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06.05.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Grün, rot – und vorn

von Katharina Slodczyk

Wie Umweltschützer Lo Szeping Greenpeace in China etablierte, Umweltskandale aufdeckt und sich für seine Arbeit dennoch den Beifall der kommunistischen Regierung sichert.

Lo Szeping auf dem Dach des Bürohauses mit der Greenpeace-Zentrale in Peking: "Auf mich trifft zu, was die Grünen in Deutschland Anfang der 80er Jahre propagierten: 'Wir sind nicht links, wir sind nicht rechts. Wir sind vorn.'" Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Lo Szeping auf dem Dach des Bürohauses mit der Greenpeace-Zentrale in Peking: "Auf mich trifft zu, was die Grünen in Deutschland Anfang der 80er Jahre propagierten: 'Wir sind nicht links, wir sind nicht rechts. Wir sind vorn.'" Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Der Zeitungsausschnitt ist völlig vergilbt. An den Rändern wölbt sich das Papier. Ein Datum ist nicht mehr erkennbar. Er zeigt das Foto eines etwa dreijährigen Mädchens, das auf Kabeln, Kupferspulen und Platinen hockt – auf giftigem Elektroschrott, der darauf wartet, dass er zerhäckselt und eingeschmolzen wird.

Täglich kommt Lo Szeping an diesem Bild vorbei. Es hängt im Gang vor seinem Büro. Anschauen muss er das Foto nicht mehr, es hat sich schon lange in sein Gedächtnis eingebrannt und erinnert ihn stets an seine Vorsätze, wenn der Frust über den Alltag überhandzunehmen droht. Das Kind, das den Fotografen mit großen Augen anschaut. Und die Frage, die dieses Bild bei Lo auslöst: Wie alt wird dieses Mädchen werden? Seine Antwort: „Vielleicht 40, wenn es Glück hat.“

Das Kind wächst in einem der Landkreise Südchinas auf, wo Menschen davon leben, ausrangierte Computer und Elektrogeräte aus aller Welt auszuschlachten, wo sie in Säurebädern Edelmetalle von Computerchips ablösen und dabei beißende Dämpfe einatmen, wo sie den Restmüll des Informationszeitalters in Flüsse werfen, in denen sie ihre Wäsche waschen.



Lo Szeping arbeitet im Pekinger Stadtteil Chaoyang. Viele Diplomaten arbeiten hier, viele westliche Unternehmen haben hier Quartier genommen. Los Büro liegt in der obersten Etage eines hellgelben Bürohauses. Im Erdgeschoss brennen die Betreiber von „Lucky Dragon“ Digitalfotos auf CD. Im 19. Stock kämpfen Lo und seine Mitstreiter dafür, dass der digitale Abfall der Welt nicht mehr ganze Landstriche in China verseucht und die Lebenserwartung der Menschen dort so drastisch senkt.

Und nicht nur dafür: Sie wollen, dass Chinas Wirtschaft nicht mehr auf Kosten von Mensch und Natur wächst. Sie, das sind die mehr als 50 Mitarbeiter von Greenpeace in China. Lo Szeping ist ihr Vorarbeiter, der oberste Kampagnenleiter der Umweltschutzorganisation in China, 35 Jahre alt, aufgewachsen in Hongkong, politisch sozialisiert durch die Studentenrevolte von 1989.

Ein kleiner, kräftiger Mann mit kurzen Armen. Sie gehören einem Wühler, einem, der sich eingräbt in seine Arbeit, in die Missstände dieses Landes. Der Wege freilegt, um darauf aufmerksam zu machen – obwohl die Regierung so wenig Demokratie und Opposition wie nötig zulässt. Ein ruheloser Mann, der unablässig die Kaffeetasse in seinen Händen dreht, wenn er über seine Arbeit spricht, seine schier aussichtslose Mission.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: China erstickt im Dreck

Mehr als 80 Prozent des Mülls und des Abwassers werden in China nicht entsorgt oder geklärt. Über zwei Drittel aller Flüsse und Seen verkommen so zu Kloaken, ein Viertel aller Einwohner hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die giftige Brühe schwappt durch Wasserwege, an deren Ufern besonders viele Menschen an Krebs sterben. Die legendäre Schwimmeinlage des 72-jährigen Mao Zedong im wilden Jangtse 1966, sie wäre heute kein Beweis der Stärke mehr, sondern sie würde als Selbstmordversuch durchgehen.

Viele von Chinas Städten ersticken im Dreck. Von den 30 schmutzigsten Metropolen der Welt liegen 20 im Reich der Mitte – darunter Peking. Zwar versucht die Regierung vieles, damit im August während der Olympischen Spiele die Luft sauberer wird. Nachhaltig ist das aber alles nicht.

Ohne Strom kein Wirtschaftswachstum, daher baut die Regierung weiter Kohlekraftwerke. Obwohl sich auch in China viele Windräder drehen und mehr Sonnenkollektoren installiert sind als in ganz Europa, entstehen über zwei Drittel der Elektrizität durch Verbrennung von Steinkohle. China löst die USA als größten Produzenten von Treibhausgasen ab.

Was kann man da noch ausrichten als Umweltschützer? Lo Szeping ist keiner, der bei solchen Fragen ins Philosophieren käme. Der Mann ist nicht vergrübelt, sondern praktisch veranlagt. Er zerteilt die Umweltkatastrophen in lösbare Probleme. „Bei Dingen, wo es noch nicht zu spät ist, kann man anfangen“, sagt er und kommt gleich zu seinem Lieblingsprojekt, das er ins Leben gerufen hat: dem Kampf gegen Computermüll. „Wir haben in Verhandlungen mit Computerherstellern inzwischen erreicht, dass sie keine die Gesundheit gefährdenden Stoffe mehr verwenden und Kinder, die da geboren werden, wo Elektroschrott entsorgt wird, eine höhere Lebenserwartung haben als das Mädchen auf dem Foto.“

Was Lo nicht sagt: Greenpeace hat sich bei seinen Kampagnen gegen den High-Tech-Müll auf die eher leichten Gegner konzentriert, die nach demokratischen Spielregeln kämpfen und die auf Argumente und Druck von Umweltschutzorganisationen empfindlich reagieren: westliche Computerkonzerne wie Hewlett-Packard und Dell, nicht chinesische Unternehmen. Hewlett-Packard und Dell seien einfach die größeren Hersteller, die Marktanteile hätten den Ausschlag gegeben, betont Lo. Nichts anderes.

Mehr mag er dazu nicht sagen. Das ist kein Thema, über das er gerne spricht. Aus einem offenen wird ein wortkarger Mensch. Nur so viel lässt sich Chinas Greenpeace-Chef noch entlocken: Man habe grundsätzlich kein Problem damit, sich auch bei einer chinesischen Firma und damit bei der Regierung, die in der Regel an den Unternehmen beteiligt ist, unbeliebt zu machen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Gefechtslage ist oft vertrackt

Doch diese Kämpfe sind schwerer auszufechten, die Risiken höher, die Gefechtslage ist vertrackter. Sind doch die Umweltschützer gleichzeitig auch auf die Gnade der Politiker angewiesen. Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace sind in China allenfalls halbwegs legal. Ihre Mitarbeiter riskieren eine Verhaftung, wenn sie den Unmut der Kommunistischen Partei auf sich ziehen. Für das Delikt „Regierungskritik“ drohen Gefängnisstrafen oder Zwangsarbeit. „Nur über Fehler der Regierung in Sachen Umweltschutz zu sprechen ist bereits gefährlicher, als wenn sich in Deutschland ein Umweltaktivist an Schienen kettet“, sagt Lo.

Daher gehen die Umweltschützer in China ganz anders vor als im Westen. Es funktioniert nicht, die andere Seite mit schlagzeilenträchtigen Aktionen bloßzustellen, die Regierung anzuprangern, Dinge zuzuspitzen. Lo Szeping arbeitet zwar für eine westliche Organisation, aber nach chinesischen Methoden. Und das heißt vor allem: Alles hat stets zwei Seiten. Und keiner der Beteiligten darf sein Gesicht verlieren.



Das klingt aus Los Mund dann so: „Ja, es stimmt, wir erleben in China Umweltkatastrophen im bislang unbekannten Ausmaß, aber in jeder Krise steckt eine Chance. Wir haben die Chance, die Dinge zu ändern. Die chinesische Regierung hat schon den Anfang gemacht und sich ambitionierte Ziele gesetzt.“ Und weiter: „Ja, es stimmt, der Planet hat keine Überlebenschance, wenn China seine Umweltprobleme nicht löst. Aber es ist nicht allein China, das man für alles verantwortlich machen kann.“

Der Mann ist dialektisch geschult: „Ich bin als Marxist erzogen und aufgewachsen“, sagt er über sich. Die Pflichtkleidung für das revolutionäre Proletariat trägt er auch, eine Schiebermütze, die an den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann erinnert, ein schlecht sitzendes Sakko und eine zerknitterte Tweed-Hose. Er zitiert sie gelegentlich auch, die Kernsätze von Karl Marx, Antonio Gramsci & Co. – auch wenn er manchmal länger nachdenken muss, um die Weisheiten aus dem Gedächtnis zu kramen.

Doch es ist offenbar ein anderer Slogan, mit dem er sich stärker identifiziert und den er, ohne zu stocken, aufsagt: „Auf mich trifft zu, was die Grünen in Deutschland Anfang der 80er-Jahre propagierten: ,Wir sind nicht links, wir sind nicht rechts. Wir sind vorn.'“ Und vorn ist für den Chef von Greenpeace China dort, wo man nicht in Rechts-links-Rastern denkt, sondern nach Lösungen sucht, die der grünen Sache dienlich sind.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Sitzen neben Condoleezza Rice

Der Mann ist vor allem am Ergebnis orientiert, und er gibt sich entsprechend uneitel. Er redet stets in Wir-Form. Sein Büro teilt er sich mit Kollegen. Ohnehin verbringt er in Peking nur ein Drittel seiner Zeit, im Durchschnitt arbeitet er jede dritte Woche im Hongkonger Greenpeace-Büro – in Hongkong leben seine Frau und sein Sohn. Den Rest der Zeit reist er umher, im Herbst 2007 etwa nach New York zu einer Uno-Umweltkonferenz, wo Lo Szeping neben US-Außenministerin Condoleezza Rice saß und eine Rede hielt. Solche Auftritte kommentiert er selbstironisch: „Viele waren schon eingeschlafen, als ich redete.“

Es gibt wichtigere Dinge in seinem Leben – allen voran: „Wenn mein heute dreijähriger Sohn mich später fragt: ,Was hast du Sinnvolles im Leben getan?' dann will ich sagen können: Ich habe einen kleinen Beitrag geleistet, um die Welt zu retten.“

Ganz kurz nur erlaubt er sich ein wenig Sentimentalität. Bevor sein Mobiltelefon klingelt und der nächste Termin vereinbart werden muss: ein Treffen mit den Sicherheitsbeamten der Regierung. „Das ist Teil meines Jobs“, sagt Lo knapp. Man informiere sich gegenseitig über Aktionen, das gehöre in China zum Fair Play.


» China-Quiz: Bändigen Sie den Drachen?


Gespräche mit Regierungsbeamten, so hatte sich Lo seinen Job zunächst nicht vorgestellt. Es gab vielmehr Zeiten, als er selbst Beamter werden wollte. Politik- und Verwaltungswissenschaften hat Lo an der Uni Hongkong studiert, ein Semester in Berkeley verbracht – keine Selbstverständlichkeit für jemanden, der aus ganz einfachen Verhältnissen stammt. Sein Vater hatte keinen Schulabschluss, er arbeitete als Zeitungsausträger und Fahrer, seine Mutter verkaufte Gemüse.

Als Student kommt Lo Szeping auf Veranstaltungen wie dem Erdgipfel in Rio de Janeiro Anfang der 90er-Jahre mit Greenpeace-Aktivisten ins Gespräch: „Typen mit revolutionären Ideen, die meinten, sie könnten die Welt verändern“, erinnert er sich.

Als er Ende der 90er-Jahre Greenpeace beitritt, hat er, der Chinese, ein ganz anderes Ziel: „Greenpeace zu verändern und den Leute beizubringen, wie Asien tickt.“

Das hat er geschafft: „Er hat uns klargemacht, dass man auch in China auf Konfrontationskurs zur Regierung gehen kann, aber anders, als wir es bis dahin durch unsere Arbeit in anderen Ländern gewohnt waren“, sagt Lena Aahlby, Kampagnenmanagerin in der Greenpeace-Zentrale in Amsterdam, die Lo seit acht Jahren kennt.

Das Geschmeidige jedoch, das hat er zunächst selbst lernen müssen. Am Anfang ging er seinen Job sehr selbstbewusst an, fast ungestüm. Unverblümt, ohne Umwege wollte er in seiner ersten Zeit bei Greenpeace auf die Missstände in China aufmerksam machen. Zum Beispiel, dass Schiffswracks illegal in Chinas Gewässern entsorgt werden. „Wir sind aber nicht weit gekommen“, sagt er. Die Aktion endete mit seiner Verhaftung.

Lo hat seine Lektion schnell verstanden: „Direkte, aggressive Aktionen funktionieren nicht in China. Sie wirken, als wäre man extrem ärgerlich und hätte bereits versagt.“

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Wie er einen Skandal aufdeckte

Vor knapp vier Jahren legte er sein Meisterstück vor: Er deckte einen Umweltskandal auf und erntete dafür sogar Beifall und Unterstützung der chinesischen Zentralregierung. Greenpeace wies der Provinzregierung in Yunnan nach, mit dem indonesischen Papierhersteller Asia Pulp and Paper ein Komplott zur Zerstörung natürlicher Wälder unter Missachtung nationaler Gesetze geschmiedet zu haben. „Unsere Freund-Feind-Strategie lautete: mit dem nationalen Waldgesetz und der Zentralregierung gegen die Provinzregierung und den Konzern“, erklärt Lo Szeping.

Das Spiel ging auf, weil sich Greenpeace geschickt Chinas größten innenpolitischen Konflikt zunutze machte: das Ringen zwischen der Zentrale in Peking und den Provinzregierungen um die Einhaltung nationaler Vorschriften. Der Umweltschutz ist dafür ein Paradebeispiel.

Auf dem Papier existieren genug Regeln, die die chinesische Regierung erlassen hat und die von Umweltschützern stammen könnten. So gibt es für die 1 000 größten Unternehmen sehr konkrete Energiesparziele, die 14 Kohlekraftwerke überflüssig machen sollen. Doch Korruption vor Ort verhindert, dass solche Vorgaben eingehalten werden.


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Am Widerstand mächtiger Parteikader ist so manche gute Idee bereits gescheitert, unter anderem das Projekt „grünes Bruttosozialprodukt“. Es zieht die Kosten der Umweltschäden vom Bruttosozialprodukt ab – nach Berechnungen der Umweltbehörde waren es im Jahr 2004 drei Prozent. Statt um zehn Prozent wäre Chinas Wirtschaft also nur um sieben Prozent gewachsen.

Vor allem Pan Yue, Chinas Vize-Umweltminister, hat sich für das grüne BSP starkgemacht und deutliche Worte über den ökologischen Notstand im Lande gefunden. Weltweit wurde er als erster Ökologe unter Chinas Kommunisten gefeiert. Das Projekt ist inzwischen begraben, und auch um Pan Yue ist es ruhig geworden, verdächtig ruhig.

Lo Szeping will das nicht kommentieren – ebenso wenig wie die Kritik, die er sich nach den ersten Erfolgen jetzt immer häufiger anhören muss. Dass er zu eng mit der Regierung zusammenarbeite; dass Greenpeace nur das Umweltgewissen spiele; dass er seine Aggressivität aufgegeben habe und das oppositionelle Verhalten, das Greenpeace auf der ganzen Welt so berühmt wie berüchtigt machte. Lo schluckt seinen Ärger herunter, erlaubt sich nur diesen Satz: „Glaub mir: Greenpeace ist auch in China eine radikale Organisation, aber in unserem Vorgehen sind wir pragmatisch.“

Nur zwischen den Zeilen deutet er an, dass ihn das gelegentlich auch frustriert, dass er genug hat vom klugen Taktieren und vorsichtigem Operieren. „Doch unter dem Strich gibt es keinen Job, der mich mehr befriedigen könnte.“ Und dann schiebt er noch einen Ausspruch von Antonio Gramsci hinterher, den Gründer der Kommunistischen Partei Italiens: Man brauche im Leben den Pessimismus der Intelligenz und den Optimismus des Willens.

Aber vielleicht passt eine andere Geschichte von Gramsci besser zu Lo. Aus dem Gefängnis schickte der einst seinen Kindern eine Erzählung, die genau das zeigt, was der Umweltschützer vorlebt: Hoffnung zu haben, selbst wenn alles vergebens scheint.

In der Geschichte geht es um einen kleinen Jungen und eine Maus. Die Maus trinkt ein Glas Milch aus, das für den Jungen bestimmt ist. Als der Junge aufwacht und das leere Glas sieht, weint er. Die Maus geht zur Ziege, aber die Ziege hat keine Milch mehr, weil die Felder ausgedörrt sind. Die Maus geht zum Brunnen, aber da ist kein Wasser mehr. Der Brunnen ist eingestürzt, und es gibt keine Steine, um ihn zu reparieren. Da geht die Maus zum Berg, aber auch der will nicht helfen und einige Steine hergeben, weil man ihm Bäume geraubt hat. Die Maus verspricht dem Berg: Wenn der Junge groß ist, wird er dich wieder bepflanzen. Der Berg lässt sich überzeugen und gibt die Steine wieder her. Und der Junge bekommt so viel Milch, wie er will. Er bepflanzt den Berg, und die Erosion hat ein Ende. Der Berg wird wieder fruchtbar.

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