Ihr Parteibuch, das hat sie schon lange wieder zurückgegeben. „Ich musste nicht nur während der Kulturrevolution leiden“, sagt Gao.
Die Küchenuhr tickt. An der Wand des kleinen Raums hängen viele alte Fotos. Auch Bilder von den Touren über die Aids-Dörfer. Auf einem hält sie mit erhobener Faust eine feurige Rede vor den Bauern. „Aufklärung ist das Einzige, was gegen Aids hilft“, ist sie noch immer überzeugt. Darum hat sie noch im hohen Alter den Computer entdeckt, schreibt ein Internet-Blog, neue Bücher und E-Mails in alle Welt.
Ein Blick zur Uhr. Die alte Frau prüft durch das Balkonfenster die Lage im Hof. Sie hat nicht die spielenden Kinder im Auge. Die letzten Journalisten, die sie besuchten, seien von der Polizei bis zum Flughafen gebracht worden. Heute hat es noch immer nicht geklopft. „Wir haben Glück, sie machen lange Mittagspause“, freut sie sich diebisch.
Sie habe gern auf ihr Essen verzichtet, sagt Gao Yaojie und kichert konspirativ: „Ich will lieber reden.“ Und die mutige Aids-Ärztin hat viel erzählt. Auch von den hohen Politikern, die auf ihrem alten, abgewetzten Sofa Platz genommen haben.
„Hier hat Wu Yi gesessen, ganz allein mit mir“, sagt die alte Frau und klopft auf das Polster. Staub wirbelt durch die Luft. Der Besuch der Politikerin, die bis vor kurzem noch Chinas Vize-Premier war, sorgte für Schlagzeilen. „Aber sie hat nichts verstanden“, sagt Gao verächtlich.
Nur einer habe sie bislang wirklich ernst genommen: Li Keqiang. Ausgerechnet der ehemalige Parteisekretär von Henan, der in der Aids-Provinz von 1998 bis 2004 im Amt war. „Der ist besser als alle anderen“, versichert Oma Gao mit dem Brustton der Überzeugung.
2012 soll Li Keqiang als Nachfolger von Hu Jintao der mächtigste Mann in der Volksrepublik China werden. „Dann bin ich doch erst 85 Jahre alt“, lacht Gao Yaojie unternehmungslustig und stemmt sich aus dem Sofa empor. „Mittagspause ist vorbei“, sagt sie. Im Treppenhaus sind Schritte zu hören. Es riecht nach Zigaretten.

