0 Bewertungen
24.02.2006 
Wirtschaft

Karneval und Kommunismus

von Bolke Behrens

Die Ökonomie ist bierernst, lautet das Vorurteil. Und keiner kennt das Rezept, wie man die Probleme von Wachstum und Arbeitslosigkeit löst. Nicht mal Sabine Christiansen, obwohl in deren Runde doch alles ausgesessen und damit Deutschlands höchster Chairholder-Value erreicht wird.

Karneval und Kommuniasmus: Was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten.

Karneval und Kommuniasmus: Was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten.

Sitzen ist aber der falsche Ansatz. Wirtschaft ist feucht-fröhlich - und läuft ganz von alleine. Zumindest im Rheinland, meint der Kölner Karnevalist Jürgen Becker. Der Rheinländer stellt sich an die Theke und sagt zum Nachbarn: "Häs de och kin Jeld, dat es janz ejal, drenk doch eine met, und kümmer dich nit dröm."

Keineswegs aus karitativen Erwägungen, sondern aus der festen Überzeugung heraus, dass der Umsatz langfristig am größten ist, wenn alle irgendwie mittrinken.

Pragmatiker Becker empfiehlt, die Karnevalsvereine sollten sich um die Arbeitslosen kümmern: "Da kriegt jeder Getränkebons, da bekommt er Frikadellen, Nudelsalat und ein lecker Mädche. Das ist alles, was ein Rheinländer braucht: Müffele, Süffele und Annemarie - Essen, Trinken und ein bisschen Liebe."

Und weil man sich das ganze Jahr für den Karneval und den Umzug vorbereiten müsse, gebe es auch permanent Feste zu feiern. Becker: "Insofern bietet der Kölner Karneval das Modell, ohne Vollbeschäftigung die Menschen voll zu beschäftigen."

Das Modell scheint sich auf den ersten Blick nicht auf dem hohen Niveau der Denker zu bewegen, die sich mit der komplexen, einschlägigen Wissensmaterie beschäftigen, und über die Kurt Tucholsky schrieb: "Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe: Die feinsten sind die wissenschaftlichen." Zu Recht hat dieser Autor bereits vor 80 Jahren festgestellt, über die ältere Nationalökonomie könne "man ja nur lachen und dürfen wir selbe daher nur mit Stillschweigen übergehen. Sie regierte von 715 v. Chr. bis zum Jahre 1 nach Marx. Seitdem ist die Frage völlig gelöst: Die Leute haben zwar immer noch kein Geld, wissen aber wenigstens warum."

Doch Becker ist auch theoriebewandert. Er hat das "Mysterium des rheinischen Kapitalismus" untersucht, der sich deutlich vom Neoliberalismus nach angelsächsischem Vorbild unterscheidet. Die Amerikaner sind auf schnellen Gewinn und das große Geld aus. Diese Art Leistungsgesellschaft setzt der Rheinländer außer Kraft, wenn er sagt: "Mer muss ers mal janix!" Und da der Kölner permanent im Karneval ist - wie Becker analysiert -, prägt der das System. Kein Wunder, dass dieses System exportiert worden ist. Schließlich hat Karl Marx in Köln gelebt und gesehen, wie die Roten Funken, einer der traditionsreichen Karnevalsvereine, mit ihren roten Fahnen aufmarschiert sind. Becker: "Und dann hat Marx gesagt, das muss doch am Aschermittwoch nicht vorbei sein. Das können wir auch am 1. Mai machen." Und wie den Kölner Karneval hat der Russe den Kommunismus immer verstanden - jede Menge Paraden, alles säuft, und keiner arbeitet.

Lesen Sie weiter auf Seite 2:Der Kommunismus ist tot. Aber er rächt sich.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor