Und dann kommt er auf seine eigene Geschichte zu sprechen, seinen eigenen Weg, auf dem er genau diesen Mangel an Rechtsstaatlichkeit erfahren musste. 1989, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens: Dass Gewerkschaften nicht einfach der Parteilinie zu folgen haben, davon war Han Dongfang schon lange überzeugt. Spontan schloss sich der damals 26-Jährige deshalb den Protesten in Peking an. Dabei hatte der Arbeiter mit den demonstrierenden Studenten eigentlich wenig gemein. Han war der Weg an die Universität versperrt geblieben. Sein Vater war ein bitterarmer Bauer in der Provinz Shanxi, seine Mutter schuftete auf Baustellen.
Han ging zunächst zum Militär, später arbeitete er als Elektriker bei der Eisenbahn. Empört über die Korruption in den Staatsbetrieben, gründete er 1989 mit anderen die Unabhängige Pekinger Arbeitervereinigung, die erste freie Gewerkschaft Chinas. Und als freier Gewerkschafter hielt er auf dem Platz des Himmlischen Friedens flammende Reden.
Heute sind ihm seine Auftritte von damals ein bisschen peinlich. „Ich war ungebildet und kein guter Redner“, sagt er entschuldigend und blickt aus seinem Büro über die Dächer von Hongkong. Vor allem aber hatten er und seine Mitstreiter ihre Gegner unterschätzt. Arbeiter an der Seite der Studenten gegen die Partei – das konnte der Staat nicht dulden.
Er rächt sich fürchterlich an dem Mann, der diesen Tabubruch wagte. Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung steht Han Dongfangs Name ganz oben auf den Fahndungslisten. Er kann nicht untertauchen und stellt sich. Fast zwei Jahre verbringt er ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis.
Wenn er erzählt, wie er von einem Gefängnisarzt mit langen Akupunkturnadeln gefoltert wurde, wird seine Stimme ganz leise. „Nein“, sagt er dann und lehnt sich in seinem Stuhl ganz weit zurück, „ich empfinde keinen Hass.“ Es ist sein später Triumph über seine Peiniger: Seht her, die Zeit im Gefängnis hat mich nicht gebrochen.
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Aber sie hat ihn fürs Leben gezeichnet. Im Gefängnis infiziert er sich mit Tuberkulose. Als er auf Druck von Menschenrechtsgruppen und internationalen Gewerkschaftsverbänden entlassen wird, ist er todkrank und völlig abgemagert. Gemeinsam mit seiner Frau darf er zur medizinischen Behandlung in die USA ausreisen, wo ein Lungenflügel entfernt werden muss. „Ich kann nicht mehr als 50 Meter rennen“, sagt er und fügt trocken hinzu: „Ich war noch nie ein guter Sportler.“
Durch das offene Fenster dringt der Lärm einer Großbaustelle. Wenn die Eisenträger in den Boden gerammt werden, erzittert das ganze Haus, flackern die Bildschirme. Ähnlich kraftvoll will auch Han das nahe und doch so ferne China erschüttern. Denn eigentlich geht es ihm immer noch um seinen alten Traum von 1989, um die Idee von einer freien, demokratischen Gesellschaft.
Das Wort Demokratie nimmt er freilich nicht gern in den Mund. Abstrakte Debatten helfen einfach nicht weiter, findet Han. „Große Konzepte muss man mit Leben füllen. Demokratie fängt im Alltag an, in der Fabrikhalle, bei der Respektierung der Rechte und der Würde der Arbeiter.“ Dafür müssen freie Betriebsräte her, muss man über Tarifverträge verhandeln können.
Genau das ist aber im Einparteienstaat nicht der Fall. Bis heute dürfen Chinas Arbeiter und Bauern keine unabhängigen Interessenvertretungen gründen. Die offiziellen Gewerkschaften unter dem Dach der „All China Federation of Trade Unions“ sind Parteiorganisationen.
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