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22.04.2008 

Seine asiatische Seite sieht man auf den ersten Blick – an einem auffälligen Armband aus Jade. Das trägt er seit der Geburt seiner Zwillinge, die heute 18 Monate alt sind. Es besteht aus zwei miteinander verwobenen Strängen, die von einer kleinen Schildkröte zusammengehalten werden. Schildkröten gelten in China als Glücksbringer. „Meine Frau hat das gleiche Armband. Wenn die Kinder 18 werden, bekommen sie die Armbänder.“

Souverän beherrscht er auch den etwas schlitzohrigeren Geschäftsstil Chinas. Das zahlt sich vor allem in seinem zweiten Job aus. Li führt nicht nur die HSBC-Geschäfte in Schanghai. Sein zweiter Titel ist „Bereichsleiter Persönliches Vermögensmanagement für Ost- und Mittelchina“. Für diesen Job fliegt Li regelmäßig in die Provinzen und erschließt die wilde Mitte Chinas.

Vermögende Kunden gibt es dort nur wenige und ohnehin erst seit wenigen Jahren. Als internationale Bank kommt die HSBC da jedes Mal ahnungslos in eine neue Stadt – ohne Adressen potenzieller Kunden und ohne Marktkenntnisse aus erster Hand. Li hat eine spezielle Lösung für dieses Problem gefunden: Er arbeitet mit den Betreibern von Golfplätzen zusammen, mit Verkäufern von Luxusautos und Clubs, in denen sich Wohlhabende treffen. So besorgt er sich zum Beispiel die Kundenliste der örtlichen Mercedes-Benz-Händler. Die telefonieren seine Mitarbeiter dann komplett ab.

Li nennt diese Methode fast poetisch: „Wir besetzen lichte Höhen.“ Das Zitat stammt aus dem Buch „Die Kunst des Krieges“ von Sun Tsu. Der Autor war ein geheimnisvoller Kämpfer und Philosoph, der sich beim Schreiben des Werks vor 2 000 Jahren kräftig aus dem Gedankengut des Taoismus bediente, der ältesten chinesischen Denkschule.



Li hat viele solcher Bücher gelesen – Klassiker über die chinesische Kultur, über die chinesische Geschichte. Er kennt nicht nur den Taoismus, auch die konkurrierende Denkschule, den Konfuzianismus. Wenn es passt, bedient sich Li auch dort. Aus einem der vier heiligen Bücher des Konfuzianismus zitiert er auswendig: „Kultiviere dich selbst als Person, dann kannst du deine Familie organisieren. Organisiere deine Familie, dann kannst du dein Land in Ordnung bringen.“

Li wendet die Weisheit des alten China auf die Spielregeln der modernen Finanzwelt an. Damit schafft er, woran chinesische Vordenker im 19. und 20. Jahrhundert gescheitert sind: die Vorteile des Westens mit denen Asiens zu verbinden.

Im Tagesgeschäft hält Li sich vor allem an Sun Tsus Ratschläge. Als Leiter eines Teams sei er schließlich so etwas wie ein General, der für seine Soldaten verantwortlich sei. Und von einem General fordert Sun Tsu: „Behandele deine Soldaten wie deine eigenen Nachkommen.“ Allerdings schreibt Sun Tsu auch: „Bist du deinen Soldaten gegenüber gütig, kannst du sie nicht mehr befehligen.“

Li übersetzt dies so: „Ich habe eine sanfte und eine unangenehme Seite.“ Unangenehm wird er dann, wenn er mit der Arbeit seiner Mitarbeiter unzufrieden ist. „Dann kann ich auch richtig laut werden.“

General zu werden, das war sein Berufswunsch, als er noch Kind war. Geboren und aufgewachsen ist er in Schanghai. Die Eltern sind Mitglieder der Partei und haben in Staatsunternehmen gearbeitet.

Aus der Zeit kurz nach der Kulturrevolution erinnert er sich Li vor allem an einen Silvesterabend. Er war vier oder fünf Jahre alt. Die Führung hatte wieder einmal mehr Motivation und mehr Einsatz von den Mitarbeitern gefordert, und die Mutter ging um Mitternacht in den Betrieb. Sie wollte schon in der ersten Minute des neuen Jahres arbeiten.

Li erzählt die Anekdote aus der Vergangenheit so, wie er auch sein ganzes Leben anpackt: engagiert, mit Nachdruck, mit Witz. Doch wie fast alle Chinesen schaut er lieber nach vorn: „Heute konzentrieren sich die Gespräche zwischen meinen Eltern und mir auf meine Kinder. Meine Eltern wissen nicht viel von meinem Job“, sagt Li. Kein Wunder. Seine Arbeitswelt hat wenig mit den sozialistischen Arbeitseinheiten von damals gemein. Li ist nicht mal in der Partei.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Rasch findet er einen Job

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