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27.04.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Mit allen Konsequenzen

von Katharina Slodczyk

Li Xiao Peng arbeitet seit 19 Jahren als Lehrer – stets in einer abgelegenen Dorfschule, wo kein anderer unterrichten will. Der Mann sucht sich solche Schulen bewusst aus.

Li Xiao Peng im Klassenzimmer: "Es reicht mir, in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder zu schauen. das entschädigt für alles und motiviert jeden Tag aufs Neue." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Li Xiao Peng im Klassenzimmer: "Es reicht mir, in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder zu schauen. das entschädigt für alles und motiviert jeden Tag aufs Neue." Foto: Qilai Shen/sinopix

DONG GAN. Die letzten Kilometer müssen wir zu Fuß gehen – einen schmalen Weg, der sich den Berg hochwindet. Das Wetter hat tiefe Rillen in den Pfad gegraben. In einigen hat der Frost kleine Gebirge geformt, in anderen sind Pfützen zugefroren. Es ist Ende Februar, offiziell hat in China der Frühling begonnen. Hier ist er noch nicht angekommen. Überall liegen Schneereste. Bis vor zwei Tagen war die Region noch völlig eingeschneit.

Der Weg wird etwas breiter, ein Bach rauscht den Berg hinab. Es geht vorbei an grauen Häusern, kleinen Feldern an steilen Hängen und dürren Bäumen. Der Weg macht einen Knick. Wir haben unser Ziel erreicht: ein kleines Backsteinhaus – die Schule von Dong Gan, einem Dörfchen in der Provinz Shaanxi im Nordwesten von China – drei holprige Autostunden und eine stramme Ein-Stunden-Wanderung von der alten Kaiserstadt Xian entfernt.

Li Xiao Peng steht an der Tafel und erklärt eine Rechenaufgabe: 14 multipliziert mit 12. Vor ihm sitzen 17 Kinder, sieben bis zwölf Jahre sind sie alt. Alle Schüler hocken auf einem Stuhl, der mit dem Tisch vor ihnen verbunden ist. Sie sahen wahrscheinlich mal schön aus, diese Möbel in Weiß und Hellblau. Jetzt sind sie nur schief, wackelig und schmutzig vom Regen, der gelegentlich durch das löchrige Dach prasselt. Er fällt auf gestampften Lehmboden.

Das Zimmer ist kahl – bis auf die Wandtafel und ein paar Propagandaschriftzüge daneben. In einer Ecke stapeln sich ramponierte Tische, in einer anderen leere Kartons. Die Fensterscheiben sind kaputt, die Tür ist aus Brettern schief zusammengenagelt. Wind pfeift durch alle Löcher.

Hinten im Klassenzimmer steht ein Holzöfchen, die Wärme reicht aber nicht mal aus, um uns, die direkt in der Nähe sitzen, die Kälte aus den Gliedern zu treiben. Weil das Holz nicht reicht, wird ohnehin nur für Gäste geheizt, für uns Journalisten und eine Dolmetscherin.

Seit acht Jahren unterrichtet Li Xiao Peng in der Dorfschule von Dong Gan – hier in der Einöde, wo die Behörden Schwierigkeiten haben, freie Lehrerstellen zu besetzen, wo er für umgerechnet 13 Euro im Monat arbeitet, wo er jeden Bleistift, jedes Buch, jedes Blatt Papier selbst den Berg hochschleppen muss.

Er liebt seine Arbeit: „Es reicht mir, in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder zu schauen“, erzählt er. „Das entschädigt für alles und motiviert jeden Tag aufs Neue.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sanft und doch sehr zäh

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