0 Bewertungen
02.05.2008 

„Ich sagte, macht mal einen HIV-Test“, erzählt die Ärztin. Unsinn, lachten die jungen Kollegen vom Krankenhaus, es sei doch bekannt, dass nur Ausländer Aids bekommen. „Da habe ich den Test eben selbst gemacht“, erinnert sich die resolute Frau. Gao behielt recht mit ihrer Diagnose. Die Patientin starb zwei Wochen später an der Infektion.

Der seltsame Tod ließ Gao Yaojie nicht mehr los. Sex und Drogen schienen als Infektionsursache ausgeschlossen. Die Frau hatte jedoch bei einer früheren Tumoroperation eine Bluttransfusion bekommen. Dann hörte Gao immer häufiger von Menschen in der Region, die an einem „Fieber ohne Namen“ erkrankt seien.

Doch das Fieber hatte einen Namen: Aids. Gao besuchte die Erkrankten, brachte Medikamente, Obst und Aufklärungsbücher, obwohl die Polizei sie immer wieder behinderte. Denn Gao war nicht nur dem Virus auf der Spur. Sie hatte herausgefunden, dass alle Erkrankten zuvor Blut gespendet oder erhalten hatten.

Vor allem auf dem Land ist in China illegaler Bluthandel verbreitet, denn Blutplasma ist knapp in der Volksrepublik. Dies werde jedoch meist vertuscht, sagt Gao, da oft Krankenhäuser und Lokalpolitiker mitverdienen. Die Dimension ist gewaltig: Allein 2007 wurden laut Gesundheitsministerium fast 5 000 illegale Blutbanken geschlossen. Häufig werden Nadeln mehrfach benutzt, oft wird das Blut der Spender gemischt und, nachdem das Plasma entzogen ist, wieder in die Geber zurückgespritzt.

„Wenn da einer Aids hat, haben es alle“, sagt ein lokaler Dorfvorsteher. Nicht weit entfernt von seinem Dorf kann man zwischen den Feldern von Henan frische Hügelgräber sehen. „Hier liegen überall Aids-Opfer“, sagt er. Dennoch verkaufen die Bauernfamilien weiter ihr Blut. Jedes Mal gibt es rund 50 Yuan (etwa fünf Euro), viel Geld für die Menschen in der Provinz.

Auf dem staubigen Dorfplatz krempeln Bewohner ihre Ärmel hoch, zeigen die Stellen, wo die Kanülen angesetzt wurden. Die lokalen Gesundheitsbehörden haben ihnen erklärt, dass beim Blutspenden kein Risiko bestehe. Doch viele kennen Doktor Gao, haben von Aids gehört. „Aber wir haben viele Kinder und wenig zu essen“, sagt eine Frau. „Was sollen wir machen?“

Wenn Ärztin Gao so etwas hört, wird sie richtig fuchsig. China habe nicht nur ein Problem mit korrupten und lügenden Beamten, sagt sie und rutscht ungeduldig auf ihrem Sofa hin und her. Die chinesische Bevölkerung verdränge auch die Wahrheit über Aids. „Und die Zahl der Opfer steigt ständig.“

Experten gehen davon aus, dass sich der Virus hauptsächlich durch ungeschützten Sex so schnell in der Volksrepublik ausbreitet. Das bezweifelt Gao Yaojie. „Das Blut vieler Blutbanken in unserem Land ist verseucht“, steht für sie fest.

Über Jahre hat sie in Henan mehr als 100 Dörfer besucht und über 1 000 Aids-Patienten behandelt. Sie hat alles aufgeschrieben, fotografiert, dokumentiert. Schon kramt die rastlose Rentnerin in diversen Kisten nach Bildern, Büchern und Beweisen. „Dieses Mädchen ist sieben Jahre alt und schon infiziert“, sagt sie und wedelt mit einem Foto. „Nimmt sie etwa Drogen, oder ist sie eine Prostituierte?“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein Sofa als Bühne

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor