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12.03.2008 
Gewalt und Humor

Lachen mit John Rambo

von Philipp Knauss

Brutale Filme erzeugen bei vielen Zuschauern nicht Abscheu, sondern große Heiterkeit. Aber nicht nur die Kinogänger sind von dem, was sie sehen, überfordert, sondern auch die Psychologen und Soziologen. Sie stehen dem Phänomen der „lustigen Gewalt“ eher hilflos gegenüber.

Rambo (Sylvester Stallone, r.) im Einsatz. Psychologen versuchen zu enträtseln, warum Brutalität im Kino oft eher zu Heiterkeit als zu Abscheu führt.  Foto: apLupe

Rambo (Sylvester Stallone, r.) im Einsatz. Psychologen versuchen zu enträtseln, warum Brutalität im Kino oft eher zu Heiterkeit als zu Abscheu führt. Foto: ap

DÜSSELDORF. Auf der Leinwand herrscht das Grauen. Es wird gelitten, gestorben, getötet, gefoltert und verstümmelt. Im Publikum wird gelacht und geklatscht. Je gewalttätiger der Film, desto lauter das Lachen. Was ist da los?

Wer eine erschreckende, aufwühlende und erkenntnismehrende Erfahrung zum Thema des medialen Gewaltkonsums machen möchte, dem sei in diesen Tagen ein Kinobesuch empfohlen. Sylvester Stallone ist zum vierten und sicher letzten Mal als „John Rambo“ zu sehen, als bereits mythologisch aufgeladener Inbegriff des Kämpfers. Rambo ist das personifizierte Berserkerphänomen, die traumatisierte Einmannarmee. In dem Film, wie schon in seinen drei Vorgängern, mag so manches unrealistisch sein, vor allem die schiere Menge an dahingerafften Feinden und die Präzision und Effektivität des Kämpfens, zu dem sich der gealterte und müde Rambo hier ein letztes Mal aufrafft, um ein paar naive Gutmenschen aus den Fängen der burmesischen Bösmenschen zu befreien. Die Filmemacher bemühten sich erfolgreich um eine möglichst realistische und schonungslose Darstellung von Gewalt (236 Tote, das sind 2,59 pro Minute).

Doch nicht der Film ist das eigentliche Ereignis, sondern die Reaktionen des Publikums. In welcher Stimmung auch immer, ob mit der Freundin oder den Fußballkumpels, auch wenn man auf der Flucht vor den Alltagssorgen im Kino sitzt, auch wenn der Kinobesucher natürlich weiß, dass niemand wirklich in Stücke gerissen wird durch die Granate: Lachen, Klatschen und Gegröle sind eine unangebrachte Reaktion.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Lachen als Ausdruck der Überforderung“

Kann Gewalt lustig sein? Offenbar ja. Bereits Sigmund Freud erklärte uns, dass die wohl wichtigste psychodynamische Bedeutung des Humors in einem Lustgewinn liegt. Das mit Humor verbundene Lachen löst Spannungen, die entweder in der lachenden Person selbst oder in der Beziehung zu anderen Personen liegen. Hin und wieder kommt es auch zu regelrechten Fehlleistungen beim Spannungsabbau. Polizisten, die die schlimme Nachricht eines Unfalltodes zu überbringen haben, berichten immer wieder von dem Phänomen, dass – nur für Sekunden – die Angehörigen zuerst lachen und dann beginnen zu weinen. Lachen als Ausdruck totaler Überforderung.

Und völlig überfordert scheint auch die Wissenschaft zu sein mit dem Thema Gewalt in den Medien und wie diese uns beeinflusst. Psychologen und Soziologen sind sich einig. Einig darüber, dass sie unzufrieden sind mit dem Stand der Forschung: Die Methodik sei veraltet, die Ergebnisse sind widersprüchlich, und daher sei keine signifikante Korrelation zwischen medialem Gewaltkonsum und realer Gewalt feststellbar.

In einer vom Bundesfamilienministerium herausgegebenen Studie von Michael Kunczik und Astrid Zipfel vom Institut für Publizistik der Universität Mainz steht bilanzierend, dass „die Annahme einer generellen Ungefährlichkeit von Mediengewalt fast nicht mehr vertreten wird“. Außerdem bestätigen Kunczik und Zipfel, „dass manche Formen von Mediengewalt für manche Individuen unter manchen Bedingungen negative Folgen nach sich ziehen können“. Genau das hätte uns wahrscheinlich auch die Sekretärin von Herrn Kunczik ohne Studium und Studie sagen können oder sein Friseur, wenn man ihn denn gefragt hätte.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Medien prägen unsere Sicht von Gewalt“

Erfreulicherweise lässt sich sagen, dass den meisten von uns Medienkonsumenten – ob Computerballerspieler oder nicht – trotz wachsender Gewaltkriminalität das Erfahren von physischer Gewalt erspart bleibt. Mit ein bisschen Glück ein Leben lang. Der mutwilligen und gewaltsamen Verletzung und Zerstörung eines lebendigen menschlichen Körpers beizuwohnen, sei es als Täter, Opfer oder Zuschauer, ist nicht Teil der zivilisierten Welt, die wir uns erschaffen haben. Kein Klingenkreuzen auf dem Schlachtfeld mehr, keine öffentlichen Hinrichtungen. Aber es ist noch nicht lange her.

Was dem einen oder anderen Großstadtbewohner an Gewalt auf nächtlichen Straßen oder in finsteren U-Bahn-Unterwelten widerfährt, wird durch die mediale Gewalt, vor allem diejenige in Videospielen oder Filmen, bei weitem in den Schatten gestellt. Unsere Sicht auf die Gewalt ist durch Medien geprägt.

Mit dem ebenso erschreckenden wie alltäglichen Phänomen der „lustigen Gewalt“ haben sich bisher nur wenige Forscher ernsthaft befasst. Die Psychologen Dolf Zillmann und Cynthia King-Jablonski von der University of Pennsylvania haben vor einigen Jahren in einer Studie herausgefunden, dass das Hinzufügen von humorvollen Elementen Gewaltszenen scheinbar entschärft. Wenn die Testpersonen einen humorvollen Actionfilm sahen, kam er ihnen harmloser vor als einer ohne Humor. Ein lockerer Spruch beim Töten macht es also medial besser genießbar.

Zillmann und King-Jablonski warnen vor der Gefahr der Veralltäglichung und Banalisierung von derart konsumierter Gewalt. Seit den späten 80er-Jahren verpackten die meisten Actionfilme Gewalt mit Humor. „Yippie-ya-yeah, Schweinebacke!“ ruft Bruce Willis in „Stirb langsam“ (1988), wenn er seine Gegner erschießt. Viele Kinozuschauer verbinden seither offenbar extreme Gewalt automatisch mit guter Laune, auch wenn das im Falle eines witzfreien und schonungslosen Gewaltfilms wie „John Rambo“ gar nicht beabsichtigt ist.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: „Die Guten und die Bösen im Kino“

Diese Reaktionen sollten in demselben Maße Besorgnis hervorrufen, wie die reale Gewalt. Denn diese im Angesicht des Leids anderer (seien sie auch fiktive Personen) lachenden und sich vergnügenden Kinobesucher sind Teil der realen Welt. Keine Freaks aus der geschlossenen psychiatrischen Anstalt.

Die verrohten, entmenschlichten burmesischen Soldaten und Folterknechte, die in Stallones Film zum Spaß töten, lachen auch dabei. Und sofort wissen alle im Kinosaal: Die sind die Bösen in dieser emotionalen und moralischen Schwarz-Weiß-Welt. Die wird Rambo später töten. Die gehören aber auch nicht nicht zur wirklichen Welt

In der wirklichen Welt voller Grautöne sitzen die Bösen also mit den Guten zusammen im Kino. Und nach dem großen Spektakel gehen alle wieder ihrer Wege. Mich gruselt bei der Vorstellung, dass diese von unserer modernen Medienwelt offenbar überforderten Menschen zur Wahl gehen, Kinder erziehen und Auto fahren. Und ab und zu schütteln sie sogar meine Hand.

Sind wir wirklich unterwandert von lauter zivilisationsresistenten Gefühlszombies? Würden die in schlimmen Zeiten auch mit Macheten ihre Nachbarn massakrieren wie in Kenia? Vielleicht sollte das Bundesfamilienministerium mal eine tiefenpsychologische Feldstudie in Auftrag geben. Oder man fragt gleich den Friseur von Frau von der Leyen.

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