0 Bewertungen
19.11.2006 
Hundehaufen

Hauptstadt der Köter

von Rüdiger Scheidges

In Berlin regiert höchst rustikal ein Hundeheer mit einer Million Pfoten. Mehr als 100 Millionen Haufen hinterlassen die Vierbeiner jedes Jahr. Die Politik hat jetzt ihre Kapitulation erklärt.

BERLIN. Für Mopsi (Name von der Redaktion geändert) tut das Frauchen mit den feuerroten Haaren fast alles. Drei Mal pro Tag begleitet sie ihn beim unvermeidlichen Verrichten. Kurzbeinig und schwer röchelnd, schleppt er sich genau so oft knapp über den Bürgersteig. Mopsi ist eigentlich ein Mops aus Friedenau und hat deshalb schwer an sich zu tragen. Grau mit schwarzer Schnauze dreht er langsam seine nackenlose Front zur Seite und begutachtet ein Wauwau-Frauchen beim Pinkeln. Während die reinrassige Hundedame dann abdrückt, muss das Frauchen mit dem rot gefärbten Schopf mit aller Macht an der Leine zerren, damit Mopsi spürt, dass selbst in Berlin nicht alles geht, was ein Hund sich so erträumt.

Denn in Berlin geht es verdammt freizügig zu, um nicht zu sagen: libertär. Natürlich ist die Hauptstadt auch bei Mopsens einsame Spitze: „Dirty, aber sexy.“ Hier darf hingekotet werden, wo das Zeug hinplatscht - und der Mensch gleich hinterher. In der Metropole der Köter hinterlassen Vierbeiner 55 Tonnen Kot – nicht Jahr für Jahr, sondern Tag für Tag.

Das ist einsame Weltspitze und lässt selbst die vermeintlich ruchlose Hauptstadt der Pudel, Paris, provinziell aussehen. Dort müssen die „Kakasakis“, die motorisierten Hundekotbeseitiger, nur schlappe 15 Tonnen am Tag wegfahren. Kinkerlitzchen. Und: Sie tun es auch, meist.

Um dem schlechten Eindruck entgegenzuwirken, den das kotige Geschehen im Ausland auslöst, hat Berlin jetzt eine Aktionswoche gestartet. Eine Art Großoffensive mit 150 000 Plakaten, 100 000 Flyern für die Schulen, 50 000 Gratis-Hundekottüten und verschärfter Bußgeldandrohung. Umsonst. „Bezirke geben klein bei“ riefen die lokalen Blätter Anfang der Woche die Kapitulation der Politik vor dem Kot aus. Die Richter haben die meisten Bußgeldverfahren nicht zugelassen. Meist fehlte die exakte Zuweisung von Tat zu Täter.

In Wahrheit regiert in Berlin längst der Vierbeiner. 103 000 von ihnen sind gemeldet, steuerlich erfasst. Die Dunkelziffer ist immens. Nach Schätzungen des Senats soll das Tretminenheer auf über 250 000 Tiere angewachsen sein. Der Senat hat gerechnet: Im Jahr lässt die bellende Truppe 146 Millionen Minen zurück.

Kein Wunder, dass angesichts der unappetitlichen Dimension des Problems ein bitterer Streit in Berlin geführt wird. In den Hauptstadt-Gazetten toben sich Feuilletonchefs, Architekturexperten, Hauptstadtreporter, Leitartikler und Städteplaner, ganze Heerscharen entrüsteter Leserbriefschreiber aus und streiten darüber, wie man den bis zu viermal am Tag Kotenden – bei strenger Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel – zu Leibe rücken kann oder ob man dies überhaupt muss. Engagiert und konsequent politisch zeigte sich dabei einzig Ekkehard Band, SPD-Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg. Wer ihm lauscht, muss einen zweiten 9/11-Terroranschlag befürchten, diesmal von Hunden angezettelt. Band fordert „schwerpunktmäßige Kontrollen mit der gebotenen Konsequenz zu allen klassischen Gassi-Zeiten“, also drei bis viermal am Tag; „Zivilstreifen der Polizei“, also verdeckte Hunde-Ermittler, die die Delinquenten „in flagranti“ erwischen sollen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hundebesitzer sind die rücksichtslosesten Menschen

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor