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27.04.2008 

Blick ins Klassenzimmer: Li beim Unterricht. Foto: Katharina SlodczykLupe

Blick ins Klassenzimmer: Li beim Unterricht. Foto: Katharina Slodczyk

Li will nicht, dass die Eltern seiner Kinder Schulgeld zahlen. Im Gegenteil: Der Lehrer gibt ihnen Geld. Im Sommer verdingt er sich als Wanderarbeiter, um sein Einkommen aufzubessern, er schleppt Zementsäcke: „Mit dem Geld, das ich verdient habe, habe ich die Medikamente für eine meiner Schülerinnen bezahlt, die Blutkrebs hat“, erzählt Li, „und ich hab die Uniausbildung von zwei Schülern mitfinanziert.“

Sieben Uhr morgens, es ist noch dunkel. Li und seine Schüler treten zu Morgengymnastik an. 20 Minuten später beginnt der Unterricht: Chinesisch. Im Chor sprechen die Kinder die Wörter nach, die Li an die Tafel schreibt. Atemwolken bilden sich vor den Mündern. Die Kälte kriecht einem die Glieder hoch, dabei sitzen die Schüler schon in ihren Winterjacken im Klassenzimmer. Erst in der Mittagspause können sie sich aufwärmen, wenn die Sonne den Schulhof erreicht hat.

Die Kinder spielen Fangen. Ihr Lehrer bereitet in einem Raum neben dem Klassenzimmer das Mittagessen vor – für sich und die Kinder. Diese Kammer ist sein Zuhause, zumindest in der Woche. Der Raum ist kärglich eingerichtet mit Kommode, Bett, Tisch und Ofen. Die Wände sind verrußt. Der Fußboden besteht aus kahlem Stein. Unter der Decke hängen aneinandergeklebte Plastiktüten, um zu verhindern, dass es reinregnet. Bei jedem Windstoß rascheln die Tüten. Fließendes Wasser gibt es nicht, nur einen Brunnen draußen.

In einem verbeulten Topf macht er Wasser warm. Er schüttet etwas Maismehl rein, schon bilden einige Kinder eine Schlange vor Li und warten, bis er ihnen die dünne Suppe in ihre Schüsseln füllt. Etwas eingelegtes Gemüse kommt hinzu. Ein ärmliches Essen, nicht besonders nahrhaft. Man sieht es den Kindern an. Sie sehen jünger aus als sie sind. Lis siebenjährige Tochter könnte als Drei- oder Vierjährige durchgehen.

Nach der Mittagspause geht es weiter mit Musik und Naturkunde. Um 18 Uhr ist der Unterricht zu Ende. Die Schüler machen sich auf den Heimweg. Li geht zu eine kranken Schülerin, die nicht zur Schule kommen kann, und übt mit ihr Chinesisch und Mathematik.

Am Wochenende geht Li in sein Heimatdorf, 20 Kilometer zu Fuß, mit der Tochter auf dem Rücken. In dem Dorf leben seine Frau, sein Vater und seine Schwiegermutter.

Seine Frau ist krank. Die Ehe zerrüttet, ebenso wie die Beziehung zu seiner Schwiegermutter: „Die sagt immer: ,Ich habe dir meine Tochter gegeben, weil du der Klügste im Dorf warst. Das war ein Fehler. Du bist der Dümmste. Ich war blind, als ich dir meine Tochter überließ'“, erzählt Li.

Er steht vom Bett auf – neben einem Stuhl die einzige Sitzmöglichkeit in seinem Zimmer – und geht zu einer Kommode mit schiefen Schubladen. Der rote Lack ist stellenweise abgeplatzt. Überall tiefe Kratzer. Li holt einen Stapel Unterlagen aus der Kommode: Einige Dutzend Schuldscheine hält er in der Hand. „Als meine Frau von den Schulden erfuhr, ist sie krank geworden.“

Li hat sich Geld geliehen, um seine Hochzeit zu bezahlen, um Medikamente für seinen Vater zu besorgen, um anderen zu helfen. 60 000 Yuan, umgerechnet 6 000 Euro, haben sich angehäuft. Das ist mehr als das Vierhundertfache seines Monatsgehalts.

„Ich schaff das, ich werd meine Schulden abbezahlen“, sagt er und hält neben den Schuldscheinen einen zweiten Stapel in die Höhe. Briefe mit Jobangeboten – von Schulen, die gehört haben, dass er mit Leib und Seele Lehrer ist. „Die bieten mir mehr Geld, als ich hier verdiene.“

Noch hat er aber keines der Angebote angenommen. Vielleicht nächstes Jahr. Dann wird eine seiner ehemaligen Schülerinnen ihr Lehrerstudium beenden. Sie will nach Dong Gan kommen, in ihr Heimatdorf und Lis Job übernehmen. „Ich werde sie noch einarbeiten“, erzählt er, „damit sie die notwendige Praxis bekommt im Umgang mit Kindern.“

Ganz unten aus der Schublade seiner Kommode holt er noch etwas anderes heraus – einen Artikel aus der Zeitschrift „Duzhe“, eine Art chinesischer Reader's Digest. Eine andere ehemalige Schülerin hat dort über ihre Schulzeit und ihren Lehrer geschrieben. Es ist ein Satz, den Li uns vorliest: „Ich will mal Parteichefin werden, damit ich meinem Lehrer einige Wünsche erfüllen kann – so wie er uns unsere Wünsche erfüllt hat.“

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