Die aktuelle Schulklasse von Lehrer Li: Bildung ist in China auch im Jahr 2008 keine Selbstverständlichkeit. Foto: Katharina Slodczyk
Li Xiao Peng ist 36 Jahre alt, ein kleiner, schmaler Mann, der die ältesten seiner Schüler kaum überragt. Er spricht mit einer sanften Stimme. Nie streng, nie barsch. Nur das, was er sagt, verrät gelegentlich, wie kompromisslos und zäh er ist: „Ich habe mich für dieses Leben entschieden – mit allen Konsequenzen.“
Seit 19 Jahren arbeitet Li als Lehrer. Stets in einer Dorfschule, irgendwo abgelegen. Das ist kein Zufall, er sucht sich solche Schulen bewusst aus: „Bevor meine Mutter gestorben ist, hab ich ihr versprochen, Kindern aus armen Verhältnissen das zu ermöglichen, was sie mir ermöglicht hat: zu lernen und sich die Voraussetzungen für ein besseres Leben zu erarbeiten.“
300 Schüler hat Li bis heute unterrichtet, zwölf haben es an die Universität geschafft, einer sogar an eine der Elite-Hochschulen in Peking.
Bildung ist auch im Jahr 2008 keine Selbstverständlichkeit in China, denn sie kostet Geld. Vor allem Menschen auf dem Land können sie sich daher nicht leisten. Das ist einer der Gründe für ein enormes Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land, zwischen den reichen Provinzen im Osten und dem armen im Westen – ein Gefälle, das für zunehmende soziale Spannungen sorgt.
Li Xiao Peng war stets Klassenbester, er war Klassensprecher, er hat gern gelernt, er hat sich auf sein Studium gefreut. Jahrelang und gewissenhaft hat er sich auf die entscheidende Prüfung vorbereitet, die Zugangsvoraussetzung für die Universität. Wäre da nicht der Unfall gewesen, der seinen Vater zum Invaliden machte; 15 Tage vor der Prüfung. „Da war klar, ich muss nicht antreten zu dieser Prüfung. Meine Eltern waren nicht mehr in der Lage, mir das Studium zu finanzieren“, erzählt Li.
Sein Vater war Bauer, seine Mutter hat Müll gesammelt, um das Schulgeld für den Sohn zu bezahlen. Nach dem Unfall war der Vater querschnittsgelähmt. Das Geld der Mutter reichte gerade so, um die Familie über die Runden zu bringen.
Li kommentiert das nicht. Kein Wort des Bedauerns. Keine Spur von Selbstmitleid. Keine Regung in seinem Gesicht. Mit gleichbleibender Stimme erzählt er, wie sich sein Leben änderte.
Nach der Mittelschule arbeitet Li als Buchhalter bei einem Parteisekretär. Dort bleibt er nicht lange. In den ersten Monaten sieht er Statistiken mit der Zahl der Schüler in dem Landkreis, für den sein Chef zuständig ist. „Mir ist aufgefallen“, erzählt Li, „dass sehr wenige Kinder zur Schule gingen.“ Er entschließt sich, Lehrer zu werden.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Viele Kinder müsse die Grundschule abbrechen

