1 350 Gäste, ein Festschmaus: Jahr für Jahr lädt die Nobel-Stiftung ihre frisch gebackenen Preisträger zum Dinner nach Stockholm. Wie Schweden seine Gäste verwöhnt – und warum hinterher immer wieder Porzellan und Kaffeelöffel fehlen.
STOCKHOLM. Der Abend duldet keinen Zufall. Es ist vierzehn Minuten nach 19 Uhr, als Carl XVI. Gustaf sich von Platz 22 an Tisch A in der Blauen Halle des Stadthauses von Stockholm erhebt und den ersten Toast ausspricht. Seine Majestät prostet erst nach rechts, dann nach links, zum Wohle Alfred Nobels. Mit Champagner, einem elf Jahre alten „Jacquart Brut Mosaïque Millésimé“, beginnt eins der feinsten Dinner der Welt – dem für die Nobelpreisträger, Ausgabe 2007.
Seit 1901 lädt die Nobel-Stiftung Jahr für Jahr zur Feier am 10. Dezember ein, dem Tag, an dem der Stifter 1896 starb. Hinterlassen hat der reiche Schwede die berühmteste Auszeichnung der Welt – und die hat seit jeher ihre Traditionen. Die 10 000 Rosen, Nelken, Lilien und Kallas, die die Blaue Halle schmücken, sind so eine: Sie kommen – wie immer – aus San Remo, wo Nobel zuletzt lebte.
1 350 Gäste sind im 106. Jahr zum Nobel-Dinner geladen, darunter frühere Laureaten, Mitglieder der Akademie, die höchste Garde der schwedischen Politik, 200 junge schwedische Wissenschaftler, die den Abend Fortune bei einer Lotterie unter Abertausenden Kommilitonen verdanken – und die Preisträger samt ihrer Familien. Der mit 90 Jahren älteste Preisträger aller Zeiten, der Ökonom Leonid Hurwicz, konnte die Reise von Minnesota nach Stockholm zwar nicht mehr auf sich nehmen – sein 20 Jahre alter Enkel Adam ließ sich den Trip nach Europa von seinem Studienort Yale aus aber nicht nehmen.
Als um 19.25 Uhr „Homard en daube avec flétan à l’aneth et oeufs d’ablette de Kalix“ auf Tellern mit grün-goldener Borte serviert und dazu „Corton Grand Cru Grèves Bourgogne“, Jahrgang 2002, kredenzt wird, hat einer der beiden deutschen Laureaten, Jahrgang 2007, der Physiker Peter Grünberg, seine Tischnachbarin schon kennengelernt: Madeleine Thérèse Amelie Josephine Prinzessin von Schweden, 25, „die hübschere der beiden Schwestern“, wie Grünberg schon am Abend zuvor schmunzelnd angekündigt hatte. Die Königstochter hält, was sich der 68 Jahre alte Ehrengast aus Jülich von ihr verspricht: So viel haben sie einander zu erzählen, dass „ich gar nicht zum Essen kam“.
Die unterhaltsame Nachbarschaft verdankt Grünberg Michael Sohlman, dem Enkel von Ragnar Sohlman, Alfred Nobels Assistenten und Nachlassverwalter. Michael Sohlman ist Direktor der Nobel-Stiftung und damit im „Generalstab einer Wehrpflichtarmee“, wie er augenzwinkernd sagt. Er hätte auch, wäre er nicht so bescheiden, sagen können: der Generalstabschef. Die Sitzordnung beim Dinner ist eine seiner heikelsten Aufgaben.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Selbst beim Nobel-Dinner ist der Geschmack mitunter schlecht.
Weil Unvorhersehbares unerwünscht ist, lässt sich Sohlman dabei von den Sekretären der Nobel-Komitees helfen – weil sie ihre Fachkollegen meist besser kennen. „Bisweilen gibt es ja schließlich Leute, die nicht zusammen sitzen sollen.“ Einst hatte ein Preisträger sowohl Ehefrau als auch Ex-Ehefrau dabei und „wollte besonders, dass sie so sitzen, dass sie einander nicht sehen können“.
Und Robert Mundell, der die globalen Kapitalströme in Formeln gefasst hat und dafür 1999 den Nobelpreis bekam, wollte seinen Sohn dabei haben – der im Jahr der Preisvergabe aber noch Windeln trug und mit zwei Jahren der jüngste Gast eines Nobel-Banquets war. Michael Sohlman machte auch das möglich – und zitiert weise Friedrich den Großen: „Chacun á son goût.“ Jeder nach seinem Geschmack.
Der ist bisweilen aber selbst beim Nobel-Dinner schlecht. Jahr für Jahr verschwindet samt den Gästen mit Schwalbenschwänzen und Abendroben Porzellan, das sich die Nobel-Stiftung 1991 zu ihrem 90. Geburtstag leistete. Auch die goldenen Kaffeelöffelchen erfreuen sich größter Beliebtheit. „Erstaunlich“, kommentiert Sohlman, seien „solche Sachen“. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir haben noch keine Metalldetektoren eingeführt.“
Die blau- und goldumrandeten Teller für das „Duo de coquelet avec terrine de pommes de terre ,almond’ et céleri-rave“ stehen bereits gewärmt auf allen 66 Tafeln, als über 200 Kellner den Hauptgang eine Stunde nach dem königlichen Eröffnungstoast servieren – Punkt 20.11 Uhr wie geplant.
Wer ein Teil der prachtvollen Choreografie sein will, muss funktionieren. Magnus Johansson vom Stockholmer „Dessert Café Xoko“ zum Beispiel, der seine Mannen von der Küche im Türmchen im sechsten Stock mit nur vier Aufzügen in den Festsaal im ersten Stock lotsen muss. Oder die Tänzer des Königlichen Schwedischen Balletts, die zu Ehren des 100. Geburtstags von Astrid Lindgren auf jenen 42 Stufen tanzen, die zuvor Ihre Majestät und Laureaten hinuntergeschritten sind. Damit auch Grünberg, der zweite deutsche Preisträger Gerhard Ertl und die anderen großen Geister ihre Schritte kennen, haben sie morgens um halb elf eine Generalprobe hinter sich gebracht. Der Bückling vor dem König, morgens noch von Michael Sohlman gedoubelt, will geübt sein.
Als um zehn Minuten nach 21 Uhr der Auftritt der Ballerinas in die Dessert-Parade übergeht und 1 350 Gäste zeitgleich „Marquise aux pistaches, framboises et cassis accompagnée de glace vanille“ vor sich finden, sind die Tischgespräche in vollem Gange.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Mit den Jahren hat sich manches geändert.
Ein alter Schulfreund von Ökonomiepreisträger Roger Myerson verrät, dass der schon mit zwölf Jahren etliche Spiele, „bei denen man denken musste“, gewonnen hat und dass er nun endlich verstehe, warum das so war. Prinzessin Madeleine erzählt Peter Grünberg derweil von Studium und Zukunftsplänen.
Nur Assar Lindbeck legt beim Dessert als einer der Ersten den goldenen Löffel weg. Das sei doch „the same procedure as every year“. Der weißhaarige Wirtschaftsprofessor von der Uni Stockholm ist seit 1969 das 37. Mal zu Gast – nur zweimal hat er ausgesetzt, als er in den USA lebte. Jahr für Jahr trägt er am 10. Dezember denselben Frack: „Das ist über die Jahre billiger als leihen.“
Manches hat sich natürlich schon verändert, jedenfalls seit dem ersten Nobel-Dinner 1901. Da speisten nur 113 Herren im Grand Hotel – dem Zuhause der Laureaten in der Nobelwoche. Zwei Jahre später war mit Marie Cuire die erste Dame geladen.
Fanfarenstöße, studentische Flaggenparade und Dankesreden der Laureaten gab es aber auch damals. In diesem Jahr dürfen Oliver Smithies für die Mediziner, Eric Maskin für die Ökonomen, der Physiker Albert Fert und Chemiker Ertl vom blumenverzierten Treppenabsatz zur königlichen Familie und den Gästen sprechen. Auch ein paar deutsche Worte klingen im glitzernden Saal, als Ertl Heisenberg und Goethe zitiert.
Jeder zwei Minuten, dann ist Zeit für ein letztes majestätisches Rechts, Links – „Skål“. Das ist das Signal: Aufstehen und flanieren ist nun erlaubt – in Richtung Goldener Halle, wo das Orchester Ambassadeur musiziert.
Als nach Mitternacht die Amerikaner Myerson und Maskin auf einer Party in der Aula der Stockholmer Uni trotz Frackzwang tanzen und Grünberg mit Kollegen im Grand Hotel anstößt, sind Carl Gustaf und Silvia längst wieder en famille. Und einer ist froh, dass endlich alles vorbei ist: Ertls jüngster Enkelsohn. Der ist erst nach einem Schinkenbrot im Hotel eingeschlafen.


