Trotzdem hat er Ende der 80er-Jahre keine Probleme, einen Studienplatz an einer renommierten Universität zu bekommen. Er gehört zur Generation chinesischer Studenten, denen neben der reinen Lehre des Marxismus auch Wirtschaftswissenschaften westlicher Prägung offenstanden. Die Reformen von Deng Xiaoping hatten seit 1980 ein pragmatisches, erstmals wieder wirtschaftsfreundliches Klima geschaffen.
Li studiert zunächst zwar Ingenieurwissenschaften, wechselt 1988 aber in den neuen Studiengang „International Foreign Trade“. „Ich dachte, ich könnte eines Tages Manager werden“, erzählt Li, „und bemühte mich um einen Platz in der Management-School.“ Er lernt dort Englisch, Grundlagen der Industrieproduktion und des Außenhandels.
Nach dem Examen findet er schnell einen Job. Schanghais damaliger Bürgermeister Zhu Rongji will etwas für die Qualifikation junger Leute tun. Er nimmt Li als einen der Ersten in ein Programm für Hochschulabsolventen auf. Während Zhu später nach Peking geht, arbeitet Li in dessen Lieblingsprojekt: der Entwicklung der Sonderwirtschaftszone Pudong, die heute ein ähnliches Bruttoinlandsprodukt wie Estland erzielt.
Im Jahr 1992 gehört Li erneut zu den Ersten in einer neuen Organisation. Diesmal sucht HSBC Führungsnachwuchs und ruft ein Trainee-Programm ins Leben. Li reizt es, für eine dreijährige Ausbildung nach Hongkong zu gehen. Die Bank fördert den ehrgeizigen Mann und schickt ihn für kürzere Aufenthalte nach Europa und Amerika.
Heute sagt er über seinen Job: „Ich fühle mich in gewissem Umfang nicht als Chinese bei einer ausländischen Bank, sondern als Manager bei einer chinesischen Bank.“ Er ist stolz, es bei einem Weltunternehmen geschafft zu haben, und er zeigt das auch. Auf seiner Fensterbank im Büro hoch über dem Hafen von Schanghai liegen Dutzende betriebsinterner Auszeichnungen für seine Arbeit.
Mit seiner Haltung ist er für den Bankkonzern ebenso wertvoll wie dieser für ihn. Die Hongkong Shanghai Banking Corporation gilt zwar als britische Bank, wurde jedoch 1865 mit einem Zweck gegründet: Handel zwischen Europa und China zu finanzieren. Dieser Tradition fühlt sich die Bank bis heute verpflichtet. Sie investiert kräftig im Reich der Mitte, während das Engagement anderer Institute nachlässt. „Wir sind wieder zu Hause“, lautet etwa ein HSBC-Werbespruch in China.
„Wenn ich mich mit Managern anderer internationaler Unternehmen unterhalte, wird mir bewusst, dass das nicht nur ein Werbespruch ist, sondern die HSBC das auch so meint“, sagt Li. „Meine Zentrale in London hat mehr Verständnis für chinesische Eigenheiten.“
Ob er selbst mal in der Zentrale arbeiten möchte? Li lacht bei dieser Frage nur. Dann lässt er sich aber doch etwas entlocken: „Ich rechne schon damit, künftig weitere Verantwortung zu übernehmen – nicht nur in China“, sagt er. „Es wäre interessant, in Deutschland zu arbeiten.“
Und eine wichtige Voraussetzung dafür, in Deutschland, vorzugsweise in der Nähe von Frankfurt, zu leben, ist erfüllt: „Bei einer Deutschlandreise fiel mir auf: In Frankfurt gibt es authentisches chinesisches Essen, das hat mich sehr beeindruckt.“

