Rücken- und Armlehnen gehäkelte Zierdecken liegen. Man kennt die Sessel aus den Fernsehnachrichten, wenn ein ausländischer Staatsgast einen chinesischen Spitzenpolitiker trifft.
Eine uniformierte Schönheit schwebt herein und serviert Tee in Pappbechern. Sun, Sprecher des Olympischen Organisationskomitees, wirkt streng, seine Haare liegen wie mit dem Lineal gescheitelt auf seinem Kopf, er trägt eine Brille mit großen Gläsern, die wie Flachbildschirme vor seinen Augen hängen. Sun spricht perfektes Englisch und führt viele Zahlen an.
Nach einer aktuellen Umfrage unterstützen 96 Prozent der Pekinger Bürger die Olympischen Spiele, erzählt Sun. Für den offiziellen Slogan - "One World, One Dream" - kamen 210 000 Vorschläge aus der Bevölkerung, hauptsächlich per E-Mail. 540 000 Chinesen haben sich als freiwillige Helfer beworben. 90 Prozent des Pekinger Abwassers wird inzwischen gereinigt. 1 500 Ampeln werden jetzt per Computer gesteuert, 27,8 Millionen Bäume wurden gepflanzt. Sun kennt alle Zahlen auswendig. Wohl kaum eine andere Veranstaltung der Weltgeschichte ist je so umfassend und gründlich vorbereitet worden. Seit Jahren lernen Taxifahrer Englisch und internationale Benimmregeln; seit einigen Monaten gelten sogar Sondervorschriften für ihren Haarschnitt.
Um die ausländischen Besucher nicht durch ungehobelte Manieren zu verschrecken, überwachen freiwillige Patrouillen die Einhaltung des Spuckverbots. An Busstationen gibt es Unterricht im Schlangestehen.
Auf der Einkaufsstraße Nüren Jie werden Englisch-Sprachkurse aus Lautsprecher übertragen: "We offer a 15 percent discount if you have a VIP-card." Das Organisationskomitee hat an alles gedacht. "Wir wollen die Spiele nutzen, um die Modernisierung der Stadt voranzutreiben", sagt Sun.
Im Durcheinander von Revolutionen und Reformen sind in China Visionen abhanden gekommen. Doch Peking hat einen Masterplan: Die Olympischen Spiele sollen Chinas Hauptstadt zur Weltmetropole machen.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Medienwirksame Demonstrationen erwartet.
Dass die Spiele tatsächlich ein Erfolg werden, ist allerdings noch keinesfalls sicher. Jede Menschenrechtsorganisation der Welt wird versuchen, die Aufmerksamkeit zu nutzen und auf dem Platz des Himmlischen Friedens medienwirksame Demonstrationen veranstalten. Wird Peking souverän genug sein, das einzig Richtige zu tun und die Demonstranten gewähren lassen? Oder werden die Fernsehnachrichten hässliche Bilder von Verhaftungen und Polizeieinsätzen zeigen? Die Sponsoren sind besorgt. Niemand möchte plötzlich als Unterstützer eines autoritären Systems dastehen.
Doch wie sieht die Zukunft Chinas aus? Man hätte diejenigen, die sich darüber professionell Gedanken machen, an jedem anderen Ort vermutet, aber nicht in dem grauen Moderhochhaus mitten in einem Abrissviertel. Über die Straße wabert der Geruch von Kompost.
Das Gebäude war einmal die Zentrale eines staatlichen Kohlekonzerns, ein Denkmal der Planwirtschaft - hinter den grauen Mauern sitzen heute aber viele junge Firmen. Die Mieten sind hier noch günstig und irgendwie passt das Gebäude sehr gut zu Peking, ein Denkmal an die Zeit vor den Glitzerfassaden und Stadtautobahnen.
Erst wenige Jahre ist das her und doch so weit weg. Am Ende eines schmalen Korridors im zweiten Stockwerk liegt das Trendbüro, die chinesische Niederlassung der Hamburger Zukunftsforscher. Dirk Jehmlich sitzt an einem schwarzen Konferenztisch, hat seinen Apple-Laptop aufgeklappt, über den Bildschirm huschen bunte Diagramme und Schlagworte. Jehmlich und seine Mitarbeiter versuchen, für ihre Kunden in die Zukunft zu blicken.
Welche Autos will der chinesische Markt in fünf Jahren? Welche Rolle spielen Mode- und Luxusgüter künftig für welche Kundengruppen? Was wollen die Chinesen?
„Alle Konzerne sind inzwischen hier, doch viele verharren in der Gegenwart", sagt Jehmlich. Wer die Zukunft erkennt, dem gehört der Markt. Immer wieder hatte sich das Trendbüro von der Hamburger Zentrale aus mit dem wachsenden chinesischen Markt beschäftigt, denn Kunden wie Volkswagen, Audi und Adidas schenken China längst größte Aufmerksamkeit.
Dass auch kreative Unternehmen, Designer, Architekten und andere Dienstleister wie das Trendbüro Niederlassungen in Peking eröffnen, ist eine neue Entwicklung. Sie zeigt: China ist heute viel mehr als das Niedriglohnland, in dem billige T-Shirts zusammengenäht werden.
Lange haben die Chinesen alles Ausländische mit geradezu religiösem Glauben verehrt. "Das wird sich ändern", ist sich Jehmlich gewiss. Bisher haben die westlichen Konzerne ihre Produkte in Europa und den USA entwickelt, denn dort waren die Kunden, die Chinesen bekamen die Restbestände. "Doch der Markt ist hier, bald werden auch die westlichen Unternehmen ihre Produkte für China entwickeln", sagt Jehmlich.
Lesen Sie weiter auf Seite 5: China entdeckt das Chinesische.
Zudem entdeckt China das Chinesische. Schon jetzt designen die Autokonzerne ihre Fahrzeuge speziell für die Bedürfnisse der chinesischen Kunden.
Das alte Peking muss man heute suchen, die versteckten Orte, wo trotz Neubauboom und Olympiafieber noch immer die Seele der Stadt wohnt: In den Hutongs, den verzweigten Gassen mit den flachen Hofhäusern, wo die Straßen so eng sind, dass selbst die Müllabfuhr auf dem Fahrrad kommt. "Die Hutongs sind das Herz der Stadt", sagt Jie Schneebeli-Chen, "hier lebt das alte Peking."
Schneebeli-Chen ist selber in einem Hutong aufgewachsen, sie waren acht Familien in einem Haus, die Nachbarn teilten Essen und Alltag miteinander. Es war eine glückliche Zeit, auch wenn im Winter die Wasserleitungen zufroren und der Kohleofen der einzige warme Ort im ganzen Haus war.
Ende 1986 ging sie zum Studium in die Schweiz. Sie blieb 20 Jahre, heiratete, bekam ein Kind; und wenn sie Deutsch spricht, klingt sie wie eine Schweizerin.
Letztes Jahr kehrte sie nach China zurück und kaufte einen Hutong, eine Straßenecke neben dem Konfuzius-Tempel. Im Februar eröffnete Schneebeli-Chen dort ein kleines Hotel, das sie "Swiss Road Hotel" nannte, ein typisch chinesisches Hofhaus, doch ausgestattet mit modernem westlichem Komfort, Fußbodenheizung und drahtlosem Internet.
Weil es Leute wie sie gibt, besteht Hoffnung, dass Peking sein altes Gesicht nicht völlig verlieren wird und eines Tages nur noch aus Hochhäusern mit Spiegelfassaden aussieht.
Die meisten ihrer Gäste sind Ausländer, die ein Zimmer in ihrem Boutique-Hotel buchen, um das echte Peking kennenzulernen. Doch auch bei den Chinesen wächst das Bewusstsein für die eigene Kultur und Geschichte. Viele bauen, jeder auf seine Weise, mit am neuen Peking.
Die Stadt befindet sich in einem kreativen Durcheinander und noch kann man nicht erkennen, was daraus entstehen wird. Man kann in Peking die Geburt einer neuen Stadt erleben, genau das macht Peking einmalig. Wer das mit eigenen Augen sehen will und rechtzeitig anruft, für den ist im Swiss Road Hotel bestimmt noch ein Zimmer frei.


