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19.09.2005 
Üppig-rascher Reichtum und alte Armut kontrastieren in der russischen Hauptstadt

Moskau im Geld-Fieber

von Claudia Bette-Wenngatz

In Moskau rollt der Rubel. Nirgendwo in der Welt ist die Auswahl von Escada, Dior, Versace & Co. zurzeit umfangreicher als in der russischen Hauptstadt. Das Moskau von heute ist schnelllebig und spontan, kosmopolitisch und konsumorientiert.

Elena, die Architektin, gehört zu den reichen Russinnen und könnte ihr Outfit in Berlin, London, Paris oder New York kaufen. Am liebsten geht sie jedoch in die Designerboutiquen im Kaufhaus Gum am Roten Platz oder in die exklusive Tretjakowskij Passage. Nirgendwo in der Welt ist die Auswahl von Escada, Dior, Versace & Co. zurzeit umfangreicher als in der russischen Hauptstadt. Vor dem Hyatt Hotel, dem exklusivsten und teuersten Hotel der Stadt mit Zimmerpreisen ab 500 Dollar, parken frisch polierte Maybachs, Bentleys und 600er-Mercedes-Limousinen in Zweierreihen.

In der minimalistisch stilisierten Hotelhalle treffen sich Manager und Models zu Champagner, Kaviar-Häppchen und Sushi. Auf den Tischen liegen pro Mann zwei bis drei Mobiltelefone, die Mädchen - blond, versteht sich - könnten auch aus London, Paris oder New York sein. Nur an der Sprache ist zu erkennen, dass wir uns in Moskau befinden.

Kein Zweifel: der Rubel rollt.

Das Moskau von heute ist schnelllebig und spontan, kosmopolitisch und konsumorientiert. Ein cleveres, oft lautes Straßenkind, das sich zwischen stalinistischen Zuckerbäckerbauten und Aristokratenpalais aus der Zarenzeit neu orientiert. Eine Stadt, die rund um die Uhr in Bewegung zu sein scheint, ohne zur Ruhe zu finden.

Wo Feinschmeckerläden und überquellende Supermärkte mit deutschem Kaffee, englischem Tee, französischem Käse und russischem Kaviar rund um die Uhr geöffnet sind, ebenso wie viele Kasinos, Klubs und Restaurants.

Wo riesige Baustellen, etwa das neue Ritz Carlton Hotel am Manegenplatz, das 2006 eröffnet wird, mit überdimensionalen Bulgari - und Rolex-Reklamewänden verkleidet sind und zwischen sozialistischen Grau-in-Grau-Fassaden spiegelverkleidete Wolkenkratzer aufragen.

Im Schatten der Kremlmauern trifft sich die Jugend im fünf Stockwerke tiefen Shopping-Center unter dem Manegenplatz bei Douglas und McDonald?s. Gleich um die Ecke glitzern in den Juweliergeschäften auf der Twerskaja, der schönsten Einkaufsstraße der Stadt, die Chronometer von Rolex und Cartier in den Schaufenstern, während in der Metrostation darunter zwischen Marmorsäulen gefälschte Uhren und Louis-Vuitton-Taschen, Dessous und Diskomode zu Schnäppchenpreisen angeboten werden.


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Aber es gibt auch das andere Moskau. Unter den goldenen Kuppeln der Erlöserkirche, die 1997 auf den Fundamenten einer Schwimmhalle mit Spenden privater Sponsoren wieder errichtet wurde, stehen Rentner an Imbissständen, essen für wenige Rubel Blinis und trinken Kwass, den herben Brottrunk.

Viele können sich nicht einmal den Kwass leisten. Das Gefälle zwischen Reich und Arm ist so tief wie die Schächte in den Metrostationen, wo die Rolltreppen in beträchtlicher Geschwindigkeit in die Tiefe sausen.

"Den Rentnern, vor allem denjenigen, die keine unterstützende Familie haben, geht es am schlechtesten", erzählt Lena, eine Stadtführerin, die als Gymnasiallehrerin gerade mal rund 300 Dollar im Monat verdient. Ein Auto hat sie - natürlich - nicht, also fährt sie wie viele andere mit der Metro oder per Anhalter, weil ein Taxi viel zu teuer wäre.

Viele Moskowiter leben gerade mal am Existenzminimum, können sich oft nicht mal die Waren leisten, die die Straßenhändler überall für die Einheimischen zu wesentlich günstigeren Preisen als im Geschäft anbieten, während die neuen Reichen ihr Geld - vorzugsweise bar - in indischen Restaurants, kubanischen Musikkneipen, japanischen Sushibars und französischen Feinschmeckerrestaurants ausgeben.

Für Touristen ist die Stadt eigentlich nicht gefährlicher als Großstädte wie Berlin oder London. Groß und nicht immer ungefährlich zeigt sich Moskau als Austragungsort von Konkurrenzkämpfen um Monopole, seien es Erdgas, Erdöl, Telekommunikations- oder Unterhaltungsmärkte.

Leibwächter sei zum Traumjob für viele junge Leute geworden, wundert sich die überaus friedfertige Lena. Die neuen Reichen, sagt sie, müssten sich vorzugsweise voreinander schützen.

Oasen der Ruhe sind selten in einer Metropole, in der die Aufbruchstimmung alles andere überrennt. Aber es gibt sie.

Auf dem Friedhof des Neujungfrauenklosters zum Beispiel, wo zwischen den Gräbern von prominenten Schauspielern, Politikern und Nationalhelden Bänke stehen, auf denen die Trauernden Picknick machen und dabei Zwiesprache halten mit den Verstorbenen. Einer der Toten hier auf dem Novodjewitschie Kladbischtsche ist Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der elf Jahre lang Partei- und Staatschef der Sowjetunion gewesen war.

Selbst im Kreml finden wir ruhige Plätze, wo Moskowiter andächtig an der Ikonenwand stehen und gregorianischen Gesängen lauschen. Oder im Bolschoi-Theater, wo Musik und Tanz Reiche und Arme eint, oder in Museen wie der Tretjakow-Galerie mit Werken russischer Künstler und den schönsten russischen Ikonen, wo die Eintrittspreise für Einheimische deutlich günstiger sind als für Touristen.

All das fügt sich zu Kontrasten, die im Straßenbild noch offenbarer sind. Manolo Blahnik Stilettos für 500 Euro gibt?s gleich neben dem Tante-Emma-Laden, wo 100 Gramm russische Wurst einen Euro und Hertawurst aus Deutschland acht Euro kosten. Boutiquen von russischen Designerstars wie Igor Tschapurin und Masha Tsigal lieben zwischen Klöstern und Karateschulen.

Hinter farblosen Fassaden verbergen sich Feinschmeckertempel wie Fauchon aus Paris, Gourmetrestaurants wie Carré Blanc oder Palazzo Ducale, Klubs wie Prado und Szenetreffs wie Kafe Pushkin, Galereya oder Vogue Café mit einem Speisen- Spagat zwischen Sushi, Borschtsch und Gänseleberparfait.

Für westliche Besucher, jedenfalls für die, die des Russischen nicht mächtig sind, sind sie alle gut getarnt. Kyrillische Buchstaben beherrschen das Straßenbild. "In München oder Mailand können wir ja auch nichts lesen", meint die kluge Stadtführerin dazu - und offenbart damit viel vom neuen Selbstbewusstsein im boomenden Moskau.

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