„Ich sagte, macht mal einen HIV-Test“, erzählt die Ärztin. Unsinn, lachten die jungen Kollegen vom Krankenhaus, es sei doch bekannt, dass nur Ausländer Aids bekommen. „Da habe ich den Test eben selbst gemacht“, erinnert sich die resolute Frau. Gao behielt recht mit ihrer Diagnose. Die Patientin starb zwei Wochen später an der Infektion.
Der seltsame Tod ließ Gao Yaojie nicht mehr los. Sex und Drogen schienen als Infektionsursache ausgeschlossen. Die Frau hatte jedoch bei einer früheren Tumoroperation eine Bluttransfusion bekommen. Dann hörte Gao immer häufiger von Menschen in der Region, die an einem „Fieber ohne Namen“ erkrankt seien.
Doch das Fieber hatte einen Namen: Aids. Gao besuchte die Erkrankten, brachte Medikamente, Obst und Aufklärungsbücher, obwohl die Polizei sie immer wieder behinderte. Denn Gao war nicht nur dem Virus auf der Spur. Sie hatte herausgefunden, dass alle Erkrankten zuvor Blut gespendet oder erhalten hatten.
Vor allem auf dem Land ist in China illegaler Bluthandel verbreitet, denn Blutplasma ist knapp in der Volksrepublik. Dies werde jedoch meist vertuscht, sagt Gao, da oft Krankenhäuser und Lokalpolitiker mitverdienen. Die Dimension ist gewaltig: Allein 2007 wurden laut Gesundheitsministerium fast 5 000 illegale Blutbanken geschlossen. Häufig werden Nadeln mehrfach benutzt, oft wird das Blut der Spender gemischt und, nachdem das Plasma entzogen ist, wieder in die Geber zurückgespritzt.
„Wenn da einer Aids hat, haben es alle“, sagt ein lokaler Dorfvorsteher. Nicht weit entfernt von seinem Dorf kann man zwischen den Feldern von Henan frische Hügelgräber sehen. „Hier liegen überall Aids-Opfer“, sagt er. Dennoch verkaufen die Bauernfamilien weiter ihr Blut. Jedes Mal gibt es rund 50 Yuan (etwa fünf Euro), viel Geld für die Menschen in der Provinz.
Auf dem staubigen Dorfplatz krempeln Bewohner ihre Ärmel hoch, zeigen die Stellen, wo die Kanülen angesetzt wurden. Die lokalen Gesundheitsbehörden haben ihnen erklärt, dass beim Blutspenden kein Risiko bestehe. Doch viele kennen Doktor Gao, haben von Aids gehört. „Aber wir haben viele Kinder und wenig zu essen“, sagt eine Frau. „Was sollen wir machen?“
Wenn Ärztin Gao so etwas hört, wird sie richtig fuchsig. China habe nicht nur ein Problem mit korrupten und lügenden Beamten, sagt sie und rutscht ungeduldig auf ihrem Sofa hin und her. Die chinesische Bevölkerung verdränge auch die Wahrheit über Aids. „Und die Zahl der Opfer steigt ständig.“
Experten gehen davon aus, dass sich der Virus hauptsächlich durch ungeschützten Sex so schnell in der Volksrepublik ausbreitet. Das bezweifelt Gao Yaojie. „Das Blut vieler Blutbanken in unserem Land ist verseucht“, steht für sie fest.
Über Jahre hat sie in Henan mehr als 100 Dörfer besucht und über 1 000 Aids-Patienten behandelt. Sie hat alles aufgeschrieben, fotografiert, dokumentiert. Schon kramt die rastlose Rentnerin in diversen Kisten nach Bildern, Büchern und Beweisen. „Dieses Mädchen ist sieben Jahre alt und schon infiziert“, sagt sie und wedelt mit einem Foto. „Nimmt sie etwa Drogen, oder ist sie eine Prostituierte?“
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