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02.05.2008 

Das alte Sofa ist ihre Bühne. Und Chinas mutige Aids-Ärztin kennt ihren Text, denn sie will etwas loswerden. Ihre Stimme bebt, zittert, bellt; manchmal klingt sie wütend, manchmal traurig, manchmal auch verbittert. Meistens aber ist es eine tiefe Empörung, die sich Luft verschafft. Über einen Staat, der jede unerwünschte Kritik verhindert. Und über einen Staat, der Kritiker noch im hohen Alter drangsaliert.

„Wenn die Behörden mich und meine Fakten nicht so unterdrückt hätten, wäre ich nie zur Rebellin geworden“, sagt Gao Yaojie. Seit Jahren werde ihre Familie bedroht, stehe sie „mehr oder weniger“ unter Hausarrest. Die Enkelin komme schon lange nicht mehr, der Sohn nur noch selten.

Am Telefon verabredet sich Gao nicht. Wer sie treffen will, muss einfach in die Provinzhauptstadt Zhengzhou fliegen und sich zu dem tristen Wohnblock an der Hong-Qi-Straße aufmachen. Dort geht es durch ein schmiedeeisernes Tor, vorbei an einem Wachmann in Uniform, der bei jedem Fremden etwas in sein Funkgerät nuschelt. Im Hinterhof rauchen Männer in schwarzer Kleidung Zigaretten, haben aus dem Augenwinkel alles im Blick.

Im ersten Stock führt Gao Yaojie ihren letzten großen Kampf, inzwischen nur noch ein Krieg der Worte.

Sie hat mehrere Bücher über Aids veröffentlicht, alle Ersparnisse in ihre Kampagnen gesteckt. In den vergangenen zehn Jahren waren es über 130 000 Dollar. Geld habe ihr noch nie viel bedeutet, sagt die Frau, die 1927 als älteste Tochter von fünf Kindern in eine wohlhabende Landfamilie geboren wurde – mit Privatlehrer und einem großen Anwesen.

Mit vier Jahren konnte sie bereits 1 000 Schriftzeichen, darauf ist sie noch heute stolz. Und die strenge Erziehung nach den Lehren von Konfuzius ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. „Respektiere andere, folge der Wahrheit, und fürchte niemals die Mächtigen“, betet sie einige Tugenden vor, wie einst in der Schule. Darüber muss selbst die kampfeslustige Seniorin lachen.

Doch ihre Kindheit war vor allem eine Zeit der Schmerzen. Im Alter von fünf Jahren werden der kleinen Yaojie die Füße abgebunden. „Noch heute kann ich nur Schuhgröße 34 tragen“, sagt sie und ihre kleinen Oma-Augen glänzen. Nicht vor Rührung. Als Kind erlebt Gao Krieg und Flucht, muss zusehen, wie der Besitz der Familie nach dem Einmarsch der Japaner 1937 zerstört und geplündert wurde. Während der Kulturrevolution wird die „bürgerliche“ Familie erneut enteignet und missachtet. Die junge Frau ist da schon Mutter.

Dabei hatte auch sie als 22-jährige Medizinstudentin 1949 der Kommunistischen Partei zugejubelt, war voller Hoffnung, als Mao die Volksrepublik ausrief. „Ich war damals jung, und die KP hat sehr gute Propaganda gemacht“, sagt sie und seufzt.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Das Parteibuch hat sie zurückgegeben

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