Li Xiao Peng arbeitet seit 19 Jahren als Lehrer – stets in einer abgelegenen Dorfschule, wo kein anderer unterrichten will. Der Mann sucht sich solche Schulen bewusst aus.
Li Xiao Peng im Klassenzimmer: "Es reicht mir, in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder zu schauen. das entschädigt für alles und motiviert jeden Tag aufs Neue." Foto: Qilai Shen/sinopix
DONG GAN. Die letzten Kilometer müssen wir zu Fuß gehen – einen schmalen Weg, der sich den Berg hochwindet. Das Wetter hat tiefe Rillen in den Pfad gegraben. In einigen hat der Frost kleine Gebirge geformt, in anderen sind Pfützen zugefroren. Es ist Ende Februar, offiziell hat in China der Frühling begonnen. Hier ist er noch nicht angekommen. Überall liegen Schneereste. Bis vor zwei Tagen war die Region noch völlig eingeschneit.
Der Weg wird etwas breiter, ein Bach rauscht den Berg hinab. Es geht vorbei an grauen Häusern, kleinen Feldern an steilen Hängen und dürren Bäumen. Der Weg macht einen Knick. Wir haben unser Ziel erreicht: ein kleines Backsteinhaus – die Schule von Dong Gan, einem Dörfchen in der Provinz Shaanxi im Nordwesten von China – drei holprige Autostunden und eine stramme Ein-Stunden-Wanderung von der alten Kaiserstadt Xian entfernt.
Li Xiao Peng steht an der Tafel und erklärt eine Rechenaufgabe: 14 multipliziert mit 12. Vor ihm sitzen 17 Kinder, sieben bis zwölf Jahre sind sie alt. Alle Schüler hocken auf einem Stuhl, der mit dem Tisch vor ihnen verbunden ist. Sie sahen wahrscheinlich mal schön aus, diese Möbel in Weiß und Hellblau. Jetzt sind sie nur schief, wackelig und schmutzig vom Regen, der gelegentlich durch das löchrige Dach prasselt. Er fällt auf gestampften Lehmboden.
Das Zimmer ist kahl – bis auf die Wandtafel und ein paar Propagandaschriftzüge daneben. In einer Ecke stapeln sich ramponierte Tische, in einer anderen leere Kartons. Die Fensterscheiben sind kaputt, die Tür ist aus Brettern schief zusammengenagelt. Wind pfeift durch alle Löcher.
Hinten im Klassenzimmer steht ein Holzöfchen, die Wärme reicht aber nicht mal aus, um uns, die direkt in der Nähe sitzen, die Kälte aus den Gliedern zu treiben. Weil das Holz nicht reicht, wird ohnehin nur für Gäste geheizt, für uns Journalisten und eine Dolmetscherin.
Seit acht Jahren unterrichtet Li Xiao Peng in der Dorfschule von Dong Gan – hier in der Einöde, wo die Behörden Schwierigkeiten haben, freie Lehrerstellen zu besetzen, wo er für umgerechnet 13 Euro im Monat arbeitet, wo er jeden Bleistift, jedes Buch, jedes Blatt Papier selbst den Berg hochschleppen muss.
Er liebt seine Arbeit: „Es reicht mir, in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder zu schauen“, erzählt er. „Das entschädigt für alles und motiviert jeden Tag aufs Neue.“
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Die aktuelle Schulklasse von Lehrer Li: Bildung ist in China auch im Jahr 2008 keine Selbstverständlichkeit. Foto: Katharina Slodczyk
Li Xiao Peng ist 36 Jahre alt, ein kleiner, schmaler Mann, der die ältesten seiner Schüler kaum überragt. Er spricht mit einer sanften Stimme. Nie streng, nie barsch. Nur das, was er sagt, verrät gelegentlich, wie kompromisslos und zäh er ist: „Ich habe mich für dieses Leben entschieden – mit allen Konsequenzen.“
Seit 19 Jahren arbeitet Li als Lehrer. Stets in einer Dorfschule, irgendwo abgelegen. Das ist kein Zufall, er sucht sich solche Schulen bewusst aus: „Bevor meine Mutter gestorben ist, hab ich ihr versprochen, Kindern aus armen Verhältnissen das zu ermöglichen, was sie mir ermöglicht hat: zu lernen und sich die Voraussetzungen für ein besseres Leben zu erarbeiten.“
300 Schüler hat Li bis heute unterrichtet, zwölf haben es an die Universität geschafft, einer sogar an eine der Elite-Hochschulen in Peking.
Bildung ist auch im Jahr 2008 keine Selbstverständlichkeit in China, denn sie kostet Geld. Vor allem Menschen auf dem Land können sie sich daher nicht leisten. Das ist einer der Gründe für ein enormes Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land, zwischen den reichen Provinzen im Osten und dem armen im Westen – ein Gefälle, das für zunehmende soziale Spannungen sorgt.
Li Xiao Peng war stets Klassenbester, er war Klassensprecher, er hat gern gelernt, er hat sich auf sein Studium gefreut. Jahrelang und gewissenhaft hat er sich auf die entscheidende Prüfung vorbereitet, die Zugangsvoraussetzung für die Universität. Wäre da nicht der Unfall gewesen, der seinen Vater zum Invaliden machte; 15 Tage vor der Prüfung. „Da war klar, ich muss nicht antreten zu dieser Prüfung. Meine Eltern waren nicht mehr in der Lage, mir das Studium zu finanzieren“, erzählt Li.
Sein Vater war Bauer, seine Mutter hat Müll gesammelt, um das Schulgeld für den Sohn zu bezahlen. Nach dem Unfall war der Vater querschnittsgelähmt. Das Geld der Mutter reichte gerade so, um die Familie über die Runden zu bringen.
Li kommentiert das nicht. Kein Wort des Bedauerns. Keine Spur von Selbstmitleid. Keine Regung in seinem Gesicht. Mit gleichbleibender Stimme erzählt er, wie sich sein Leben änderte.
Nach der Mittelschule arbeitet Li als Buchhalter bei einem Parteisekretär. Dort bleibt er nicht lange. In den ersten Monaten sieht er Statistiken mit der Zahl der Schüler in dem Landkreis, für den sein Chef zuständig ist. „Mir ist aufgefallen“, erzählt Li, „dass sehr wenige Kinder zur Schule gingen.“ Er entschließt sich, Lehrer zu werden.
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In dieser Dorfschule unterricht Li seine Kinder. Früher residierte hier der Dorfvorsteher. Foto: Katharina Slodczyk
Nach offiziellen Angaben gehen fast alle chinesischen Kinder zur Grundschule, sechs Jahre lang. Daran schließen sich drei Jahre Mittelschule an. Das ist Pflicht.
Tatsächlich aber müssen viele schon diese Grundschulausbildung vorzeitig abbrechen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können, weil sie Hilfe in der Landwirtschaft brauchen, weil es auf dem Land nicht genug Lehrer gibt und Dorfschulen verfallen. So wie die, die Li in Dong Gan vorfindet, wo er im Sommer 2000 seinen Job antritt: ein Steinhaus, die Mauern teilweise eingefallen, die Fenster unverglast. Der Pfad dahin verwandelt sich in eine Schlammpiste, wenn es regnet.
Li überredet den Dorfvorsteher, der Schule andere Räume zu geben. Er zieht mit den Schülern in das Gebäude der Dorfregierung, diese baut sich ein neues Haus. Li überredet einen Bauunternehmer, den Weg, der zur Schule führt, zu planieren, damit er das ganze Jahr über begehbar ist.
Schon drei andere Schulen hat er so auf Vordermann gebracht – im bescheidenen Rahmen. Die Schüler hat es gefreut, Li hat es nichts gebracht: „Als die Schule attraktiver wurde, hatte das Dorf nicht mehr das Problem, einen Lehrer zu finden“, sagt er. Er wurde ausgetauscht – gegen einen, der Pädagogik studiert hatte.
Das kann ihm heute nicht mehr passieren. Li hat jetzt sein Lehrerdiplom. Parallel zu seiner Arbeit hat er vor vier Jahren ein Fernstudium gemacht. An seinem Gehalt von umgerechnet nicht mal 50 Cent pro Tag ändert das aber nichts. Die Schulverwaltung zahlt ihm nicht mehr Geld.
Es sind die regionalen und dörflichen Behörden, die mehr als drei Viertel des Schulbudgets aufbringen müssen. Die Zentralregierung hat sich Schritt für Schritt aus der Verantwortung zurückgezogen – entgegen der Propaganda, in der viel von „Fürsorge für die Massen“ und „Chancengleichheit“ die Rede ist. Derzeit investiert China drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts ins Bildungswesen – weniger als der Durchschnitt der Entwicklungsländer.
Unterbezahlte Lehrer behelfen sich häufig in Selbstbedienungsmanier mit allen möglichen Gebühren. Sie erheben eine Trinkwasser-Gebühr, eine Frische-Blumen-Gebühr oder eine Fahrrad-Aufpass-Gebühr.
Li Xiao Peng macht das nicht. Es gibt keine Blumen in seiner Schule. Und auch keine Räder. Die Schüler kommen zu Fuß zur Schule. Einige brauchen mehr als eine Stunde. In eine Richtung. Sie kommen gerne. „Ich will viel lernen, ich will Wissenschaftlerin werden und wegkommen von diesem Berg“, erzählt die zehnjährige Wei Bing. Ihr Mitschüler Wei Hang sagt: „Mathe ist mein Lieblingsfach. Später will ich mal Koch werden und irgendwo anders leben.“
Mittlerweile sind in vielen Regionen Chinas die Kosten für den Schulbesuch zu einem der größten Ausgabeposten für Familien geworden. Viele müssen sich für die Ausbildung ihrer Kinder verschulden.
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Li will nicht, dass die Eltern seiner Kinder Schulgeld zahlen. Im Gegenteil: Der Lehrer gibt ihnen Geld. Im Sommer verdingt er sich als Wanderarbeiter, um sein Einkommen aufzubessern, er schleppt Zementsäcke: „Mit dem Geld, das ich verdient habe, habe ich die Medikamente für eine meiner Schülerinnen bezahlt, die Blutkrebs hat“, erzählt Li, „und ich hab die Uniausbildung von zwei Schülern mitfinanziert.“
Sieben Uhr morgens, es ist noch dunkel. Li und seine Schüler treten zu Morgengymnastik an. 20 Minuten später beginnt der Unterricht: Chinesisch. Im Chor sprechen die Kinder die Wörter nach, die Li an die Tafel schreibt. Atemwolken bilden sich vor den Mündern. Die Kälte kriecht einem die Glieder hoch, dabei sitzen die Schüler schon in ihren Winterjacken im Klassenzimmer. Erst in der Mittagspause können sie sich aufwärmen, wenn die Sonne den Schulhof erreicht hat.
Die Kinder spielen Fangen. Ihr Lehrer bereitet in einem Raum neben dem Klassenzimmer das Mittagessen vor – für sich und die Kinder. Diese Kammer ist sein Zuhause, zumindest in der Woche. Der Raum ist kärglich eingerichtet mit Kommode, Bett, Tisch und Ofen. Die Wände sind verrußt. Der Fußboden besteht aus kahlem Stein. Unter der Decke hängen aneinandergeklebte Plastiktüten, um zu verhindern, dass es reinregnet. Bei jedem Windstoß rascheln die Tüten. Fließendes Wasser gibt es nicht, nur einen Brunnen draußen.
In einem verbeulten Topf macht er Wasser warm. Er schüttet etwas Maismehl rein, schon bilden einige Kinder eine Schlange vor Li und warten, bis er ihnen die dünne Suppe in ihre Schüsseln füllt. Etwas eingelegtes Gemüse kommt hinzu. Ein ärmliches Essen, nicht besonders nahrhaft. Man sieht es den Kindern an. Sie sehen jünger aus als sie sind. Lis siebenjährige Tochter könnte als Drei- oder Vierjährige durchgehen.
Nach der Mittagspause geht es weiter mit Musik und Naturkunde. Um 18 Uhr ist der Unterricht zu Ende. Die Schüler machen sich auf den Heimweg. Li geht zu eine kranken Schülerin, die nicht zur Schule kommen kann, und übt mit ihr Chinesisch und Mathematik.
Am Wochenende geht Li in sein Heimatdorf, 20 Kilometer zu Fuß, mit der Tochter auf dem Rücken. In dem Dorf leben seine Frau, sein Vater und seine Schwiegermutter.
Seine Frau ist krank. Die Ehe zerrüttet, ebenso wie die Beziehung zu seiner Schwiegermutter: „Die sagt immer: ,Ich habe dir meine Tochter gegeben, weil du der Klügste im Dorf warst. Das war ein Fehler. Du bist der Dümmste. Ich war blind, als ich dir meine Tochter überließ'“, erzählt Li.
Er steht vom Bett auf – neben einem Stuhl die einzige Sitzmöglichkeit in seinem Zimmer – und geht zu einer Kommode mit schiefen Schubladen. Der rote Lack ist stellenweise abgeplatzt. Überall tiefe Kratzer. Li holt einen Stapel Unterlagen aus der Kommode: Einige Dutzend Schuldscheine hält er in der Hand. „Als meine Frau von den Schulden erfuhr, ist sie krank geworden.“
Li hat sich Geld geliehen, um seine Hochzeit zu bezahlen, um Medikamente für seinen Vater zu besorgen, um anderen zu helfen. 60 000 Yuan, umgerechnet 6 000 Euro, haben sich angehäuft. Das ist mehr als das Vierhundertfache seines Monatsgehalts.
„Ich schaff das, ich werd meine Schulden abbezahlen“, sagt er und hält neben den Schuldscheinen einen zweiten Stapel in die Höhe. Briefe mit Jobangeboten – von Schulen, die gehört haben, dass er mit Leib und Seele Lehrer ist. „Die bieten mir mehr Geld, als ich hier verdiene.“
Noch hat er aber keines der Angebote angenommen. Vielleicht nächstes Jahr. Dann wird eine seiner ehemaligen Schülerinnen ihr Lehrerstudium beenden. Sie will nach Dong Gan kommen, in ihr Heimatdorf und Lis Job übernehmen. „Ich werde sie noch einarbeiten“, erzählt er, „damit sie die notwendige Praxis bekommt im Umgang mit Kindern.“
Ganz unten aus der Schublade seiner Kommode holt er noch etwas anderes heraus – einen Artikel aus der Zeitschrift „Duzhe“, eine Art chinesischer Reader's Digest. Eine andere ehemalige Schülerin hat dort über ihre Schulzeit und ihren Lehrer geschrieben. Es ist ein Satz, den Li uns vorliest: „Ich will mal Parteichefin werden, damit ich meinem Lehrer einige Wünsche erfüllen kann – so wie er uns unsere Wünsche erfüllt hat.“


