0 Bewertungen
21.08.2007 
Hurrikane

Jahrzehnte des Donners

von Sönke Iwersen und Rita Lansch

Der Wirbelsturm „Dean“ wütet in der Karibik und nimmt Kurs auf Mexiko – in der Region beginnt die Hurrikan-Saison. Experten schätzen, dass in diesem Sommer bis zu neun weitere große Stürme folgen werden, die Versicherer rechnen mit Schäden in Milliardenhöhe. Das Problem ist dabei auch vom Menschen verursacht.

Hurrikan Dean brach unerbittlich über Jamaika herein. Der Wirbelsturm wird nur der erste einer ganzen Reihe sein. Foto: apLupe

Hurrikan Dean brach unerbittlich über Jamaika herein. Der Wirbelsturm wird nur der erste einer ganzen Reihe sein. Foto: ap

DÜSSELDORF. Entspannung ist nicht in Sicht – jedenfalls nicht in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren. Sieben bis zehn schwere Wirbelstürme erwartet die amerikanische Wetter- und Ozeanographiebehörde NOAA in den kommenden Monaten – doppelt so viele wie im Zehnjahresdurchschnitt. Und Wetterexperten sowie Versicherungskonzerne stimmen überein: Auch die Schäden werden zunehmen – und zwar auf ganz lange Sicht.

„Es kommen mehrere Faktoren zusammen“, erklärt Peter Höppe, der Leiter der Geo-Risikoforschung bei der Münchener Rück. „Zum einen befinden wir uns ohnehin gerade in einer Warmphase, was die Meeresoberflächentemperatur betrifft. Zum anderen gibt es den Klimawandel.“

Wirbelstürme entstehen leichter, je wärmer das Wasser ist. Der Atlantik durchläuft lange Zyklen – von 1926 bis 1970 gab es eine Warmphase mit durchschnittlich 2,6 schweren Wirbelstürmen der Kategorie 3 bis 5 pro Jahr, von 1971 bis 1994 eine Kaltphase mit 1,5 schweren Stürmen. In der aktuellen Warmphase seit 1995 gibt es durchschnittlich schon 3,9 schwere Stürme pro Jahr.

Wissenschaftler erklären die außerordentliche Steigerung mit einer zusätzlichen, künstlichen Erwärmung der Weltmeere. Der natürliche Temperaturunterschied zwischen einer Warm- und einer Kaltphase liegt nur bei 0,5 Grad. Studien zeigen aber, dass die Wassertemperatur in den vergangenen 30 Jahren global zusätzlich um 0,5 Grad angestiegen ist.

„Wirbelstürme können ab einer Oberflächentemperatur von 26,5 bis 27 Grad entstehen“, sagt Höppe. „Auch kleine Temperaturerhöhungen können also große Folgen haben. Wir rechnen damit, dass in den nächsten 30 Jahren durch den Klimawandel zusätzlich 0,5 Grad hinzukommen.“

Für die Münchener Rück, nach der Swiss Re die zweitgrößte Rückversicherung der Welt, sind diese Zahlen Grundlage des Geschäfts. „Es reicht nicht mehr, einfach aus den historischen Schäden ein Mittel zu bilden“, sagt Höppe. „Wir haben diese Erkenntnisse in unseren Risikomodellen berücksichtigt.“

Soll heißen: Die Versicherungsprämien steigen. Die Einschätzungen nämlich, welche Schäden überhaupt möglich sind, änderten sich im Jahr 2005 fundamental. Allein der Wirbelsturm „Katrina“, der weite Teile von New Orleans unter Wasser setzte, schlug bei den Versicherern mit 45 Mrd. Dollar zu Buche. Dann folgte „Wilma“ – am Ende des Jahres blieben Schäden von 180 Mrd. Dollar.

Dabei zeigte „Katrina“, dass alle Simulationsmodelle versagten. Die Versicherer bezogen ihre Risikodaten von Modellagenturen, die verschiedene Schadensszenarien durchspielen. Das nutzten die Versicherer für ihre Preiskalkulation. Das Problem war allerdings: Alle Modelle stellten bis dahin nur auf Sturmrisiken ab und ließen die nachkommenden Fluten unberücksichtigt.

Die führenden Modellagenturen wie AIR Worldwide haben seitdem ihre Hurrikan-Szenarien angepasst. Die Folge waren drastische Preissteigerungen für Naturkatastrophen-Deckungen. Nach einem sehr ruhigen Hurrikan-Jahr 2006 verharren die Preise derzeit auf hohem Niveau, sind aber wegen der guten Gewinne der Versicherer unter Druck.

Ein Hurrikan in der Größenordnung des gerade aktiven „Dean“ vermag diesen Trend nicht umzukehren. Erste Schätzungen des auf Naturgefahren spezialisierten US-Analysehauses Eqecat gehen von versicherten Schäden zwischen 1,5 und drei Mrd. Dollar aus. Zum Vergleich, der internationale Markt für Rückversicherungen wird auf rund 165 Mrd. Dollar Beitragseinnahmen veranschlagt. Dabei sind enorme Rückstellungspolster für Schäden noch gar nicht berücksichtigt.

Trotzdem sind Experten nervös. Joe Gordon ist der Sicherheitschef der US-Behörde MMS. Sie bewertet die Risiken für die Ölproduktion im Golf von Mexiko. „Die Stärke der neuen Stürme ist größer, als wir uns vorgestellt haben. Die Wellen sind höher, die Winde sind stärker“, sagte Gordon vor wenigen Tagen auf einer Tagung. „Wir sind gerade erst dabei, zu lernen, was die Plattformen da draußen in Zukunft auszuhalten haben. Wir müssen alles dafür tun, uns auf dieses Maximum einzustellen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Tropischer Wirbelsturm

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor