Was HSBC-Manager Richard Li von Konfizius für seinen Job in der Großbank gelernt hat, wie der Top-Banker Ratschläge des chinesischen Militärstrategen Sun Tsu umsetzt und wie er Brücken zwischen Ost und West baut.
HSBC-Manager Richard Li: "Ich helfe den Chinesen herauszukommen und unseren internationalen Geschäftspartner hereinzukommen." Foto: Qilai Shen/sinopix
SCHANGHAI. Klar kommt er mit aufs Dach. Dort oben war er noch nie, wo der Fotograf seine Aufnahmen machen will. „Ich bin selbst neugierig, wie es da aussieht“, sagt Richard Li.
Zunächst geht es hinter die Edelholz-Kulissen des Hochhauses durch lange Gänge aus nacktem Beton zu einem versteckten Aufzug. Dann hinauf in den 46. Stock. Oben auf dem Dach muss der Mann in seinem feinen Zwirn über Röhren und Leitungen klettern. Er gerät ins Schwitzen. „Mein Arzt hat mir Tennisspielen verboten, weil ich etwas zu schwer geworden bin“, hat Li vor einigen Minuten noch gewarnt, doch er setzt die Klettertour fort.
Dann steht er an der Dachkante, der Fotograf macht seine Bilder, Li genießt den Blick über die Stadt. „Da vorne, da wohne ich“, sagt er und zeigt auf ein paar Häuser in der Nähe. Ins Büro fährt er die fünf Minuten trotzdem mit dem Auto.
Der Mann ist angekommen, ganz oben angekommen. Der 41-Jährige leitet die Niederlassung Schanghai für HSBC, die wertvollste Bank der Welt, gemessen an der Marktkapitalisierung. Leute, die ihn kennen, sind sich sicher, dass er noch weiter aufsteigt und eines Tages das gesamte China-Geschäft der HSBC leiten könnte.
Es ist vor allem eine Eigenschaft, die ihm zum Aufstieg verholfen hat: Er kann Brücken bauen zwischen Ost und West – zwischen London, wo die HSBC ihren Hauptsitz hat, und Asien. Und er weiß, dass er darin richtig gut ist. „Ich helfe den Chinesen herauszukommen und unseren internationalen Geschäftspartnern hereinzukommen“, sagt Li. Seine Funktion als Brückenbauer hat noch eine andere Seite: „Ich kann die Widersprüche zwischen dem Westen und Asien ausbalancieren.“
Wie? Das macht er selbst vor: Er verbindet typisch asiatische Eigenschaften mit viel Verständnis für die westliche Kultur.
Als Student hat Li seine Abschlussarbeit über internationales Urheberrecht geschrieben. Bis heute achtet er penibel auf den Schutz geistigen Eigentums – eine Seltenheit im Reich der Produktpiraten. Während seine Landsleute Produkte kopieren, lässt er für die Hintergrundmusik in jeder Filiale Abspielgebühren zahlen.
Es ist nicht nur diese Eigenschaft, die ihn von der Mehrheit der Chinesen unterscheidet: Li ist bedingungslos loyal zu seinem Arbeitgeber. Vielen seiner Landsleute ist Einkommen sehr wichtig. Wenn sie woanders mehr verdienen können, wechseln sie einfach. „HSBC ist mein Leben, ich wäre heute nicht der, der ich bin, ohne die Bank“, sagt Li dagegen.
Immer wieder haben ihn Headhunter angesprochen, ihm Jobs mit deutlich mehr Geld angeboten. „Ich bin aber nicht in Versuchung gekommen. Ich sage meinen Mitarbeitern stets: Wir bleiben bei HSBC, weil wir der Marktführer sind. In Schanghai haben wir einen Marktanteil von 40 Prozent unter den ausländischen Banken. Wenn du zur Spitzenklasse gehören willst, komm zu uns. Wenn du am Spielfeldrand stehen willst, geh zu den anderen!“
Ein Banker mit westlichen Grundsätzen – und mit einem westlichen Vornamen: Eigentlich heißt Li „Feng“ mit Vornamen. Wie viele Chinesen verwendet er jedoch im Umgang mit Europäern einen Vornamen, der für sie gebräuchlicher ist.
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Seine asiatische Seite sieht man auf den ersten Blick – an einem auffälligen Armband aus Jade. Das trägt er seit der Geburt seiner Zwillinge, die heute 18 Monate alt sind. Es besteht aus zwei miteinander verwobenen Strängen, die von einer kleinen Schildkröte zusammengehalten werden. Schildkröten gelten in China als Glücksbringer. „Meine Frau hat das gleiche Armband. Wenn die Kinder 18 werden, bekommen sie die Armbänder.“
Souverän beherrscht er auch den etwas schlitzohrigeren Geschäftsstil Chinas. Das zahlt sich vor allem in seinem zweiten Job aus. Li führt nicht nur die HSBC-Geschäfte in Schanghai. Sein zweiter Titel ist „Bereichsleiter Persönliches Vermögensmanagement für Ost- und Mittelchina“. Für diesen Job fliegt Li regelmäßig in die Provinzen und erschließt die wilde Mitte Chinas.
Vermögende Kunden gibt es dort nur wenige und ohnehin erst seit wenigen Jahren. Als internationale Bank kommt die HSBC da jedes Mal ahnungslos in eine neue Stadt – ohne Adressen potenzieller Kunden und ohne Marktkenntnisse aus erster Hand. Li hat eine spezielle Lösung für dieses Problem gefunden: Er arbeitet mit den Betreibern von Golfplätzen zusammen, mit Verkäufern von Luxusautos und Clubs, in denen sich Wohlhabende treffen. So besorgt er sich zum Beispiel die Kundenliste der örtlichen Mercedes-Benz-Händler. Die telefonieren seine Mitarbeiter dann komplett ab.
Li nennt diese Methode fast poetisch: „Wir besetzen lichte Höhen.“ Das Zitat stammt aus dem Buch „Die Kunst des Krieges“ von Sun Tsu. Der Autor war ein geheimnisvoller Kämpfer und Philosoph, der sich beim Schreiben des Werks vor 2 000 Jahren kräftig aus dem Gedankengut des Taoismus bediente, der ältesten chinesischen Denkschule.
Li hat viele solcher Bücher gelesen – Klassiker über die chinesische Kultur, über die chinesische Geschichte. Er kennt nicht nur den Taoismus, auch die konkurrierende Denkschule, den Konfuzianismus. Wenn es passt, bedient sich Li auch dort. Aus einem der vier heiligen Bücher des Konfuzianismus zitiert er auswendig: „Kultiviere dich selbst als Person, dann kannst du deine Familie organisieren. Organisiere deine Familie, dann kannst du dein Land in Ordnung bringen.“
Li wendet die Weisheit des alten China auf die Spielregeln der modernen Finanzwelt an. Damit schafft er, woran chinesische Vordenker im 19. und 20. Jahrhundert gescheitert sind: die Vorteile des Westens mit denen Asiens zu verbinden.
Im Tagesgeschäft hält Li sich vor allem an Sun Tsus Ratschläge. Als Leiter eines Teams sei er schließlich so etwas wie ein General, der für seine Soldaten verantwortlich sei. Und von einem General fordert Sun Tsu: „Behandele deine Soldaten wie deine eigenen Nachkommen.“ Allerdings schreibt Sun Tsu auch: „Bist du deinen Soldaten gegenüber gütig, kannst du sie nicht mehr befehligen.“
Li übersetzt dies so: „Ich habe eine sanfte und eine unangenehme Seite.“ Unangenehm wird er dann, wenn er mit der Arbeit seiner Mitarbeiter unzufrieden ist. „Dann kann ich auch richtig laut werden.“
General zu werden, das war sein Berufswunsch, als er noch Kind war. Geboren und aufgewachsen ist er in Schanghai. Die Eltern sind Mitglieder der Partei und haben in Staatsunternehmen gearbeitet.
Aus der Zeit kurz nach der Kulturrevolution erinnert er sich Li vor allem an einen Silvesterabend. Er war vier oder fünf Jahre alt. Die Führung hatte wieder einmal mehr Motivation und mehr Einsatz von den Mitarbeitern gefordert, und die Mutter ging um Mitternacht in den Betrieb. Sie wollte schon in der ersten Minute des neuen Jahres arbeiten.
Li erzählt die Anekdote aus der Vergangenheit so, wie er auch sein ganzes Leben anpackt: engagiert, mit Nachdruck, mit Witz. Doch wie fast alle Chinesen schaut er lieber nach vorn: „Heute konzentrieren sich die Gespräche zwischen meinen Eltern und mir auf meine Kinder. Meine Eltern wissen nicht viel von meinem Job“, sagt Li. Kein Wunder. Seine Arbeitswelt hat wenig mit den sozialistischen Arbeitseinheiten von damals gemein. Li ist nicht mal in der Partei.
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Trotzdem hat er Ende der 80er-Jahre keine Probleme, einen Studienplatz an einer renommierten Universität zu bekommen. Er gehört zur Generation chinesischer Studenten, denen neben der reinen Lehre des Marxismus auch Wirtschaftswissenschaften westlicher Prägung offenstanden. Die Reformen von Deng Xiaoping hatten seit 1980 ein pragmatisches, erstmals wieder wirtschaftsfreundliches Klima geschaffen.
Li studiert zunächst zwar Ingenieurwissenschaften, wechselt 1988 aber in den neuen Studiengang „International Foreign Trade“. „Ich dachte, ich könnte eines Tages Manager werden“, erzählt Li, „und bemühte mich um einen Platz in der Management-School.“ Er lernt dort Englisch, Grundlagen der Industrieproduktion und des Außenhandels.
Nach dem Examen findet er schnell einen Job. Schanghais damaliger Bürgermeister Zhu Rongji will etwas für die Qualifikation junger Leute tun. Er nimmt Li als einen der Ersten in ein Programm für Hochschulabsolventen auf. Während Zhu später nach Peking geht, arbeitet Li in dessen Lieblingsprojekt: der Entwicklung der Sonderwirtschaftszone Pudong, die heute ein ähnliches Bruttoinlandsprodukt wie Estland erzielt.
Im Jahr 1992 gehört Li erneut zu den Ersten in einer neuen Organisation. Diesmal sucht HSBC Führungsnachwuchs und ruft ein Trainee-Programm ins Leben. Li reizt es, für eine dreijährige Ausbildung nach Hongkong zu gehen. Die Bank fördert den ehrgeizigen Mann und schickt ihn für kürzere Aufenthalte nach Europa und Amerika.
Heute sagt er über seinen Job: „Ich fühle mich in gewissem Umfang nicht als Chinese bei einer ausländischen Bank, sondern als Manager bei einer chinesischen Bank.“ Er ist stolz, es bei einem Weltunternehmen geschafft zu haben, und er zeigt das auch. Auf seiner Fensterbank im Büro hoch über dem Hafen von Schanghai liegen Dutzende betriebsinterner Auszeichnungen für seine Arbeit.
Mit seiner Haltung ist er für den Bankkonzern ebenso wertvoll wie dieser für ihn. Die Hongkong Shanghai Banking Corporation gilt zwar als britische Bank, wurde jedoch 1865 mit einem Zweck gegründet: Handel zwischen Europa und China zu finanzieren. Dieser Tradition fühlt sich die Bank bis heute verpflichtet. Sie investiert kräftig im Reich der Mitte, während das Engagement anderer Institute nachlässt. „Wir sind wieder zu Hause“, lautet etwa ein HSBC-Werbespruch in China.
„Wenn ich mich mit Managern anderer internationaler Unternehmen unterhalte, wird mir bewusst, dass das nicht nur ein Werbespruch ist, sondern die HSBC das auch so meint“, sagt Li. „Meine Zentrale in London hat mehr Verständnis für chinesische Eigenheiten.“
Ob er selbst mal in der Zentrale arbeiten möchte? Li lacht bei dieser Frage nur. Dann lässt er sich aber doch etwas entlocken: „Ich rechne schon damit, künftig weitere Verantwortung zu übernehmen – nicht nur in China“, sagt er. „Es wäre interessant, in Deutschland zu arbeiten.“
Und eine wichtige Voraussetzung dafür, in Deutschland, vorzugsweise in der Nähe von Frankfurt, zu leben, ist erfüllt: „Bei einer Deutschlandreise fiel mir auf: In Frankfurt gibt es authentisches chinesisches Essen, das hat mich sehr beeindruckt.“


