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15.05.2008 
China nach dem Beben

Im Tal des Todes

von Andreas Hoffbauer

Das Ende von Chen Jia Ba dauerte sieben Minuten. „Der Himmel wurde dunkel, die Erde zitterte, und man konnte nur noch einen Meter weit sehen“, erzählt Xiong Shao Yong zwei Tage nach dem schweren Erdbeben, das China erschütterte. „Dann kam der Berg.“ Eine Reportage aus dem Zentrum der Erdbebenregion.

Der Erdrutsch in Chen Jia Ba ließ auch von diesem Haus nur einen Geröllhaufen übrig. Foto: Andreas HoffbauerLupe

Der Erdrutsch in Chen Jia Ba ließ auch von diesem Haus nur einen Geröllhaufen übrig. Foto: Andreas Hoffbauer

CHEN JIA BA. Der gewaltige Erdrutsch hat den größten Teil der 15 000-Seelen-Gemeinde fast komplett unter sich begraben. Nur zwei Straßenzüge der Stadt stehen noch. Doch in der Ladenstraße, wo Händler einst Schuhe, Reis und Arzneimittel verkauften, sieht es aus wie nach einem Bombenangriff: geborstene Häuser, eingestürzte Dächer, überall Leichen.

Die meisten Einwohner von Chen Jia Ban liegen noch immer unter den gigantischen Erdmassen, die sich hinter der Ruinenkulisse auftürmen. „Wir gehen davon aus, dass allein hier 7 000 bis 8 000 Menschen unter den Trümmern und Erdmassen sind“, sagt ein Soldat der chinesischen Armee. In dem engen Tal, das weiter ins nahe Beichuan führt und zu der mit am stärksten betroffenen Region in Südwestchina gehört, rechne man mit rund 30 000 Verschütteten, sagt der Einsatzleiter vor Ort.

Damit dürfte die Gesamtzahl der Toten durch das schwerste Erdbeben Chinas seit 30 Jahren noch dramatisch zulegen und weit über den am Mittwoch offiziell gemeldeten 20 000 Opfern liegen. Denn viele Orte wie Chen Jia Ba sind am Mittwoch erstmals erreicht worden. „Hier sind viel zu wenig Hilfstruppen“, sagt ein Bewohner, der den Untergang von Chen Jia Ba überlebt hat: „Die schicken alle Hilfe nach Wenchuan.“ Dort war das Epizentrum des Bebens mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala.

Der Mann aus dem „Tal des Todes“ sitzt in dem eilig eingerichteten Zeltlager der Armee auf der anderen Seite des Flusses von Chen Jia Ba. Der Einsatzleiter des Notcamps, ein Leutnant, versteht die Sorge der Menschen, wirbt jedoch um Verständnis: „Schweres Gerät hierher in die Täler zu bringen dauert sehr lange.“ Denn inzwischen wird klar, dass viel mehr Ortschaften als angenommen dem Erdboden gleich gemacht sind. Chen Jia Ba ist kein Einzelfall.

Immerhin hat der Dauerregen des Vortags aufgehört. Die Sonne strahlt über dem Bergpanorama. Erstmals kreist an diesem Morgen ein Helikopter über dem nahen Beichuan. Der Ort ist ebenfalls völlig zerstört und kaum zu erreichen. Und in Beichuan liegen noch immer viele Kinder in den Trümmern einer eingestürzten Grundschule. „Jede Sekunde ist kostbar“, hat Premierminister Wen Jiabao gemahnt. Jede Minute könnte über das Leben eines Kindes entscheiden. Gestern ist Wen Jiabao über die Berge bis nach Beichuan gekommen. Wie schon die Tage zuvor, kletterte er über Trümmer, tröstete Kinder und rief mit erhobenem Finger Befehle ins Megafon.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie sich der chinesische Regierungschef bei der Katastrophenbewältigung schlägt

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