0 Bewertungen
28.04.2008 

Und sie habe viel gelernt, sagt die zierliche Frau. „Wir sind alle gleich“, geben ihr die Bauern mit auf den Weg. „Nur hattest du das Glück, in ein leichteres Leben hineingeboren zu werden.“ Aus dieser Zeit stamme ihr tiefer Respekt für Chinas arme Bauern und ihre Skepsis gegenüber Chinas Beamten, sagt sie.

Daher sind später auch die staatlich kontrollierten Medien, Sprachrohr von Partei und Regierung, für sie nicht der richtige Platz. Das bekommt sie schon in ihrem ersten Job, bei der Gongren Ribao, der staatlichen Arbeiterzeitung, zu spüren. Die Redakteurin stürzte sich auf Korruptionsgeschichten. Doch man lässt sie nicht lange gewähren. Zu viele politische Kader haben Dreck am Stecken.

1989 verliert sie ihren Job, weil sie bei den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens mitgemacht hat. „Danach hätte ich meinen Beruf fast aufgegeben“, sagt sie. „Aber man muss immer an seinen Traum glauben.“ Dem kommt sie zwei Jahre später näher. Sie schreibt ein Buch über amerikanischen Journalismus, den sie von US-Aufenthalten kennt, und fordert: Zeitungen sollen nicht der Partei gehorchen, sondern objektiv und neutral berichten. Das macht sie in China berühmt.

Man kennt ihren Namen, man kennt ihr Gesicht – auch wenn sie heute eher im Hintergrund arbeitet. Sie tritt selten öffentlich auf, gibt kaum Interviews. Sie lebt für „Caijing“, und das Magazin lebt durch sie.

Dabei hat sie in der Redaktion im zehnten Stock eines Pekinger Büroturms nicht mal einen eigenen Arbeitsplatz, geschweige denn ein eigenes Büro. Dicht an dicht stehen hier die Schreibtische, getrennt durch halbhohe Sichtschutzwände. Überall stapeln sich Bücher und Papiere.

Gäste empfängt die Chefin in einer schmucklosen Kammer mit zwei graubraunen Kunstledersofas und ein paar verstaubten Pflanzen. Auf repräsentative Räume legt Hu keinen Wert, ihr geht es um Inhalte.

Sie spricht schnell wie ein Wasserfall, lacht laut und gern und gestikuliert mit ihren zartrosa manikürten Händen. Bei ihren Geldgebern ist sie für ihr Temperament, ihre Zornesausbrüche und ihre harten Forderungen berühmt und berüchtigt.

So hatte sie ihnen schon bei der Gründung des Magazins unmissverständlich klargemacht, wer bei „Caijing“ die inhaltlichen Entscheidungen fällt. „Redaktionelle Entscheidungen sind allein meine Sache“, erklärte sie. Und: „Wir brauchen eine chinesische Mauer zwischen Redaktion und Anzeigengeschäft.“ Die Financiers willigten ein, wollten sie doch für ihr Projekt die beste und motivierteste Chefredakteurin Chinas.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gefälligkeitsartikel kommen nicht ins Blatt

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

 

zurück vor
  • Herr Schmidt, der Durchsc...

    Herr Schmidt, der Durchschnittsdeutsche

    Er heiratet im Alter von 32,6 Jahren, nennt seine Tochter Marie, fährt täglich ins Büro und macht am liebsten in Bayern Urlaub. Das aktuelle Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes gibt tiefe Einblicke das Leben von Otto Normalverbraucher. Bildergalerie 

  • Von Tränen, Eheglück und ...

    Von Tränen, Eheglück und Nasenklemmen bei Olympia

    Zwei Wochen lang präsentierten sich Athleten und Funktionäre bei den Olympischen Spielen in Peking der Welt. Welche Figur die Olympioniken in Peking machten – und wem das Gold für die außergewöhnlichste Performance gebührt.Bildergalerie 

  • Baggern für Gold

    Baggern für Gold

    Mit ihrem 108. Sieg in Serie haben Kerri Walsh und Misty May-Treanor beim olympischen Beachvolleyball-Turnier in Peking ihren Gold-Coup von Athen 2004 wiederholt. Impressionen vom Finale. Bildergalerie 

  • Drama um das „Gesicht der...

    Drama um das „Gesicht der Spiele“

    Um 11.51 Uhr standen am Montag in Peking die Uhren still und schienen auch nach einigen Sekunden des Entsetzens nicht weiterzulaufen. Chinas größte Olympia-Hoffnung Liu Xiang hat mit seinem verletzungsbedingten Aus im Vorlauf über 110 Meter Hürden eine ganze Nation ges...Bildergalerie