Das Ende von Chen Jia Ba dauerte sieben Minuten. „Der Himmel wurde dunkel, die Erde zitterte, und man konnte nur noch einen Meter weit sehen“, erzählt Xiong Shao Yong zwei Tage nach dem schweren Erdbeben, das China erschütterte. „Dann kam der Berg.“ Eine Reportage aus dem Zentrum der Erdbebenregion.
Der Erdrutsch in Chen Jia Ba ließ auch von diesem Haus nur einen Geröllhaufen übrig. Foto: Andreas Hoffbauer
CHEN JIA BA. Der gewaltige Erdrutsch hat den größten Teil der 15 000-Seelen-Gemeinde fast komplett unter sich begraben. Nur zwei Straßenzüge der Stadt stehen noch. Doch in der Ladenstraße, wo Händler einst Schuhe, Reis und Arzneimittel verkauften, sieht es aus wie nach einem Bombenangriff: geborstene Häuser, eingestürzte Dächer, überall Leichen.
Die meisten Einwohner von Chen Jia Ban liegen noch immer unter den gigantischen Erdmassen, die sich hinter der Ruinenkulisse auftürmen. „Wir gehen davon aus, dass allein hier 7 000 bis 8 000 Menschen unter den Trümmern und Erdmassen sind“, sagt ein Soldat der chinesischen Armee. In dem engen Tal, das weiter ins nahe Beichuan führt und zu der mit am stärksten betroffenen Region in Südwestchina gehört, rechne man mit rund 30 000 Verschütteten, sagt der Einsatzleiter vor Ort.
Damit dürfte die Gesamtzahl der Toten durch das schwerste Erdbeben Chinas seit 30 Jahren noch dramatisch zulegen und weit über den am Mittwoch offiziell gemeldeten 20 000 Opfern liegen. Denn viele Orte wie Chen Jia Ba sind am Mittwoch erstmals erreicht worden. „Hier sind viel zu wenig Hilfstruppen“, sagt ein Bewohner, der den Untergang von Chen Jia Ba überlebt hat: „Die schicken alle Hilfe nach Wenchuan.“ Dort war das Epizentrum des Bebens mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala.
Der Mann aus dem „Tal des Todes“ sitzt in dem eilig eingerichteten Zeltlager der Armee auf der anderen Seite des Flusses von Chen Jia Ba. Der Einsatzleiter des Notcamps, ein Leutnant, versteht die Sorge der Menschen, wirbt jedoch um Verständnis: „Schweres Gerät hierher in die Täler zu bringen dauert sehr lange.“ Denn inzwischen wird klar, dass viel mehr Ortschaften als angenommen dem Erdboden gleich gemacht sind. Chen Jia Ba ist kein Einzelfall.
Immerhin hat der Dauerregen des Vortags aufgehört. Die Sonne strahlt über dem Bergpanorama. Erstmals kreist an diesem Morgen ein Helikopter über dem nahen Beichuan. Der Ort ist ebenfalls völlig zerstört und kaum zu erreichen. Und in Beichuan liegen noch immer viele Kinder in den Trümmern einer eingestürzten Grundschule. „Jede Sekunde ist kostbar“, hat Premierminister Wen Jiabao gemahnt. Jede Minute könnte über das Leben eines Kindes entscheiden. Gestern ist Wen Jiabao über die Berge bis nach Beichuan gekommen. Wie schon die Tage zuvor, kletterte er über Trümmer, tröstete Kinder und rief mit erhobenem Finger Befehle ins Megafon.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie sich der chinesische Regierungschef bei der Katastrophenbewältigung schlägt
Wie ein kleiner Wunder: Helfer bergen in Chen Jia Ba 52 Stunden nach dem verheerenden Erdbeben eine Frau lebend aus den Trümmern. Foto: Andreas Hoffbauer
Chinas Ministerpräsident profiliert sich mit seinem schnellen Eingreifen im Erdbebengebiet als ungewöhnlich offener und emotionaler Krisenmanager. China habe – ganz anders als die Diktatoren im Nachbarstaat Birma – schnell reagiert und schon kurz nach dem Beben die ersten Hilfsaktionen gestartet, loben sogar die Vereinten Nationen.
Auch Journalisten erleben in Chinas Katastrophengebiet eine neue Offenheit. Während Polizisten die Recherche ausländischer Journalisten normalerweise schnell beenden, prüfen sie diesmal nur selten und freundlich die Papiere. Statt Behinderung gibt es sogar hilfreiche Tipps, wie man am besten in die Krisenregionen gelangen kann. Denn: Was ist schon normal in diesen Tagen. Selbst in Totenstädten wie Chen Jia Ben können Fotografen ungehindert ihrer Arbeit nachgehen, helfen Soldaten der Presse so gut sie können.
„Wir haben heute schon 21 Verschüttete lebend geborgen“, sagt der Einsatzleiter in Chen Jia Ba zum Ende des ersten Tages vor Ort. Als Helfer am Mittag eine Frau nach 50 Stunden aus den Trümmern der Ladenstraße ziehen, klatschen Soldaten Beifall, die Familie weint – vor Freude.
Um die Ecke haben die Trupps schon aufgegeben, sucht Sun Yong nun mit den bloßen Händen nach seiner Frau und seinem Kind. „Unser Baby war drei Monate alt“, trauert der Chinese und ruft immer wieder die Namen. Doch nichts rührt sich. Er steht wie alle Bewohner im Tal des Todes noch unter Schock. Zu Tausenden fliehen die Menschen aus den Bergen, wandern auf der schmalen Straße in Richtung der nächsten größeren Stadt. Viele weinen, können über das Erlebte nicht sprechen. Die abgerutschten Berge ringsum reichen aus als Erklärung für das Schicksal, das sie hinter sich lassen wollen.
Bei der Vorsorge gegen die Folgen von Erdbeben sei China eigentlich eines der führenden Länder der Welt, sagen Experten. Die Regierung habe in den vergangenen zehn bis 15 Jahren mehr und mehr den Bau erdbebensicherer Gebäude angeordnet. Doch in den Bergregionen von Sichuan stehen noch viele alte Gebäude. Und oft werden durch Korruption und Schlamperei in den Provinzen die neuen Bauvorschriften nicht umgesetzt.
Bei dem Beben vom Montag sind Tausende von Schulkindern ums Leben gekommen. Die Stöße ließen die zur Mittagszeit voll besetzten Schulen zusammenfallen wie Kartenhäuser. Nur in Chen Jia Ba, in der von der Landkarte ausradierten Stadt, steht noch die Grund- und Mittelschule. In den Klassenräumen sind die kleinen Schemel umgefallen. Die Ranzen liegen auf dem Boden. Und an der Tafel steht noch der letzte Satz aus dem Englischunterricht: „I love my Mama and my Papa“ – als sei die Zeit stehen geblieben. Am Montag, um 13. 28 Uhr. Als das Tai-Hong-Tal zu beben begann. Und als der Berg kam.


