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02.05.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Gefährliche Großmutter

von Andreas Hoffbauer

81 Jahre und kein bisschen altersmilde: Aids-Aktivistin Gao Yaojie kämpft seit Jahren gegen die Vertuschung der tödlichen Krankheit in China – und sie lässt sich auch von Hausarrest und Überwachung nicht abschrecken.

Gao Yaojie erzählt in ihrer Wohnung in der Provinzhauptstadt Zhengzhou von einem Fall: "Dieses Mädchen ist sieben Jahre alt und schon infiziert. Nimmt sie etwa Drogen oder ist sie eine Prostituierte?" Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Gao Yaojie erzählt in ihrer Wohnung in der Provinzhauptstadt Zhengzhou von einem Fall: "Dieses Mädchen ist sieben Jahre alt und schon infiziert. Nimmt sie etwa Drogen oder ist sie eine Prostituierte?" Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. „Los, kommt rein und macht die Tür zu!“ Die alte Frau lässt die Essstäbchen auf den Tisch fallen und räumt flink die Schüsseln ab. „Wir müssen anfangen, sie werden gleich kommen“, sagt Gao Yaojie und steuert dabei schon ihr abgewetztes Dreiersofa an. Sie – das sind die Herren von der Staatssicherheit, die Kontakte mit Gao streng überwachen.

Strickjacke, Lesebrille und warme Puschen, so sieht nicht gerade ein Staatsfeind Nummer eins aus. Die 81-jährige Ärztin wirkt eher wie die Oma aus der Abendserie, die gern auf dem Balkon rumgärtnert und ihren Besuchern unentwegt Tee nachschenkt. Doch auf Gao Yaojie trifft eben alles zu. Die unerschrockene Seniorin ist eine der gefürchtetsten Personen in ganz China.

Denn Oma Gao kann einfach nicht den Mund halten. „In China wird Aids durch Blut verbreitet“, legt sie auch schon los. Es sei eine Lüge der Regierung, dass sich der HIV-Virus nur durch Sex und Drogen übertrage. 2001 hat Gao Yaojie den größten Blutkonserven-Skandal Chinas öffentlich gemacht. Seitdem wird sie im Ausland als „Großmutter Courage“ gefeiert, war sogar für den Friedensnobelpreis nominiert. Die Behörden in Henan hingegen, wo Tausende durch Blut infiziert wurden, hassen sie.

Im vergangenen Jahr wurde der alten Dame wochenlang die Ausreise zu einer Preisverleihung in den USA verweigert. Sie durfte erst fliegen, nachdem Hillary Clinton persönlich bei Chinas Staatschef Hu Jintao interveniert hatte. „Fünfzig Polizisten haben mich zum Flughafen begleitet“, sagt Gao und wedelt mit dem Zeigefinger, „so wichtig bin ich denen.“



Wichtig vor allem auch deshalb, weil Aids in China noch immer ein heikles und hochpolitisches Thema ist. Erst 1985 gab die Regierung in Peking überhaupt zu, dass die Krankheit im eigenen Land existiert. Inzwischen hat China zwar eine aktive Anti-Aids-Politik, doch die offiziellen Zahlen klingen noch immer nach Verschleierungstaktik. Nach Regierungsangaben tragen in dem Riesenreich mit 1,4 Milliarden Einwohnern nur 700 000 Menschen den Virus in sich, gibt es nur 85 000 Aids-Kranke. Unabhängige Studien hingegen prognostizieren für das Jahr 2010 schon mehr als zehn Millionen HIV-Infizierte in der Volksrepublik. Und auch das wäre im bevölkerungsreichsten Land der Erde noch immer ein relativ geringer Anteil. Allein in Henan leben 100 Millionen Menschen.

In der dicht besiedelten Provinz hat 1996 der Kampf der Aids-Aktivistin Gao begonnen. Die damals 69-jährige Gynäkologin war schon pensioniert, als sie von einer Klinik um Rat gebeten wurde. Dort lag seit Wochen eine Frau mit hohen Fieber und seltsamen Symptomen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Macht doch mal einen HIV-Test"

„Ich sagte, macht mal einen HIV-Test“, erzählt die Ärztin. Unsinn, lachten die jungen Kollegen vom Krankenhaus, es sei doch bekannt, dass nur Ausländer Aids bekommen. „Da habe ich den Test eben selbst gemacht“, erinnert sich die resolute Frau. Gao behielt recht mit ihrer Diagnose. Die Patientin starb zwei Wochen später an der Infektion.

Der seltsame Tod ließ Gao Yaojie nicht mehr los. Sex und Drogen schienen als Infektionsursache ausgeschlossen. Die Frau hatte jedoch bei einer früheren Tumoroperation eine Bluttransfusion bekommen. Dann hörte Gao immer häufiger von Menschen in der Region, die an einem „Fieber ohne Namen“ erkrankt seien.

Doch das Fieber hatte einen Namen: Aids. Gao besuchte die Erkrankten, brachte Medikamente, Obst und Aufklärungsbücher, obwohl die Polizei sie immer wieder behinderte. Denn Gao war nicht nur dem Virus auf der Spur. Sie hatte herausgefunden, dass alle Erkrankten zuvor Blut gespendet oder erhalten hatten.

Vor allem auf dem Land ist in China illegaler Bluthandel verbreitet, denn Blutplasma ist knapp in der Volksrepublik. Dies werde jedoch meist vertuscht, sagt Gao, da oft Krankenhäuser und Lokalpolitiker mitverdienen. Die Dimension ist gewaltig: Allein 2007 wurden laut Gesundheitsministerium fast 5 000 illegale Blutbanken geschlossen. Häufig werden Nadeln mehrfach benutzt, oft wird das Blut der Spender gemischt und, nachdem das Plasma entzogen ist, wieder in die Geber zurückgespritzt.

„Wenn da einer Aids hat, haben es alle“, sagt ein lokaler Dorfvorsteher. Nicht weit entfernt von seinem Dorf kann man zwischen den Feldern von Henan frische Hügelgräber sehen. „Hier liegen überall Aids-Opfer“, sagt er. Dennoch verkaufen die Bauernfamilien weiter ihr Blut. Jedes Mal gibt es rund 50 Yuan (etwa fünf Euro), viel Geld für die Menschen in der Provinz.

Auf dem staubigen Dorfplatz krempeln Bewohner ihre Ärmel hoch, zeigen die Stellen, wo die Kanülen angesetzt wurden. Die lokalen Gesundheitsbehörden haben ihnen erklärt, dass beim Blutspenden kein Risiko bestehe. Doch viele kennen Doktor Gao, haben von Aids gehört. „Aber wir haben viele Kinder und wenig zu essen“, sagt eine Frau. „Was sollen wir machen?“

Wenn Ärztin Gao so etwas hört, wird sie richtig fuchsig. China habe nicht nur ein Problem mit korrupten und lügenden Beamten, sagt sie und rutscht ungeduldig auf ihrem Sofa hin und her. Die chinesische Bevölkerung verdränge auch die Wahrheit über Aids. „Und die Zahl der Opfer steigt ständig.“

Experten gehen davon aus, dass sich der Virus hauptsächlich durch ungeschützten Sex so schnell in der Volksrepublik ausbreitet. Das bezweifelt Gao Yaojie. „Das Blut vieler Blutbanken in unserem Land ist verseucht“, steht für sie fest.

Über Jahre hat sie in Henan mehr als 100 Dörfer besucht und über 1 000 Aids-Patienten behandelt. Sie hat alles aufgeschrieben, fotografiert, dokumentiert. Schon kramt die rastlose Rentnerin in diversen Kisten nach Bildern, Büchern und Beweisen. „Dieses Mädchen ist sieben Jahre alt und schon infiziert“, sagt sie und wedelt mit einem Foto. „Nimmt sie etwa Drogen, oder ist sie eine Prostituierte?“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein Sofa als Bühne

Das alte Sofa ist ihre Bühne. Und Chinas mutige Aids-Ärztin kennt ihren Text, denn sie will etwas loswerden. Ihre Stimme bebt, zittert, bellt; manchmal klingt sie wütend, manchmal traurig, manchmal auch verbittert. Meistens aber ist es eine tiefe Empörung, die sich Luft verschafft. Über einen Staat, der jede unerwünschte Kritik verhindert. Und über einen Staat, der Kritiker noch im hohen Alter drangsaliert.

„Wenn die Behörden mich und meine Fakten nicht so unterdrückt hätten, wäre ich nie zur Rebellin geworden“, sagt Gao Yaojie. Seit Jahren werde ihre Familie bedroht, stehe sie „mehr oder weniger“ unter Hausarrest. Die Enkelin komme schon lange nicht mehr, der Sohn nur noch selten.

Am Telefon verabredet sich Gao nicht. Wer sie treffen will, muss einfach in die Provinzhauptstadt Zhengzhou fliegen und sich zu dem tristen Wohnblock an der Hong-Qi-Straße aufmachen. Dort geht es durch ein schmiedeeisernes Tor, vorbei an einem Wachmann in Uniform, der bei jedem Fremden etwas in sein Funkgerät nuschelt. Im Hinterhof rauchen Männer in schwarzer Kleidung Zigaretten, haben aus dem Augenwinkel alles im Blick.

Im ersten Stock führt Gao Yaojie ihren letzten großen Kampf, inzwischen nur noch ein Krieg der Worte.

Sie hat mehrere Bücher über Aids veröffentlicht, alle Ersparnisse in ihre Kampagnen gesteckt. In den vergangenen zehn Jahren waren es über 130 000 Dollar. Geld habe ihr noch nie viel bedeutet, sagt die Frau, die 1927 als älteste Tochter von fünf Kindern in eine wohlhabende Landfamilie geboren wurde – mit Privatlehrer und einem großen Anwesen.

Mit vier Jahren konnte sie bereits 1 000 Schriftzeichen, darauf ist sie noch heute stolz. Und die strenge Erziehung nach den Lehren von Konfuzius ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. „Respektiere andere, folge der Wahrheit, und fürchte niemals die Mächtigen“, betet sie einige Tugenden vor, wie einst in der Schule. Darüber muss selbst die kampfeslustige Seniorin lachen.

Doch ihre Kindheit war vor allem eine Zeit der Schmerzen. Im Alter von fünf Jahren werden der kleinen Yaojie die Füße abgebunden. „Noch heute kann ich nur Schuhgröße 34 tragen“, sagt sie und ihre kleinen Oma-Augen glänzen. Nicht vor Rührung. Als Kind erlebt Gao Krieg und Flucht, muss zusehen, wie der Besitz der Familie nach dem Einmarsch der Japaner 1937 zerstört und geplündert wurde. Während der Kulturrevolution wird die „bürgerliche“ Familie erneut enteignet und missachtet. Die junge Frau ist da schon Mutter.

Dabei hatte auch sie als 22-jährige Medizinstudentin 1949 der Kommunistischen Partei zugejubelt, war voller Hoffnung, als Mao die Volksrepublik ausrief. „Ich war damals jung, und die KP hat sehr gute Propaganda gemacht“, sagt sie und seufzt.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Das Parteibuch hat sie zurückgegeben

Ihr Parteibuch, das hat sie schon lange wieder zurückgegeben. „Ich musste nicht nur während der Kulturrevolution leiden“, sagt Gao.

Die Küchenuhr tickt. An der Wand des kleinen Raums hängen viele alte Fotos. Auch Bilder von den Touren über die Aids-Dörfer. Auf einem hält sie mit erhobener Faust eine feurige Rede vor den Bauern. „Aufklärung ist das Einzige, was gegen Aids hilft“, ist sie noch immer überzeugt. Darum hat sie noch im hohen Alter den Computer entdeckt, schreibt ein Internet-Blog, neue Bücher und E-Mails in alle Welt.

Ein Blick zur Uhr. Die alte Frau prüft durch das Balkonfenster die Lage im Hof. Sie hat nicht die spielenden Kinder im Auge. Die letzten Journalisten, die sie besuchten, seien von der Polizei bis zum Flughafen gebracht worden. Heute hat es noch immer nicht geklopft. „Wir haben Glück, sie machen lange Mittagspause“, freut sie sich diebisch.

Sie habe gern auf ihr Essen verzichtet, sagt Gao Yaojie und kichert konspirativ: „Ich will lieber reden.“ Und die mutige Aids-Ärztin hat viel erzählt. Auch von den hohen Politikern, die auf ihrem alten, abgewetzten Sofa Platz genommen haben.



„Hier hat Wu Yi gesessen, ganz allein mit mir“, sagt die alte Frau und klopft auf das Polster. Staub wirbelt durch die Luft. Der Besuch der Politikerin, die bis vor kurzem noch Chinas Vize-Premier war, sorgte für Schlagzeilen. „Aber sie hat nichts verstanden“, sagt Gao verächtlich.

Nur einer habe sie bislang wirklich ernst genommen: Li Keqiang. Ausgerechnet der ehemalige Parteisekretär von Henan, der in der Aids-Provinz von 1998 bis 2004 im Amt war. „Der ist besser als alle anderen“, versichert Oma Gao mit dem Brustton der Überzeugung.

2012 soll Li Keqiang als Nachfolger von Hu Jintao der mächtigste Mann in der Volksrepublik China werden. „Dann bin ich doch erst 85 Jahre alt“, lacht Gao Yaojie unternehmungslustig und stemmt sich aus dem Sofa empor. „Mittagspause ist vorbei“, sagt sie. Im Treppenhaus sind Schritte zu hören. Es riecht nach Zigaretten.

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