Wie weit „Caijing“ dabei gehen kann, „das habe ich meist irgendwie im Gefühl“, sagt Hu. Und räumt im gleichen Atemzug ein: „Wir gehen bis an die Grenzen, aber wir überschreiten sie nicht.“ Personalien aus der Parteispitze, die Studentenproteste von 1989 oder die verbotene Meditationsbewegung Falun Gong, all das ist für „Caijing“ tabu.
Einmal allerdings hat sich die Chefredakteurin verschätzt. Ein Heft mit einer Titelgeschichte über einen Immobilienskandal wurde aus den Regalen der Kioske genommen, die Auslieferung an die Abonnenten gestoppt. Denn politische Kader waren in die Sache verwickelt. Hu Shuli redet nicht gerne darüber. Sie erklärt diesen Vorfall eher vage mit „Vertriebsproblemen“, statt von einem tatsächlichen Verbot zu sprechen.
Gelegentlich müssen auch mal Hus Geldgeber eingreifen, wenn es Ärger gibt: einflussreiche Chinesen, die lange im Ausland gelebt haben – darunter Wang Boming, Sohn eines früheren Vize-Außenministers. Sie haben geholfen, Chinas Börsen aufzubauen. Diese Manager wissen aus ihrer Zeit im Ausland, wie wichtig unabhängige Medien für den Schutz von Investoren sind.
Einer von ihnen hatte auch im Frühjahr 1998, nach dem Erscheinen der ersten „Caijing“-Ausgabe, bei der Börsenaufsicht Abbitte geleistet und ein Verbot des Magazins verhindert. „Das war ein wichtiger Schritt in Richtung unabhängige Berichterstattung in China“, sagt Hu.
Inzwischen kommt an „Caijing“ keiner mehr vorbei, der in China Geschäfte machen will. Hu hat einen direkten Draht zu Entscheidungsträgern in der Politik und viele Freunde in einflussreichen Positionen.
Auch in Managerkreisen ist sie respektiert und gefürchtet. So enthüllte das Magazin im Oktober 2000 massive Manipulationen von Fonds-Managern an den Börsen in Schanghai und Shenzhen. International wurde das Magazin durch seine offensive Berichterstattung über die Lungenseuche Sars 2003 bekannt.
Hu Shuli wollte eigentlich gar nicht Journalistin werden. Sie kannte den Beruf von ihrer Mutter, die unter Mao bei einer Zeitung gearbeitet hatte. Ihr Vater war Gewerkschafter. Doch als am Ende der Kulturrevolution die Universitäten wieder öffnen, kann man sich seine Studienfächer nicht aussuchen. Hu bekommt einen Platz an der Journalistischen Fakultät der Pekinger Volksuniversität zugeteilt. Und ist kreuzunglücklich.
Nach den Kampagnen der Kulturrevolution will sie mit Propaganda und Politik nichts mehr zu tun haben. „Journalisten galten als politische Huren, keiner aus meiner Generation wollte sich mit so etwas abgeben.“
Dabei ist sie zuvor den Aufrufen Maos begeistert gefolgt. Vor ihrem 16. Geburtstag lässt sie ihr Leben in Peking hinter sich und geht – gegen den Willen der Eltern – aufs Land, um „von den Bauern zu lernen“.
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