Hu arbeitet oft bis tief in die Nacht. Und sie erwartet von anderen das gleiche Engagement. Ihre Mitstreiter, inzwischen ist die Zahl der Redakteure auf 100 gestiegen, sind es gewohnt, zu unmöglichen Zeiten Kurznachrichten auf ihr Mobiltelefon und E-Mails zu bekommen, die aus Sicht der ungeduldigen Chefin sofort zu beantworten sind: Sind die Quellen für die nächste Story wasserdicht? Wird der Text für die nächste Ausgabe auch pünktlich geliefert?
Sie stelle hohe Ansprüche, aber sie sei fair, sagen ihre Mitarbeiter. Beim Rundgang durch die Redaktion legt sie einer Reporterin ermunternd die Hand auf den Arm, scheucht hier eine Assistentin, klopft dort eine Schulter. Alle haben Respekt vor ihr und ihrer mütterlich-strengen Art.
„Bei uns arbeiten die besten Journalisten Chinas“, sagt sie stolz. Trotz ihrer hohen Anforderungen wollen alle für sie arbeiten. Hu Shuli gilt als die große Hoffnung für einen neuen Journalismus im Zensur-Staat China.
„Caijing“ ist das erste Magazin in der Volksrepublik, das sich westlichen journalistischen Standards verschrieben hat. Die in China üblichen Gefälligkeitsartikel für Anzeigenkunden lehnt Hu strikt ab. Und Reporter dürfen nicht das ebenfalls übliche „Taxigeld“ – 20 bis 50 Euro – annehmen, das Unternehmen für die Teilnahme an Pressekonferenzen zahlen.
„Wir wollen höchsten Qualitätsjournalismus“, sagt Hu. „Dafür bezahlen wir unsere Leute auch gut. Nur so können sie unabhängig bleiben.“
Das größte Problem für guten Journalismus in China sei aber die mangelnde Transparenz. „Ihr im Westen denkt immer, die Zensur oder die politische Kontrolle sei für uns die größte Hürde“, lacht sie. „Dabei ist das größte Problem der Zugang zu Informationen.“ Von ihren Reportern verlangt sie daher viel Hartnäckigkeit und Spitzfindigkeit. Denn Gerichts- oder Polizeiunterlagen, Interviews mit hohen Politikern, aktuelles Datenmaterial – all das ist in China schwer zu bekommen. Doch Hu Shuli und ihre Mitstreiter lassen sich davon nicht entmutigen. „Ist doch toll“, sagt sie, „nach etwas zu streben, was nicht leicht zu bekommen ist.“

