In dieser Dorfschule unterricht Li seine Kinder. Früher residierte hier der Dorfvorsteher. Foto: Katharina Slodczyk
Nach offiziellen Angaben gehen fast alle chinesischen Kinder zur Grundschule, sechs Jahre lang. Daran schließen sich drei Jahre Mittelschule an. Das ist Pflicht.
Tatsächlich aber müssen viele schon diese Grundschulausbildung vorzeitig abbrechen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können, weil sie Hilfe in der Landwirtschaft brauchen, weil es auf dem Land nicht genug Lehrer gibt und Dorfschulen verfallen. So wie die, die Li in Dong Gan vorfindet, wo er im Sommer 2000 seinen Job antritt: ein Steinhaus, die Mauern teilweise eingefallen, die Fenster unverglast. Der Pfad dahin verwandelt sich in eine Schlammpiste, wenn es regnet.
Li überredet den Dorfvorsteher, der Schule andere Räume zu geben. Er zieht mit den Schülern in das Gebäude der Dorfregierung, diese baut sich ein neues Haus. Li überredet einen Bauunternehmer, den Weg, der zur Schule führt, zu planieren, damit er das ganze Jahr über begehbar ist.
Schon drei andere Schulen hat er so auf Vordermann gebracht – im bescheidenen Rahmen. Die Schüler hat es gefreut, Li hat es nichts gebracht: „Als die Schule attraktiver wurde, hatte das Dorf nicht mehr das Problem, einen Lehrer zu finden“, sagt er. Er wurde ausgetauscht – gegen einen, der Pädagogik studiert hatte.
Das kann ihm heute nicht mehr passieren. Li hat jetzt sein Lehrerdiplom. Parallel zu seiner Arbeit hat er vor vier Jahren ein Fernstudium gemacht. An seinem Gehalt von umgerechnet nicht mal 50 Cent pro Tag ändert das aber nichts. Die Schulverwaltung zahlt ihm nicht mehr Geld.
Es sind die regionalen und dörflichen Behörden, die mehr als drei Viertel des Schulbudgets aufbringen müssen. Die Zentralregierung hat sich Schritt für Schritt aus der Verantwortung zurückgezogen – entgegen der Propaganda, in der viel von „Fürsorge für die Massen“ und „Chancengleichheit“ die Rede ist. Derzeit investiert China drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts ins Bildungswesen – weniger als der Durchschnitt der Entwicklungsländer.
Unterbezahlte Lehrer behelfen sich häufig in Selbstbedienungsmanier mit allen möglichen Gebühren. Sie erheben eine Trinkwasser-Gebühr, eine Frische-Blumen-Gebühr oder eine Fahrrad-Aufpass-Gebühr.
Li Xiao Peng macht das nicht. Es gibt keine Blumen in seiner Schule. Und auch keine Räder. Die Schüler kommen zu Fuß zur Schule. Einige brauchen mehr als eine Stunde. In eine Richtung. Sie kommen gerne. „Ich will viel lernen, ich will Wissenschaftlerin werden und wegkommen von diesem Berg“, erzählt die zehnjährige Wei Bing. Ihr Mitschüler Wei Hang sagt: „Mathe ist mein Lieblingsfach. Später will ich mal Koch werden und irgendwo anders leben.“
Mittlerweile sind in vielen Regionen Chinas die Kosten für den Schulbesuch zu einem der größten Ausgabeposten für Familien geworden. Viele müssen sich für die Ausbildung ihrer Kinder verschulden.
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