Hu Shuli ist Chefredakteurin des unabhängigen Wirtschaftsmagazins „Caijing“. Geschickt meistert sie den Spagat zwischen Meinungsfreiheit und Partei-Interessen.
Hu Shuli in den Redaktionsräumen des Wirtschaftsmagazins "Caijing": "Meist ist die Kontrolle nicht so offensichtlich. Manchmal legt man uns nahe, bestimmte Dinge nicht anzugehen." Foto: Qilai Shen/sinopix
PEKING. Eine Frühlingsnacht in Peking. Der Wind heult um die Häuser, wirbelt Staub und Sand durch die Luft. In einem provisorischen Büro im vierten Stock eines Schulgebäudes sitzt die Journalistin Hu Shuli mit vier Kollegen zusammen. Sie lassen sich von dem Sturm draußen nicht ablenken.
Seit Stunden basteln sie an einer kleinen Revolution. Gestalten Seiten, begutachten Überschriften, diskutieren Titelbilder. Erst gegen Mitternacht sind sie fertig. Erschöpft, aber zufrieden lehnt sich Hu Shuli zurück. Sie ist ihrem Traum, in China „richtigen Journalismus“ zu machen, ein Stück näher gekommen. Die erste Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Caijing“ ist fertig.
Es ist ein denkwürdiger Moment, der sich in der Nacht zum 31. März 1998 abspielt. Es ist die Geburtsstunde des investigativen Journalismus in China. So etwas hat die Volksrepublik noch nicht gesehen: ein Nachrichtenmagazin, das unabhängig, kritisch und exklusiv über Manipulationen und Betrugsfälle an Chinas damals noch jungen Börsen berichtet. Das erste Heft „schlägt ein wie eine Bombe“, erinnert sich Hu.
In der Titelgeschichte geht es um eine Firma, die ihre Bilanzen fälschte und Aktienpreise in die Höhe trieb. Ein Jahr lang hat die Börsenaufsicht versucht, den Skandal zu verschweigen. Das neue Magazin bringt die Geschichte trotzdem – und macht sich sofort Feinde. „Um ein Haar wäre ,Caijing' gleich wieder verboten worden“, schmunzelt die 55-Jährige.
Heute, zehn Jahre nach der Gründung, ist „Caijing“ – der Name bedeutet „Finanzen und Wirtschaft“ – aus der chinesischen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken. Das Magazin erscheint alle zwei Wochen und hat eine Auflage von 220 000 Exemplaren. Unter den Wirtschaftstiteln in der Volksrepublik hat es das größte Renommee, und Hu Shuli gilt als die mächtigste Chefredakteurin.
In einem Land, wo der Staat die Medien bis heute streng zensiert, hat es die Frau geschafft, die Spielräume für Journalisten zu erweitern. Bewusst hat sie sich dafür den Finanz- und Wirtschaftsjournalismus ausgesucht. Liegt es doch im Interesse Chinas, in diesem Bereich mehr Transparenz und Offenheit zuzulassen, um den Kapitalmarkt zu stärken.
Hu hatte auch früh eine Möglichkeit gefunden, den staatlichen Zensor elegant ins Leere laufen zu lassen. So sollte ein ehemaliger Redakteur der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua das Magazin prüfen – um sicherzustellen, dass „Caijing“ nicht über Probleme berichtet, die die Partei lieber übergehen möchte. Hu sorgte dafür, dass es in jeder Ausgabe eine politische Geschichte gab, an der sich dieser Mann abarbeiten konnte. Kontroverse Wirtschaftsthemen kamen unterdessen unbemerkt ins Blatt.
Heute sei die Kontrolle nicht mehr so offensichtlich, sagt Hu. „Manchmal legt man uns nahe, bestimmte Dinge nicht anzugehen.“ Doch mit der Zeit ändern die Zensoren auch ihre Meinung oder verlieren die Themen aus dem Blick: „Manchmal kann man genau dasselbe Thema später veröffentlichen.“
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Wie weit „Caijing“ dabei gehen kann, „das habe ich meist irgendwie im Gefühl“, sagt Hu. Und räumt im gleichen Atemzug ein: „Wir gehen bis an die Grenzen, aber wir überschreiten sie nicht.“ Personalien aus der Parteispitze, die Studentenproteste von 1989 oder die verbotene Meditationsbewegung Falun Gong, all das ist für „Caijing“ tabu.
Einmal allerdings hat sich die Chefredakteurin verschätzt. Ein Heft mit einer Titelgeschichte über einen Immobilienskandal wurde aus den Regalen der Kioske genommen, die Auslieferung an die Abonnenten gestoppt. Denn politische Kader waren in die Sache verwickelt. Hu Shuli redet nicht gerne darüber. Sie erklärt diesen Vorfall eher vage mit „Vertriebsproblemen“, statt von einem tatsächlichen Verbot zu sprechen.
Gelegentlich müssen auch mal Hus Geldgeber eingreifen, wenn es Ärger gibt: einflussreiche Chinesen, die lange im Ausland gelebt haben – darunter Wang Boming, Sohn eines früheren Vize-Außenministers. Sie haben geholfen, Chinas Börsen aufzubauen. Diese Manager wissen aus ihrer Zeit im Ausland, wie wichtig unabhängige Medien für den Schutz von Investoren sind.
Einer von ihnen hatte auch im Frühjahr 1998, nach dem Erscheinen der ersten „Caijing“-Ausgabe, bei der Börsenaufsicht Abbitte geleistet und ein Verbot des Magazins verhindert. „Das war ein wichtiger Schritt in Richtung unabhängige Berichterstattung in China“, sagt Hu.
Inzwischen kommt an „Caijing“ keiner mehr vorbei, der in China Geschäfte machen will. Hu hat einen direkten Draht zu Entscheidungsträgern in der Politik und viele Freunde in einflussreichen Positionen.
Auch in Managerkreisen ist sie respektiert und gefürchtet. So enthüllte das Magazin im Oktober 2000 massive Manipulationen von Fonds-Managern an den Börsen in Schanghai und Shenzhen. International wurde das Magazin durch seine offensive Berichterstattung über die Lungenseuche Sars 2003 bekannt.
Hu Shuli wollte eigentlich gar nicht Journalistin werden. Sie kannte den Beruf von ihrer Mutter, die unter Mao bei einer Zeitung gearbeitet hatte. Ihr Vater war Gewerkschafter. Doch als am Ende der Kulturrevolution die Universitäten wieder öffnen, kann man sich seine Studienfächer nicht aussuchen. Hu bekommt einen Platz an der Journalistischen Fakultät der Pekinger Volksuniversität zugeteilt. Und ist kreuzunglücklich.
Nach den Kampagnen der Kulturrevolution will sie mit Propaganda und Politik nichts mehr zu tun haben. „Journalisten galten als politische Huren, keiner aus meiner Generation wollte sich mit so etwas abgeben.“
Dabei ist sie zuvor den Aufrufen Maos begeistert gefolgt. Vor ihrem 16. Geburtstag lässt sie ihr Leben in Peking hinter sich und geht – gegen den Willen der Eltern – aufs Land, um „von den Bauern zu lernen“.
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Und sie habe viel gelernt, sagt die zierliche Frau. „Wir sind alle gleich“, geben ihr die Bauern mit auf den Weg. „Nur hattest du das Glück, in ein leichteres Leben hineingeboren zu werden.“ Aus dieser Zeit stamme ihr tiefer Respekt für Chinas arme Bauern und ihre Skepsis gegenüber Chinas Beamten, sagt sie.
Daher sind später auch die staatlich kontrollierten Medien, Sprachrohr von Partei und Regierung, für sie nicht der richtige Platz. Das bekommt sie schon in ihrem ersten Job, bei der Gongren Ribao, der staatlichen Arbeiterzeitung, zu spüren. Die Redakteurin stürzte sich auf Korruptionsgeschichten. Doch man lässt sie nicht lange gewähren. Zu viele politische Kader haben Dreck am Stecken.
1989 verliert sie ihren Job, weil sie bei den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens mitgemacht hat. „Danach hätte ich meinen Beruf fast aufgegeben“, sagt sie. „Aber man muss immer an seinen Traum glauben.“ Dem kommt sie zwei Jahre später näher. Sie schreibt ein Buch über amerikanischen Journalismus, den sie von US-Aufenthalten kennt, und fordert: Zeitungen sollen nicht der Partei gehorchen, sondern objektiv und neutral berichten. Das macht sie in China berühmt.
Man kennt ihren Namen, man kennt ihr Gesicht – auch wenn sie heute eher im Hintergrund arbeitet. Sie tritt selten öffentlich auf, gibt kaum Interviews. Sie lebt für „Caijing“, und das Magazin lebt durch sie.
Dabei hat sie in der Redaktion im zehnten Stock eines Pekinger Büroturms nicht mal einen eigenen Arbeitsplatz, geschweige denn ein eigenes Büro. Dicht an dicht stehen hier die Schreibtische, getrennt durch halbhohe Sichtschutzwände. Überall stapeln sich Bücher und Papiere.
Gäste empfängt die Chefin in einer schmucklosen Kammer mit zwei graubraunen Kunstledersofas und ein paar verstaubten Pflanzen. Auf repräsentative Räume legt Hu keinen Wert, ihr geht es um Inhalte.
Sie spricht schnell wie ein Wasserfall, lacht laut und gern und gestikuliert mit ihren zartrosa manikürten Händen. Bei ihren Geldgebern ist sie für ihr Temperament, ihre Zornesausbrüche und ihre harten Forderungen berühmt und berüchtigt.
So hatte sie ihnen schon bei der Gründung des Magazins unmissverständlich klargemacht, wer bei „Caijing“ die inhaltlichen Entscheidungen fällt. „Redaktionelle Entscheidungen sind allein meine Sache“, erklärte sie. Und: „Wir brauchen eine chinesische Mauer zwischen Redaktion und Anzeigengeschäft.“ Die Financiers willigten ein, wollten sie doch für ihr Projekt die beste und motivierteste Chefredakteurin Chinas.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gefälligkeitsartikel kommen nicht ins Blatt
Hu arbeitet oft bis tief in die Nacht. Und sie erwartet von anderen das gleiche Engagement. Ihre Mitstreiter, inzwischen ist die Zahl der Redakteure auf 100 gestiegen, sind es gewohnt, zu unmöglichen Zeiten Kurznachrichten auf ihr Mobiltelefon und E-Mails zu bekommen, die aus Sicht der ungeduldigen Chefin sofort zu beantworten sind: Sind die Quellen für die nächste Story wasserdicht? Wird der Text für die nächste Ausgabe auch pünktlich geliefert?
Sie stelle hohe Ansprüche, aber sie sei fair, sagen ihre Mitarbeiter. Beim Rundgang durch die Redaktion legt sie einer Reporterin ermunternd die Hand auf den Arm, scheucht hier eine Assistentin, klopft dort eine Schulter. Alle haben Respekt vor ihr und ihrer mütterlich-strengen Art.
„Bei uns arbeiten die besten Journalisten Chinas“, sagt sie stolz. Trotz ihrer hohen Anforderungen wollen alle für sie arbeiten. Hu Shuli gilt als die große Hoffnung für einen neuen Journalismus im Zensur-Staat China.
„Caijing“ ist das erste Magazin in der Volksrepublik, das sich westlichen journalistischen Standards verschrieben hat. Die in China üblichen Gefälligkeitsartikel für Anzeigenkunden lehnt Hu strikt ab. Und Reporter dürfen nicht das ebenfalls übliche „Taxigeld“ – 20 bis 50 Euro – annehmen, das Unternehmen für die Teilnahme an Pressekonferenzen zahlen.
„Wir wollen höchsten Qualitätsjournalismus“, sagt Hu. „Dafür bezahlen wir unsere Leute auch gut. Nur so können sie unabhängig bleiben.“
Das größte Problem für guten Journalismus in China sei aber die mangelnde Transparenz. „Ihr im Westen denkt immer, die Zensur oder die politische Kontrolle sei für uns die größte Hürde“, lacht sie. „Dabei ist das größte Problem der Zugang zu Informationen.“ Von ihren Reportern verlangt sie daher viel Hartnäckigkeit und Spitzfindigkeit. Denn Gerichts- oder Polizeiunterlagen, Interviews mit hohen Politikern, aktuelles Datenmaterial – all das ist in China schwer zu bekommen. Doch Hu Shuli und ihre Mitstreiter lassen sich davon nicht entmutigen. „Ist doch toll“, sagt sie, „nach etwas zu streben, was nicht leicht zu bekommen ist.“


