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11.07.2007 
Erforschung der Lebenszufriedenheit

Kein Gleichgewicht des Glücks

von Uli Schulte-Döinghaus

Wo Sozialwissenschaftler und Ökonomen ihr privates Glück finden, können wir nur ahnen. Das öffentliche Glück finden und erforschen sie jedenfalls in der SOEP, der „German Socio-Economic Panel Study“. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus: Lebenszufriedenheit ist nicht konstant, sondern verändert sich bis ins Alter ständig.

BERLIN. Das Sozioökonomische Panel ist eine seit 1984 laufende jährliche Wiederholungsbefragung von Deutschen, Ausländern und Zuwanderern in den alten und neuen Bundesländern. Einer der Themenschwerpunkte ist das Glück, das die Wirtschafts- und Sozialforscher etwas vorsichtiger und allgemeiner „Lebenszufriedenheit“ nennen.

Wenn es darum geht, begriffserläuternde Kategorien zu bilden, dann tun sich die deutschsprachigen Experten notorisch schwer, weil unser teutonisches Glück noch lange nicht identisch ist mit seiner angelsächsischen Entsprechung: „Happiness does not mean Glück (luck), but Fröhlichkeit (festiveness)“, erläuterte jüngst Gert G. Wagner seinen Forscherkollegen das deutsche Glücksdilemma und bot als Ausweg an: „We measure satisfaction.“ Wagner ist Wirtschaftsprofessor an der TU Berlin und Forschungsdirektor am „Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung“ in Berlin, wo er die Längsschnittstudie leitet.

Diese fragt regelmäßig die allgemeine Lebenszufriedenheit der Deutschen mit Hilfe eines Elf-Punkte-Fragebogens ab, der von „total unzufrieden“ (0 Punkte) bis „rundum zufrieden“ (10 Punkte) reicht. Der Generalfrage sind allerlei Unterfragen, etwa nach Gesundheit oder Haushaltseinkommen zugeordnet, neuerdings nach Familienkonstellation, Ehrenämtern oder Schlafqualität (ab 2008).

Andere Studien, in denen etwa auf europäischer Ebene nach Glück und Lebenszufriedenheit gefragt wird, kommen mit einem Sechs-Punkte-Fragenkatalog aus, was die Zufriedenheitsforscher bisweilen mit methodischen Problemen konfrontiert. Das geschah vor kurzem in Berlin bei der international besetzten Tagung „Subjektives Wohlbefinden und subjektive Indikatoren der Lebensqualität“, als über die Power-Points der Präsentatoren gelegentlich ausladende Formeln huschten, die heftig an Einstein und selten an Glück und Wohlbefinden erinnerten.

Der australische Zufriedenheitsforscher Bruce Headey, Wirtschaftsprofessor an der Universität Melbourne, provozierte bei der Tagung im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) seine Kollegen. „Sind wir am Vorabend einer wissenschaftlichen Revolution?“ fragte er und gab die Antwort selbst: „Vielleicht.“ Headey zufolge steht nämlich die so genannte „Set-Point-Theorie“ auf der Kippe, die seit 30 Jahren den Diskurs der Zufriedenheitsforscher beherrscht. Sie besagt, dass im Lebenszyklus eines Erwachsenen sein persönliches Maß des subjektiven Wohlbefindens (SWB) irgendwann wieder zum Ursprung (set-point) zurückkehrt, auch wenn es zwischendurch Ereignisse gibt, die zeitweilig wie Rückschläge ausschlagen. 30 Jahre lang galt also: Das subjektive Wohlbefinden ist abgesehen von zeitweiligen Abweichungen stabil und konstant. Soweit die herkömmliche Denkweise.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das konservative Selbstbild einer kommenden deutschen Rentnergeneration

Eine genauere Betrachtung der SOEP-Daten, des ältesten Sozialsurveys der Welt, ergibt ein anderes Bild. Headey hat ausgemacht, dass sich der Grad der Lebenszufriedenheit bei fast jedem fünften befragten Deutschen innerhalb von 20 Jahren kräftig verändert hat, vielleicht sogar auf Dauer. Viele seien mit ihrem Leben dramatisch unzufriedener geworden – und das in einem Land, in dem Frieden herrsche und es, alles in allem, keinen gewaltigen ökonomischen Einbruch gegeben habe, so der Professor.

Diese Erkenntnis widerspricht der Set-Point-Theorie von dem immer wiederkehrenden „Gleichgewicht des Glücks“ und zwingt die Sozialwissenschaftler zu neuem Nachdenken. Sie könnte aber auch für neue optimistische Schübe sorgen, wenn jetzt gesichert zu sein scheint, dass Lebenszufriedenheit bis ins hohe Erwachsenenalter veränderbar ist. Die Voraussetzungen sind in der Tat günstig, wie Uwe Engfer ermittelte.

Der Sozialwissenschaftler (TU Darmstadt) fand mittels Zeitbudgeterhebungen des Statistischen Bundesamtes heraus, dass mit dem herannahenden Alter eher Zufriedenheit als Unzufriedenheit über die Deutschen kommt: „Keine starken Anzeichen für Orientierungslosigkeit und Unzufriedenheit bei Vorruheständlern.“ Aber auch unser neues, schickes (Medien-)Bild von den so genannten „jungen Alten“ widerspricht der Wirklichkeit, wie Engfer ermittelte: „Weder nimmt das Engagement in organisierten Kontexten oder die informelle Hilfe in Form von Freiwilligenarbeit drastisch zu, noch gibt es eine neue Vielfalt von Freizeitbeschäftigungen.“ Wie dieses eher konservative Selbstbild einer kommenden deutschen Rentnergeneration zusammenpasst mit den Befunden des obersten Glücksforschers der „Deutsche Bank Research“, Stefan Bergheim, könnte Gegenstand künftiger Zufriedenheitsforschungen sein. Bergheim ermittelte anhand einer „World Database of Happiness“: „Glückliche Menschen gehen später in Rente.“

Im Hinblick auf Deutschlands nachwachsende Generation warteten die Soziologen Roland Bieräugel und Wolfgang Glatzer von der Universität Frankfurt mit einer erstaunlichen Zahl auf. 62 Prozent aller 18- bis 34-jährigen Deutschen sehen den Staat als „sehr stark verantwortlich“ in der Pflicht, deutlich mehr als Arbeitslose, Ostdeutsche, Geringverdiener und ältere Bundesbürger über 60. Die plädieren – gleichfalls zu 62 Prozent – für höhere Eigenverantwortung bei der Glückssuche, in Distanz zum Wohlfahrtsstaat.

Womöglich spielen mehr und mehr ernüchternde Erfahrungen der Alten mit, wenn sie diese Staatsskepsis zelebrieren. Aus sozialwissenschaftlichen Erhebungen – beispielsweise im so genannten Wohlfahrts- oder Sozialstaatssurvey – geht hervor, dass nur jeder dritte Deutsche mit seiner Rentenversicherung glücklich ist. Immerhin doppelt so viele – Überraschung! – trauen dem deutschen Krankenversicherungssystem.

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