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08.05.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Gefoltert, aber nicht gebrochen

von Ruth Kirchner

An der Seite demonstrierender Studenten bot Han Dongfang 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking dem chinesischen Regime die Stirn. Heute kämpft er im Hongkonger Exil für die Rechte der Arbeiter in seiner Heimat.

Han Dongfang im Treppenhaus vor seinem Hongkonger Büro: "Viele Menschen haben alles verloren, auch die Angst." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Han Dongfang im Treppenhaus vor seinem Hongkonger Büro: "Viele Menschen haben alles verloren, auch die Angst." Foto: Qilai Shen/sinopix

HONGKONG. Dass etwas mit ihm nicht stimmt, merkt Xu Yundong, als der ständige Husten einfach nicht aufhören will. Beim Treppensteigen kommt der Arbeiter völlig außer Atem; immer wieder plagen ihn Schwindelanfälle. Monatelang hat Wanderarbeiter Xu in einer Fabrik im südchinesischen Perlflussdelta Edelsteine geschliffen. In der Werkshalle kreischen die Sägen, überall ist Quarzstaub, er hängt wie eine dicke Wolke in der stickigen, ungelüfteten Halle, legt sich auf Maschinen und Menschen, dringt in jede Pore ein, kriecht in die Bronchien und Lungen.

Als die Beschwerden immer schlimmer werden, geht Xu zum Arzt. Die Diagnose ist niederschmetternd: Silikose, chronische Staublunge. Die Behandlungskosten kann er nicht aufbringen, sein Arbeitgeber speist ihn mit einer minimalen Entschädigung ab. Krank und verbittert kehrt Xu in sein Heimatdorf zurück.

Ohne seinen Job steht seine Familie vor dem Nichts. In seiner Verzweiflung bleibt Xu nur eine Telefonnummer in Hongkong, die ihm Freunde zugesteckt haben. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Mann mit dem Namen Han Dongfang. Für Xu ist er die Rettung.

Han Dongfang, ein hochgewachsener Mann mit freundlichem Lachen, ist der bekannteste Gewerkschafter Chinas. 1994 hat er das „China Labour Bulletin“ gegründet – zunächst als Magazin für Arbeitsrechtsfragen. Mittlerweile ist daraus eine Organisation geworden, die chinesische Arbeiter berät und ihnen hilft, ihre Rechte einzuklagen. So wie im Falle des Wanderarbeiters Xu.



„Wir haben Xu und seinen Kollegen erst einmal einen Anwalt besorgt“, erinnert sich Han an diesen Fall vor drei Jahren. Mit seiner Hilfe begannen die Arbeiter, für ihre Rechte zu kämpfen. In China ein eher aussichtsloses Unterfangen, aber Han machte ihnen Mut: „Wer sein Recht bekommen will, muss lernen, seine Rechte zu nutzen.“

Han Dongfang weiß, wovon er spricht, wenn es um das mutige Eintreten für seine Rechte geht. 1989, als auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Studenten demonstrierten, wäre er fast so etwas wie der Lech Walesa von China geworden. Aber anders als der berühmte polnische Gewerkschaftsführer hat es Han am Ende doch nicht geschafft, die kommunistische Regierung in Peking in die Knie zu zwingen. Im Gegenteil. Die Studentenproteste wurden blutig niedergeschlagen, die Kommunistische Partei Chinas sitzt fest im Sattel, Han lebt im Hongkonger Exil.

Sein Büro befindet sich im achten Stock eines heruntergekommenen, grauen Geschäftshauses mitten in Hongkong. Der Direktor des „China Labour Bulletin“ sitzt in einem kleinen, schlichten Verschlag vor einem Flachbildschirm. An den Wänden hängen krakelige Kinderzeichnungen – Liebesgaben seines jüngsten Sohnes.

„Als wir vor fünf Jahren mit der Rechtsberatung anfingen, hatten wir weniger als zehn Fälle“, berichtet der 44-Jährige. Doch die Zahl derer, die sich mit ihrem Arbeitgeber anlegen, nimmt zu. Im vergangenen Jahr waren es 200, und in diesem Jahr könnten es 500 bis 1 000 werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zusammenarbeit mit Anwälten vor Ort

Auf dem chinesischen Festland darf Han Dongfang allerdings keine Büros betreiben, auch die Internetseite ist dort gesperrt. Dafür arbeitet er bereits in zehn Provinzen mit örtlichen Anwälten zusammen.

Fast immer geht es um ausbleibende Lohnzahlungen, um Sicherheit, Entschädigungen und Entlassungen. Finanziert wird sein zehnköpfiges Team durch internationale Gewerkschaftsverbände und Entwicklungshilfe.

Han aber sieht sich nicht als Rechtsberater, sondern vor allem als Aktivist. Die Prozesse und Klagen sollen nicht nur dem einzelnen Arbeiter helfen, sondern das System insgesamt verändern. Reform durch Quantität: „Einzelne Klagen können abgeschmettert werden, aber nicht Hunderte.“ Dann böten sich große Chancen, denn Chinas Arbeitsgesetze seien gar nicht schlecht.

Auch im Reich der Mitte gibt es Arbeitszeitregelungen und Schutzbestimmungen, darf die Gesundheit der Arbeiter nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.


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Xu Yundong, der lungenkranke Edelsteinschleifer, traute sich deshalb mit Hilfe seines Anwalts das geradezu Unglaubliche: Er, der ungebildete, machtlose Wanderarbeiter, verklagte seinen ehemaligen Arbeitgeber. 420 000 Yuan (umgerechnet etwa 42 000 Euro) bekam er schließlich. Ein schwacher Trost angesichts seiner ruinierten Gesundheit, aber für einen Wanderarbeiter in China ein Vermögen.

Han ist stolz auf solche Erfolge. Für ihn sind es wichtige Schritte beim Aufbau einer Zivilgesellschaft in China, in der Menschen ihre Sache selbst in die Hand nehmen.

„Hier, schau mal“, ruft er und druckt seitenweise eng beschriebene Papiere aus. Es sind die jüngsten Verlautbarungen der Regierung. „Selbst der Staatsrat übernimmt unsere Ideen von Rechtsstaatlichkeit.“

Die Zeiten, in denen die Partei alles machen und von oben diktieren könne, die seien irgendwann vorbei, sagt Han auf seine ruhige, direkte Art. Moderne Gesellschaften bräuchten Institutionen, Verbände, Vereine – und unabhängige Gewerkschaften. Die Volksrepublik, das weiß Han allerdings auch, ist jedoch noch weit davon entfernt. „Eine Tradition von Rechtsstaat und Zivilgesellschaft gibt es in China nicht“, sagt er.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Sein eigener Weg

Und dann kommt er auf seine eigene Geschichte zu sprechen, seinen eigenen Weg, auf dem er genau diesen Mangel an Rechtsstaatlichkeit erfahren musste. 1989, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens: Dass Gewerkschaften nicht einfach der Parteilinie zu folgen haben, davon war Han Dongfang schon lange überzeugt. Spontan schloss sich der damals 26-Jährige deshalb den Protesten in Peking an. Dabei hatte der Arbeiter mit den demonstrierenden Studenten eigentlich wenig gemein. Han war der Weg an die Universität versperrt geblieben. Sein Vater war ein bitterarmer Bauer in der Provinz Shanxi, seine Mutter schuftete auf Baustellen.

Han ging zunächst zum Militär, später arbeitete er als Elektriker bei der Eisenbahn. Empört über die Korruption in den Staatsbetrieben, gründete er 1989 mit anderen die Unabhängige Pekinger Arbeitervereinigung, die erste freie Gewerkschaft Chinas. Und als freier Gewerkschafter hielt er auf dem Platz des Himmlischen Friedens flammende Reden.

Heute sind ihm seine Auftritte von damals ein bisschen peinlich. „Ich war ungebildet und kein guter Redner“, sagt er entschuldigend und blickt aus seinem Büro über die Dächer von Hongkong. Vor allem aber hatten er und seine Mitstreiter ihre Gegner unterschätzt. Arbeiter an der Seite der Studenten gegen die Partei – das konnte der Staat nicht dulden.

Er rächt sich fürchterlich an dem Mann, der diesen Tabubruch wagte. Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung steht Han Dongfangs Name ganz oben auf den Fahndungslisten. Er kann nicht untertauchen und stellt sich. Fast zwei Jahre verbringt er ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis.

Wenn er erzählt, wie er von einem Gefängnisarzt mit langen Akupunkturnadeln gefoltert wurde, wird seine Stimme ganz leise. „Nein“, sagt er dann und lehnt sich in seinem Stuhl ganz weit zurück, „ich empfinde keinen Hass.“ Es ist sein später Triumph über seine Peiniger: Seht her, die Zeit im Gefängnis hat mich nicht gebrochen.


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Aber sie hat ihn fürs Leben gezeichnet. Im Gefängnis infiziert er sich mit Tuberkulose. Als er auf Druck von Menschenrechtsgruppen und internationalen Gewerkschaftsverbänden entlassen wird, ist er todkrank und völlig abgemagert. Gemeinsam mit seiner Frau darf er zur medizinischen Behandlung in die USA ausreisen, wo ein Lungenflügel entfernt werden muss. „Ich kann nicht mehr als 50 Meter rennen“, sagt er und fügt trocken hinzu: „Ich war noch nie ein guter Sportler.“

Durch das offene Fenster dringt der Lärm einer Großbaustelle. Wenn die Eisenträger in den Boden gerammt werden, erzittert das ganze Haus, flackern die Bildschirme. Ähnlich kraftvoll will auch Han das nahe und doch so ferne China erschüttern. Denn eigentlich geht es ihm immer noch um seinen alten Traum von 1989, um die Idee von einer freien, demokratischen Gesellschaft.

Das Wort Demokratie nimmt er freilich nicht gern in den Mund. Abstrakte Debatten helfen einfach nicht weiter, findet Han. „Große Konzepte muss man mit Leben füllen. Demokratie fängt im Alltag an, in der Fabrikhalle, bei der Respektierung der Rechte und der Würde der Arbeiter.“ Dafür müssen freie Betriebsräte her, muss man über Tarifverträge verhandeln können.

Genau das ist aber im Einparteienstaat nicht der Fall. Bis heute dürfen Chinas Arbeiter und Bauern keine unabhängigen Interessenvertretungen gründen. Die offiziellen Gewerkschaften unter dem Dach der „All China Federation of Trade Unions“ sind Parteiorganisationen.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er will zurück in seine Heimat

Han wehrt sich noch immer dagegen – auch im Exil. Mit seiner Frau und drei Söhnen lebt er auf der idyllischen Insel Lamma vor Hongkong. 30 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre. Die Dieselmotoren stampfen, die Gischt spritzt. Im Örtchen Yung Shue Wan legt das Boot mit einem eleganten Schwung am Pier an. Lamma ist eine Oase, keine Hochhäuser, kaum Autos. Hongkongs Wolkenkratzer, die Arbeitsbedingungen im Perlflussdelta, die Erinnerungen an 1989 – all das ist hier ganz weit weg.

Es hat lange gedauert, bis sich Han hier zu Hause fühlen konnte. Als er nach seinem USA-Aufenthalt 1992 nach Hongkong kam, wollte er sofort zurück nach China. Im Gefängnis hatte er es verflucht, als Chinese geboren zu sein. Hatte seinen Peinigern entgegengehalten, er wolle im nächsten Leben lieber als Schwein oder Hund zur Welt kommen.

Genau dieser Mann will jetzt unbedingt zurück in seine Heimat. Nur: China will ihn nicht mehr haben. Immer, wenn er die Grenze überqueren will, schicken die Chinesen ihn zurück in die damalige britische Kronkolonie. Daran ändert sich auch 1997 nichts, als Hongkong wieder Teil von China wird.

Han ist im Exil seinen Ideen von 1989 treu geblieben. „Mir geht es aber heute“, sagt er, „nicht mehr um die großen demokratischen Ideale, sondern um ganz praktische, elementare Dinge.“ Den Vorwurf, er habe in Hongkong längst den Kontakt zur Volksrepublik verloren, weist er zurück. „Ich weiß sehr genau, was in China los ist.“



Von dort rufen ihn fast täglich Arbeiter an. 1997 entstand daraus die Idee einer Radiosendung bei Radio Free Asia, einem vom amerikanischen Kongress finanzierten Kurzwellensender, der aus Chinas Nachbarländern ein Programm in Chinesisch in die Volksrepublik sendet. Und obwohl Peking versucht, die Sendungen zu stören, kommt Han Dongfangs Stimme doch bei vielen Arbeitern an.

Dreimal die Woche, jeweils 15 Minuten lang, ist sein „laogong tongxun“, sein Arbeiterreport, zu hören. Aus Sorge um die Sicherheit seiner Informanten, ließ Han anfangs die Stimmen seiner Anrufer verzerren. Doch die meisten wollen das gar nicht, sie wollen offen sprechen. „Viele Menschen haben alles verloren, auch die Angst“, sagt er.

Offenbar haben auch die Mächtigen in Peking erkannt, dass jemand wie er nützlich sein kann. Mit Hilfe seiner Beratung werden oft die zunehmenden Arbeiterkonflikte im Perlflussdelta entschärft, haben Beobachter festgestellt. „Ich bin eine Art Feuerwehr für China“, sagt Han.

Der Rebell von 1989 will noch immer das Beste für sein Land, Han Dongfang hat nicht aufgegeben. „Man kann doch nicht gegen das Volk regieren“, schimpft er. Draußen auf der Baustelle rummst es. Wieder ein Eisenträger, die Wände zittern.

Er sei glücklich, dass er heute China wenigstens von außen verändern könne, sagt Han. Dann holt er tief Luft. „Ich bin ein kleiner Träumer“, sagt er, „aber ich bin auch Realist.“

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